Lichtgestalten

Kolumne8. Jänner 2016, 00:30
93 Postings

Die ÖVP hätte den Wählerinnen und Wählern mit Erwin Pröll ein wahres Lockangebot präsentieren können

Es spricht für die seelische Wohlgefügtheit des österreichischen Menschen, dass noch kein Exemplar dieser Spezies vor Spannung zerplatzt ist ob eines Wahlganges, dessen personelles Sub strat sich nach Monaten seiner Ausbreitung in den nächsten Tagen endlich materialisieren darf. Die Erträglichkeit der Erwartung steht vielmehr in einem realistischen Verhältnis zum Angebot, und der angeblich bereits heftig entbrannte Wahlkampf könnte an Unterhaltungswert nur noch gewinnen, sollte einer der Kandidaten sich weigern, die Huldigung seiner Gesinnungsgemeinschaft entgegenzunehmen. Das ist von ihnen aber ebenso wenig zu erwarten wie von der Kandidatin, die schon zu viel Geld gesammelt hat, um noch zurückzukönnen, aber noch lange nicht genug, um die Leerformeln ihrer politischen Botschaft finanziell aufzufetten.

Wo Tragödien nicht zu erwarten sind, verschafft sich die Farce ihr Recht. Der steirische Landeshauptmann hat einige Zeit länger als andere ÖVP-Granden gebraucht, ehe er im Niederösterreicher Pröll Erwin den "Staatsmann" ausfindig machte, was wiederum SP-Seniorenchef Karl Blecha erleuchtete, in Rudolf Hundstorfer eine "Lichtgestalt in der Politik" zu erkennen – Charakterisierungen, die kaum noch eine Steigerung zulassen, und dabei ist es noch einige Monate hin bis zum Wahltag. Wieweit sie sich mit der jeweiligen Selbsteinschätzung decken, ist nicht bekannt, aber der Verdacht ist nicht von der Hand zu weisen, dass Erwin Pröll in St. Pölten und Umgebung in aller Bescheidenheit eher als Lichtgestalt denn als Staatsmann verehrt sein will, was auch besser zu einer Devotionalie passen würde, der die Partei laut VP-Seniorenchef Andreas Khol "zu Füßen liegt, wenn er es macht". Ob er den Rest der Bevölkerung zu ähnlicher Kniefälligkeit hätte bewegen können, wäre nicht sicher gewesen. Schützenhöfer zäumte das staatsmännische Pferd von hinten auf, als er Prölls Erhebung zum Staatsmann damit begründete, dass Österreich "in dieser Zeit der Irritation" einen solchen brauche, ohne freilich hinzuzufügen, dass gerade der Radlbrunner "Fels in der Brandung" öfter für jene Irritation gesorgt hat, der er von der Hofburg aus einen Riegel vorschieben soll – nicht zuletzt in der Volkspartei, und besonders in der steirischen.

Dennoch ist nicht zu leugnen, dass die ÖVP den Wählern mit diesem Pröll ein wahres Lockangebot präsentiert hätte. Die geschickt lancierte Hoffnung, mit seiner Wahl zum Bundespräsidenten Frau Mikl-Leitner aus dem Innenministerium nach St. Pölten loszuwerden, war gar zu süß, als dass sie nicht so manche Schwankende verführt hätten werden können, diese Räumungsaktion zu nutzen. Das allein hätte Millionen im Wahlkampf erspart – im Doppelpack.

Hinzu kommt, dass man hin und wieder von Gerüchten las, die sich um Pröll ranken sollen. Es wird schon nichts dran sein, aber nach zwölf Jahren gusseiserner Solidität in der Hofburg weckte schon ein Hauch rustikaler Verruchtheit Erwartungen, die über die Tristesse des politischen Alltags hinwegtrösten könnten. Am Sonntag hat es die Volkspartei in der Hand, den Wählern einen Staatsmann zu schenken. Auf die Knie! (Günter Traxler, 7.1.2016)

Share if you care.