Die Werte und die Werbung

Blog9. Jänner 2016, 09:00
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Angeblich gilt es derzeit wie nie zuvor, Frauenrechte und Gleichstellung zu schützen. Es sei denn, wir treten sie selbst mit Füßen

Weil gerade so viel von "unseren" Werten die Rede ist, die es gegen die dräuenden muselmanischen Horden zu verteidigen gilt: Es ist natürlich nur ein Nebenschauplatz – aber sieht sich eigentlich noch jemand TV-Werbung an und hinterfragt, welche Geisteshaltungen da verbreitet werden? Hallo – da kann der Macho-Muslim noch einiges lernen.

Wer es schon länger nicht getan hat, sollte sich wieder einmal bewusst vor die Glotze hocken. Es lohnt, wenn sich frau gerne einmal so richtig aufregen möchte. Wohlgemerkt: Wir reden hier nicht von den üblichen, ewige Jugend versprechenden, Cremes und Lotionen, die prinzipiell nur von bulimisch anmutenden Frauen unter 25 aufgetragen werden. Wir reden auch nicht von der Tatsache, dass "Experten" immer männlich sind – vom Waschmaschinenentkalker bis hin zum Mann, der uns "Hausverstand" eintrichtern will.

Nur bei der Zahnpflege dürfen es komischerweise auch "Zahnarzt-Assistentinnen" sein, die die beste Pasta für die weißesten Beißerchen empfehlen – aber, richtig, da geht es ja auch um die Schönheit. Längst haben wir uns daran gewöhnt, dass wir Frauen uns offenbar hauptsächlich für schönes Haar, Pampers, Tampons und Bein-Enthaarung interessieren. Im Baumarkt dürfen wir maximal assistieren — okay, wer will das schon, sollen sich doch die Männer alleine blamieren.

Klischee-Komik

Abseits aller Klischee-Komik bleibt einer aber dann doch mitunter der Mund offen stehen. So wie bei dem neuen Spot für ein sehr bekanntes Halsweh-Zuckerl: Eine hübsche Frau, Familienmutter – no na – hat ein Aua im Hals. Flugs mutieren die anmutigen Kinderchen zu kleinen Hausmonstern, die alles umhauen, dreckig machen, kurz und klein schlagen, was geht. Das heimelige Haus – ein einziges Chaos. Dem Ehemann wurde in der Zwischenzeit offenbar das Gehirn amputiert, denn außer mit den Augen zu rollen, zu seufzen, sich patschert anzustellen und braune Flecken in Hemden zu bügeln, fällt ihm nicht viel ein.

Oder doch: dieses Halsweh-Zuckerl, das er der Gattin fürsorglich in den Aua-Rachen stopft, damit "Mama wieder fit ist". Und schon – hurra! – ist das Familienidyll gerettet, im warmen Licht der Kinderzimmerlampe liest Mama dann noch die Gutenachtgeschichte vor. Das war's. Zirka 30 Sekunden Spot – und schon fühlt man sich 50 Jahre zeitversetzt. Nach hinten, wohlgemerkt.

Zeitversetzt

Zurück bleiben Fragen: Welchem Werbegenie fällt solch reaktionärer Blödsinn ein? Welcher Agenturchef lässt das durchgehen? Und welche, von allen guten Geistern verlassene, Halsweh-Zuckerl-Firma nimmt einen solchen Spot auch noch an? Warum strahlt der ORF das dann auch noch aus? Und wo, in aller Welt, bleibt der empört vorgetragene Protest all jener Meinungsführer und Politiker, die sich in den letzten Wochen so wortreich um die Zukunft von Gleichberechtigung und Feminismus Gedanken gemacht haben?

Eine mögliche Erklärung lautet: Österreich ist ganz und gar nicht so modern, fortschrittlich und gleichberechtigt, wie es sich – vor allem im Gegensatz zu seinen "rückständigen" Migranten und Flüchtlingen – gerne sieht. Dass die Frau daheim bleibt und sich um die Kinder kümmert, ist offenbar geistiger Mainstream in diesem Land. Dafür sprechen auch die jährlich veröffentlichten, deprimierend niedrigen Zahlen von Männern, die in Väterkarenz oder Elternteilzeit gehen.

Eine andere mögliche Erklärung: Wir richten uns das mit den Frauenrechten, wie und wann es uns passt. Das haben wir in der Vergangenheit so gehalten, das werden wir auch in Zukunft so tun. Und frau darf sich entscheiden, welche Interpretation die deprimierendere ist. (Petra Stuiber, 9.1.2016)

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