Was Flüchtlinge der österreichischen Wirtschaft bringen

8. Jänner 2016, 05:30
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Ökonomen sehen trotz höherer Arbeitslosigkeit und Schulden positive Effekte für die Konjunktur – und sind dafür scharfer Kritik ausgesetzt

Wien – Die Flüchtlingsfrage polarisiert nicht nur Bevölkerung und Medien, sondern jetzt auch die Ökonomie. Dem Merkel-Berater und Chef des deutschen Wirtschaftsforschungsinstituts DIW, Marcel Fratzscher, wurde wegen einer Flüchtlingsstudie von einem Kollegen Einseitigkeit vorgeworfen, außerdem könne er "nicht einmal Excel". Fratzscher kam zum Ergebnis, dass sich die Flüchtlinge für Deutschland binnen kurzer Zeit rechnen würden.

Auch österreichische Forschungsinstitute sind unter Beschuss: In sozialen Medien, Online-Foren und etwa auch in einem STANDARD-Kommentar war die Rede von "Voodoomodellen", werden Ökonomen kritisiert, die durch den Flüchtlingsandrang eine Ankurbelung der Konjunktur erwarten. Aber was ist dran an der Kritik? Sind die Flüchtlinge wirklich ein gutes Geschäft? Und kann Zuwanderung überhaupt die Konjunktur ankurbeln?

Vermeintlicher Widerspruch

Auf den ersten Blick ist es ein Widerspruch. Alle Experten gehen davon aus, dass derzeit hauptsächlich wenig qualifizierte Menschen zuwandern, die meisten werden wohl erst einmal arbeitslos sein, brauchen Sprachkurse, Schulungen, Sozialleistungen. Wie können noch mehr Arbeitslose und staatliche Ausgaben etwas Positives sein?

DER STANDARD hat bei den drei Instituten nachgefragt, die für die heimische Wirtschaft Prognosen erstellen: Nationalbank, Wifo und IHS. Alle drei sehen durch die Flüchtlinge dieses Jahr positive Effekte auf die Wirtschaftsleistung. "Im Prinzip ist das eine Milchmädchenrechnung", sagt Doris Ritzberger-Grünwald, die Chefökonomin der Nationalbank.

"Wir haben nur zusammengezählt, wie viel Geld für Flüchtlinge in der Grundversorgung ausgegeben, wie viel unter bestimmten Annahmen an Mindestsicherung ausbezahlt wird. Dazu kommt noch zum Beispiel, wie viel Kindergarten- und Schulplätze kosten." Sofern der Staat nicht anderweitig kürzt, wird mehr Geld ausgegeben, was kurzfristig die Wirtschaftsleistung erhöht. Das ist unter Ökonomen unumstritten.

Einer von zehn erwerbstätig

"Wir sind nicht so naiv und sagen, die fangen gleich zu arbeiten an, wenn sie kommen", sagt Ritzberger-Grünwald. Die Nationalbank rechnet in ihrer Prognose etwa damit, dass 90 Prozent der anerkannten Flüchtlinge 2017 nicht in Beschäftigung sein werden. Ein positiver Effekt für die Konjunktur entstehe durch die zusätzlichen Ausgaben trotzdem: Die OeNB rechnet mit plus 0,3 Prozentpunkten Wachstum für dieses Jahr. Freilich müssen die Schulden irgendwann wieder beglichen werden.

Auch das Wifo kommt auf dieselbe Zahl. "Im Vorjahr hat der Staat 900 Millionen Euro für Flüchtlinge ausgegeben", sagt Marcus Scheiblecker, stellvertretender Leiter des Wifo. "Heuer wird es etwa eine Milliarde Euro mehr sein, das sind circa 0,3 Prozent des BIP." Damit würden Wohnungen oder Fahrkarten bezahlt und Lebensmittel eingekauft. Die Berechnungen seien transparent und ließen sich einfach nachvollziehen, sagt Scheiblecker. Die Kritik versteht er nicht.

Schlechtere Stimmung?

Das Institut für Höhere Studien (IHS) rechnet für heuer mit nur einem Plus von 0,1 Prozentpunkten durch die Flüchtlinge. Es geht davon aus, dass der Staat sehr wohl andere Ausgaben wegen der Flüchtlinge kürzt. Der positive Effekt auf die Konjunktur falle dadurch geringer aus. "Da sind einige Dinge aber nicht berücksichtigt", sagt IHS-Ökonom Helmut Hofer.

Wenn sich die arbeitslosen Flüchtlinge in der Statistik niederschlagen, könne die Stimmung im Land noch schlechter werden, sagt Hofer, die Ausgaben könnten zurückgefahren werden und die Konjunktur darunter leiden. Prognosen seien aber Grenzen gesetzt, "und zusätzliche defizitfinanzierte Ausgaben haben derzeit sicher positive Effekte", so der Ökonom.

Ungewissheit über lange Frist

Ob die jetzige Flüchtlingswelle für den Staat langfristig mehr einbringt als kostet? "Wenn Leute mit Pflichtschulabschluss kommen, dann ist das kein gutes Geschäft", sagt IHS-Mann Hofer. Der Ökonom hält die DIW-Studie, wonach sich die Flüchtlinge schon in einigen Jahren für den deutschen Staat rentieren, ebenfalls für fragwürdig. "Für mich ist diese Frage aber nicht wesentlich", sagt er. "Wir müssen die Kriegsflüchtlinge versorgen und möglichst gut integrieren." Das werde einiges kosten, aber das reiche Österreich könne sich das schon leisten. (Andreas Sator, 8.1.2016)

  • Flüchtlinge bei ihrer Ankunft in Spielfeld: Wer in Österreich um Asyl ansucht, kommt in die Grundversorgung, das Geld dazu liefert der Staat. Das hilft der schwachen Konjunktur im Land kurzfristig.
    foto: apa / erwin scheriau

    Flüchtlinge bei ihrer Ankunft in Spielfeld: Wer in Österreich um Asyl ansucht, kommt in die Grundversorgung, das Geld dazu liefert der Staat. Das hilft der schwachen Konjunktur im Land kurzfristig.

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