China: Bescheidener Wohlstand für alle gesucht

9. Jänner 2016, 16:23
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China muss wegkommen vom Dasein als bloße Werkbank der Welt. Um den Übergang vom Schwellen- zum Industrieland zu schaffen, will die KP das System weiter öffnen

Es ist ein nobles, äußerst geschmackvolles Ambiente, in dem Wu Ken empfängt. 1840, im Ersten Opiumkrieg, haben die Briten hier auf der kleinen Shamian-Insel im Perlfluss ihr Gouverneursquartier aufgeschlagen. Heute ist das viktorianische Gebäude im inzwischen zur Megacity angewachsenen Guangzhou das Gästehaus der Provinz Guangdong. Mahagonitäfelungen, schwere europäische Luster, zartes chinesisches Porzellan, filigrane Federzeichnungen und Kalligrafien fügen sich so harmonisch aneinander wie die Gänge des feinen Menüs, das gereicht wird.

Herr Wu ist eigentlich Diplomat von Beruf. Er war Botschafter in Wien und in Bern. Weil die chinesische KP ihre Spitzenkader neuerdings in deren Karriereverlauf auch in die Provinzen schickt, dient er seit 2011 als stellvertretender Generalsekretär der Provinzregierung von Guangdong im äußersten Süden Chinas – in einer Region, die eine große Versuchsanordnung für die weitere Entwicklung der gesamten Volksrepublik darstellt.

Reiches Shenzhen

Guangdong ist mit 107 Millionen Menschen die bevölkerungsreichste Provinz Chinas. Hongkong ist nahe. Das hat den Ausschlag dafür gegeben, dass Deng Xiaoping 1979 den Auftrag erteilt hat, die Region mit Hochdruck zu entwickeln. Seit dem Befehl des Präsidenten ist Guangdong bis 2010 pro Jahr um durchschnittlich 13 Prozent gewachsen. 26 Jahre lang war es ununterbrochen Chinas reichste Provinz. Das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf beträgt hier durchschnittlich 10.000 US-Dollar, in der Sonderwirtschaftszone Shenzhen vis-à-vis Hongkong sind es 23.000 US-Dollar pro Nase (das ist mehr als in manchem osteuropäischen Land; ganz China kommt auf knapp 7000 US-Dollar im Schnitt).

Herr Wu ist stolz, wenn er diese Erfolgsgeschichte vorträgt. Und er gerät beinahe ins Schwärmen, wenn er die weiteren, mit der Politmaschinisten-Präzision der Kader geplanten Schritte erläutert: Bis 2018 will die Provinz ihr BIP nahezu verdoppeln und auf einen Pro-Kopf-Schnitt von 17.000 US-Dollar kommen. Dann wäre der "bescheidene Wohlstand für alle", den Chinas KP bis zu ihrem 100. Gründungstag 2021 erreichen will, in Guangdong verwirklicht. Dann wäre die Provinzhauptstadt Guangzhou mit ihren gläsernen, glitzernden Hochhaustürmen die Metropole des neuen, reichen China. Dann hätte sich der "chinesische Traum", von dem Staatspräsident Xi Jinping in Peking dauernd spricht, hier tatsächlich erfüllt.

Glaube der Börsen

Dafür braucht es aber eine Systemumstellung (siehe Interview). Die Volksrepublik muss zu einer Hochwert- und Hochtechnologienation werden. China muss im internationalen Vergleich seine zunehmend teuren Arbeitskräfte – einige Industrien wandern aus Guangdong bereits wieder ins nahe und günstigere Vietnam oder gar nach Afrika ab – qualifizieren. Innovation muss die Wirtschaft vorantreiben, Dienstleistungen müssen zu einem wichtigen Teil werden. China muss jenen Transformationspunkt überschreiten, der es von einem Schwellenland zu einer fortgeschrittenen Industrienation macht – und vor allem müssen die Börsen diese Geschichte auch glauben.

Ob das gelingt, ist fraglich. Zwei Manager mit China-Erfahrung, die ihre Namen nicht in der Zeitung lesen wollen, sind geteilter Ansicht: "So etwas wie Innovation in unserem Sinne wird es in China niemals geben. Das kann man von einem Volk nicht erwarten, das es seit 5000 Jahren gewohnt ist, Befehle zu empfangen. Kopieren ist eine Sache. Aber Dinge verbessern? Dazu braucht es Ingenieursgeist, den die wenigsten hier haben", sagt der eine zum STANDARD.

Warm anziehen

Der andere ist weniger pessimistisch: "Es stimmt schon, die Leute hier sind sehr teuer. In Deutschland bekommen Sie einen guten Ingenieur für 100.000 Euro, in China muss man ihm 150.000 Euro zahlen. Aber: Es gibt so viele Menschen, so viel Talent hier. Wenn nur 100 von den 1,4 Milliarden Chinesen außergewöhnlich erfolgreich sind, schaffen sie binnen kürzester Zeit 100 Weltkonzerne, im Vergleich zu denen wir uns warm anziehen müssen."

Bis es so weit ist, muss China Innovation und Qualität importieren. In Guangdong (der Anlagenbauer Andritz hat dort sein Hauptquartier) oder in der zentralchinesischen 30-Millionen-Metropole Chongching (Leiterplattenhersteller AT&S baut dort eine neue Fabrik) schießen Industrieparks wie Pilze aus dem Boden. Überkapazitäten sind kaum zu übersehen, unter Chinas Regionen herrscht mörderischer Konkurrenzkampf. Im Gegensatz zur Businessfantasie aber sind die internationalen Investitionskapazitäten endlich.

Der Schub also muss aus China selbst kommen – vielleicht erzeugt auch durch eine politische Öffnung? Der so optimistische Herr Wu hält das für schiere Fantasterei: "Ich kann Ihnen garantieren, dass sich dieses politische System niemals ändern wird. Nur die KP Chinas kann dieses Land entwickeln. Außer meiner Partei hat keine Kraft das Gewicht, die Volksrepublik stabil zu halten." (Christoph Prantner aus Guangzhou, 9.1.2016)

Die Chinareise des Autors erfolgte teilweise auf Einladung des Instituts des Chinesischen Volkes.

  • Der Wohlstand in den einzelnen Provinzen Chinas ist noch sehr ungleich verteilt.
    foto: reuters / sheng li

    Der Wohlstand in den einzelnen Provinzen Chinas ist noch sehr ungleich verteilt.

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  • Wu Ken: "Ich kann Ihnen garantieren, dass sich dieses politische System niemals ändern wird."

    Wu Ken: "Ich kann Ihnen garantieren, dass sich dieses politische System niemals ändern wird."

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