Hinausdenken über Integration und Inklusion

Userkommentar11. Jänner 2016, 20:04
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Warum es eine transnationale Öffentlichkeit braucht und sich nicht nur Flüchtlinge, sondern auch Staaten anpassen müssen

Wenn es um die "Flüchtlingsfrage" geht, hört man von Grenzen und Zäunen, von Verleumdungen und Hetze, spricht davon, wie viel Geld uns die Asylanten kosten, oder man diskutiert, wie die sogenannte Integration funktionieren muss. Die Menschen, die zu uns kommen, werden immer als Problem gedacht, als Gefahr, als "Sozialschmarotzer" oder als Werteverlust für unsere Gesellschaft – niemals jedoch als Chance.

Flüchtlinge, die von Land zu Land getrieben werden, verstehen mehr als andere, dass die Geschichte kein Buch mit sieben Siegeln ist. Sie wissen um die Fragilität des Lebens. In einer Zeit, in der weltweit 60 Millionen Menschen auf der Flucht sind, scheint es nur logisch, dass das Nationalstaatensystem nicht mehr so funktionieren kann, wie es bisher funktioniert hat.

Wir können diese Massenwanderung einfach nicht mehr rückgängig machen. Deshalb müssen wir aufhören, in Kategorien wie "wir" und die "anderen" zu denken: "Sie kommen zu uns und müssen sich anpassen, sie müssen sich integrieren." Oder: "Unsere Werte (was immer das ist) sind die richtigen." Oder: "Es ist unser Land, unsere Sprache, unsere Religion. Wenn sie kommen, müssen sie das tun, was wir wollen, oder verschwinden." Warum pocht man mit solcher Vehemenz auf diese Anpassung? Wovor hat man Angst? Oder ist es schlicht und einfach purer Rassismus?

Alles verloren

Die Menschen, die zu uns kommen, haben ihre Heimat verloren und somit die Vertrautheit des täglichen Lebens. Sie haben ihren Beruf verloren und somit das Selbstvertrauen, nützlich zu sein für die Gesellschaft. Sie haben ihre Sprache verloren und somit die Natürlichkeit und Einfachheit einer Reaktion oder Geste, und es ist schwer für sie, Gefühle auszudrücken. Viele haben ihre Familien zurückgelassen oder sie im Krieg verloren. Sie schweben daher in einem luftleeren Raum und haben Angst. Und gerade deswegen sollte man sie in ihrer Einzigartigkeit respektieren. Sie sind angewiesen auf "unsere" Hilfe. Und trotzdem glaube ich nicht, dass diese Hilfe nur in der "Integration" liegen kann.

Die Integration sollte in beide Richtungen gehen. Wir sollten uns für ihre Kulturen, für sie als Menschen interessieren. Es ist eine großartige Chance auch für uns, Neues kennenzulernen, vielleicht auch Neues in unserer Gesellschaft zu verankern. Vielleicht sind es ja gar nicht unsere Werte, die die einzig richtigen sind? Es ist klar, dass das nicht einfach ist und vielleicht Angst macht. Doch es führt, denke ich, kein Weg vorbei an einer Änderung der gesellschaftlichen Struktur. Nichts bleibt, wie es war. Menschen, die in einer Gesellschaft nicht gewürdigt werden, verlieren das Vertrauen.

Neue transnationale Öffentlichkeit

Die Überwindung der Exklusion wird niemals nur in der Inklusion liegen. Die Lösung der sogenannten Flüchtlingskrise nur in der Integration der Schutzsuchenden in bestehende Systeme zu suchen besteht auf dem Konzept eines unveränderlichen Nationalstaatensystems. Der Flüchtlingsstatus wird somit als Defizit verstanden, das es zu überwinden gibt. Flüchtlinge sollen sich assimilieren, anstatt ihre Integrität zu bewahren.

Das Nationalstaatensystem wird so, wie es ist, nicht bestehen bleiben können. Es scheint, als müsse man eine neue Form von Demokratie (er)finden, in der es möglich sein kann, einer transnationalen Öffentlichkeit anzugehören. Nicht nur Flüchtlinge müssen sich anpassen, sondern auch die Staaten müssen sich einer neuen Weltordnung anpassen. Es muss eine Form entstehen, in der man Menschen die Möglichkeit gibt, gemäß ihren Bedürfnissen und Interessen einer Gesellschaft anzugehören, in der sie ihre Integrität bewahren und doch ein Teil von ihr sind.

Bis es so weit ist, sollte man eine grundsätzliche Offenheit und ein Interesse am anderen haben, frei von Vorurteilen, resistent gegen Hetze und Lügengeschichten. Denken wir ohne Grenzen. (Doris Neidl, 11.1.2016)

  • Flüchtlinge haben ihre Heimat verloren und somit die Vertrautheit des täglichen Lebens. Das Bild zeigt eine Arbeit der Autorin und Künstlerin: "Welcome", Transferprint/Stickerei, 15x10 cm, 2015.
    foto: doris neidl, dorisneidl.net

    Flüchtlinge haben ihre Heimat verloren und somit die Vertrautheit des täglichen Lebens. Das Bild zeigt eine Arbeit der Autorin und Künstlerin: "Welcome", Transferprint/Stickerei, 15x10 cm, 2015.

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