Immer schneller, immer mehr – wer meistert das wie?

15. Jänner 2016, 05:30
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Arbeitnehmer klagen, immer mehr in immer kürzerer Zeit tun zu müssen. Gewisse Eigenschaften dürfen für den Wandel wappnen

Megatrends wie Globalisierung und Digitalisierung beschleunigen nicht nur das Lebens-, sondern auch das Arbeitstempo erheblich. Entscheidungen müssen innerhalb kürzester Zeit getroffen werden – das bietet im internationalen Wettbewerb Vorteile. Die Steuerung von Veränderungsprozessen wird zur zentralen Aufgabe des Managements.

Auch die Bedingungen für den Einzelnen ändern sich maßgeblich: Arbeit wird durch mobile Devices nicht nur zeitlich und örtlich entgrenzt (nach dem Motto "always on"), sondern verdichtet sich auch; ist quasi potenziell rascher zu erledigen. Um terminliche Vorgaben erfüllen zu können, verzichtet der Arbeitende mitunter auf Pausen, erledigt mehreres gleichzeitig, erhöht das Arbeitstempo. Schneller gilt heute oft als besser.

Unterschiedlich im Umgang

Diese Dynamisierung, diese Intensivierung lässt ihre Akteure nicht völlig unberührt. Wie Berufstätige nun mit den neuen Anforderungen umgehen, erforschen Christian Korunka und Bettina Kubicek an der Fakultät für Psychologie der Universität Wien. Einerseits, halten die Wissenschafter in einem Paper zum Thema fest, schaffe Beschleunigung für die Arbeitenden gewisse Vorteile – "sie bringt technologische Verbesserungen und neue Handlungsmöglichkeiten mit sich" – andererseits führe sie zu Stress, Zeitdruck und dem ständigen "Gefühl, mit Veränderungen nicht mithalten zu können". Eine komplexe Mischung aus Enthusiasmus, Angst und Unsicherheit also.

Beim Umgang mit den Veränderungen sei nun eine "deutliche Polarisierung zu beobachten", sagt Korunka, Psychologe und Psychotherapeut, zum STANDARD.

Angst versus Kick

Einerseits gäbe es jene Arbeitnehmer, denen die stetige Beschleunigung Angst mache; bei ihnen seien negative Auswirkungen auf das Wohlbefinden im Job und sogar auf die Gesundheit möglich. Andererseits gäbe es jene, die den Wandel als positive Herausforderung erleben, bei ihnen würden beschleunigte Arbeitsanforderungen sogar zu mehr Zufriedenheit im Job führen. Korunka: "Die Erfahrung, sie erfolgreich bewältigen zu können, kann ein Hochgefühl erzeugen und zur Arbeit anspornen".

So würden beispielsweise Führungskräfte in Interviews davon berichten, dass das Arbeiten unter ständigem Zeitdruck für sie ein "Kick" sei, den sie als berauschend empfinden. "Indem sie sich den Dringlichkeiten und dem Rhythmus eines schnellen Arbeitstempos hingaben, mussten sie sich nicht mehr selbst motivieren", sagt Korunka. "Insofern kann Beschleunigung die Leistung steigern, den Arbeitsfluss in Gang setzen, ja sogar Freude bereiten."

Notwendige Ressourcen

Gäbe es jedoch gar keine Zeit mehr zum Verschnaufen, könne die Begeisterung aber schnell umschlagen, zu Erschöpfung führen – bis hin zur Depression. Sie versteht Sozialwissenschafterin Vera King als die "pathologische Kehrseite einer gesellschaftlichen Entwicklung, die der Devise 'Immer schneller, immer mehr' folgt".

Wie unterschiedliche Personen die Entwicklung nun bewerten, hänge ganz entscheidend von ihren jeweiligen "Ressourcen" ab, schreiben Korunka und Kubicek. Unter Ressourcen verstehen sie dabei Arbeitssituation, Umfeld in der Organisation, Persönlichkeit und sozioökonomischen Status.

Wer von Kollegen oder dem Chef bei neuen Aufgaben unterstützt werde, stehe dem Wandel der Arbeitswelt tendenziell positiver gegenüber. "Rat und Aufmunterung helfen dabei, zunehmende Unsicherheiten und permanente Anpassung zu meistern."

Optimismus hilft

Auch Optimismus spiele eine entscheidende Rolle; optimistische Personen seien hoffnungsvoller und widerstandsfähiger. "Daher sehen sie die neuen Anforderungen eher als Herausforderung." Helfen würde auch ein hohes Maß an Selbstkontrolle.

Schließlich, so die Forscher, sei auch der sozioökonomische Status ein entscheidender Faktor. Denn: Geld, ein guter Bildungsabschluss oder soziale Netzwerke bieten Sicherheit. "So dürfte es Personen mit höherem sozioökonomischem Status leichter fallen, Unsicherheiten zu managen, die aus dem beschleunigten technologischen und sozialen Wandel resultieren."

Manager versus Skeptiker

Analog unterscheiden Korunka und Kubicek vier Typen: den Manager, den Spieler, den Skeptiker und den Getriebenen.

Der Manager nutzt technologische Neuerungen für seine Karriere. Der Skeptiker macht nur vom Notwendigsten Gebrauch, er setzt auf Traditionen. Der Spieler wiederum wendet technologische Tools je nach Bedarf an, er "jongliert" mit Möglichkeiten. Ängste und Unsicherheiten überwiegen schließlich im Umgang des Getriebenen mit moderner Technik.

Traditionell habe es sie in der Arbeitswelt zwar immer schon gegeben, die Gewinner und die Verlierer, erläutert Psychologe Korunka, "durch technologische Entwicklung, Beschleunigung verstärken sich die Unterschiede aber noch." (Lisa Breit, 15.1.2016)

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  • Das Arbeitstempo hat sich in den vergangenen Jahren massiv erhöht – durch neue Technologien, aber auch durch engere Deadlines.
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  • Die Notwendigkeit, berufliche Fähigkeiten und Fertigkeiten beständig weiterzuentwickeln, lässt Arbeitnehmern kaum mehr Zeit zur Erholung. Verschärfend wirken laut Experten Jobunsicherheit und der Umstand, dass viele Beschäftigte nur noch wenige feste Kollegen und Vorgesetzte haben.
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