Betrugsprozess: Schwarzes Geld und unglaubwürdiges Opfer

8. Jänner 2016, 08:00
17 Postings

Zwei 34-Jährige sollen einen älteren Mann zweimal betrogen haben. Im Lauf des Verfahrens glaubt das selbst der Staatsanwalt nicht mehr

Wien – Dass ein Staatsanwalt während eines Prozesses einen Anklagepunkt zurückzieht, bei dem es um einen angeblichen Schaden von 55.000 Euro geht, ist definitiv nicht alltäglich. Staatsanwalt Mario Bandarra macht im Verfahren gegen Franck B. und Claude N. aber exakt das. Und droht dem Opfer zusätzlich mit einer Verleumdungsklage.

Aber der Reihe nach. Die beiden 34-jährigen Franzosen sind zunächst wegen gewerbsmäßigen schweren Betrugs vor dem Schöffensenat unter Vorsitz von Elisabeth Reich. Zwei Fakten werden ihnen vorgeworfen: Im September sollen sie Hassan A. um die 55.000 Euro für eine Wohnung in Paris betrogen haben. Wochen später sollen sie ihn dann mit dem sogenannten Wash-Wash-Trick übers Ohr gehauen haben – dabei werden angeblich geschwärzte Geldscheine mittels Chemikalien wieder zu Zahlungsmitteln.

Teilgeständige Angeklagte

Die Verteidiger Alexander Philipp und Nora Huemer-Stolzenburg können sich kurz fassen. Zum Geldtrick sind ihre Mandanten geständig, von einem Wohnungsverkauf haben sie aber noch nie etwas gehört.

Erstangeklagter B. demonstriert dann vorbildliche französische Höflichkeit. Mit "Ich möchte Sie hier alle begrüßen" beginnt er seine Aussage. Es folgt seine Version, wie er mit Opfer A. in Kontakt gekommen sei. Ein Bekannter aus Dubai habe ihn kontaktiert, dass der in Wien lebende Iraker eine Maschine suche, mit der man geschwärzte Geldscheine wieder rein bekomme.

Der so wie sein Mitangeklagter Unbescholtene hatte naheliegenderweise keine Ahnung, wo so etwas herkommen sollte, sah aber die Chance, zu Geld zu kommen. "Ich war nur der Mittelsmann", behauptet er, er habe den Kontakt mit dem Opfer gehalten.

Geldschein ausgetauscht

Das kam nach Paris und hatte eine geschwärzte 100-Dollar-Note dabei. In A.s Hotelzimmer behandelte Claude N. das Geld angeblich mit Chemikalien – tatsächlich wurde A. kurz abgelenkt und der Schein gegen einen mitgebrachten echten ausgetauscht.

Das Duo versprach, mit der Maschine könne man eine große Menge Geld automatisch reinigen – allein, die sei leider derzeit in der Schweiz zur Reparatur. Man könne sich aber in ein paar Wochen in Wien treffen und den Deal durchziehen.

Anfang September habe man sich in Schwechat getroffen und 2.500 Euro als Anzahlung und für Spesen von A. bekommen.

Ende Oktober flog man wieder nach Wien, wurde vom Opfer abgeholt und in ein Hotel gebracht. Als man schließlich in A.s Wohnung kam, habe der einen Koffer voller schwarzer Papierscheine vorgezeigt. Das Duo wollte von ihm schließlich 20.000 Euro und versprach ihm dafür die Entfärbung von 50.000 Euro.

In Tiefgarage festgenommen

A. habe sich allerdings eigenartig benommen und immer wieder telefoniert. Den geforderten Betrag habe er noch nicht, seine Frau hole ihn gerade. Die beiden Angeklagten bekamen es mit der Angst zu tun und wollten zurück ins Hotel gebracht werden – bei A.s Auto wurden sie in der Tiefgarage dann von der inzwischen verständigten Polizei festgenommen.

Sein Komplize erzählt im Großen und Ganzen die gleiche Geschichte, versucht nur, B. als Mastermind hinzustellen, und bestreitet den Trickbetrug im Pariser Hotel. Man habe beim ersten Besuch zwei echte 500-Euro-Scheine durch den Austausch verloren.

Eine undurchsichtige Angelegenheit also, in die hoffentlich Hassan A. Licht bringen kann. Kann er nicht, im Gegenteil, er sorgt quasi für eine Sonnenfinsternis.

"Wie haben Sie die beiden kennengelernt?", interessiert Vorsitzende Reich. Und sie bekommt eine interessante Geschichte zu hören. "Ich habe für mich und meine Familie eine Wohnung in Paris gesucht und habe die Anzeige im Internet entdeckt", behauptet der ältere Herr.

Spottbillige Wohnung in Paris

Es muss tatsächlich ein Glückstreffer gewesen sein – 110.000 Euro hätte er für 65 Quadratmeter zahlen sollen. Der Durchschnittspreis dafür lag damals bei rund 500.000 Euro.

"Ich bin nach Paris geflogen und habe die Wohnung auch besichtigt." – "Haben Sie Fotos gemacht?", fragt Reich. Er sah keinen Bedarf. Im Hotel habe man dann zwei Verträge unterschrieben, die beiden Angeklagten hätten ihm erklärt, sie müssten es erst von einem französischen Notar beglaubigen lassen, die Geldübergabe solle in Wien stattfinden.

Man traf sich Anfang September, das Duo hatte allerdings keine beglaubigten Verträge dabei und wollte das Geld. In bar. "Ich habe angeboten, zu einem österreichischen Notar zu gehen, aber das wollten sie nicht."

Schlussendlich habe man sich geeinigt, dass er 55.000 Euro in bar zahle. "Haben Sie sich dafür eine Quittung geben lassen?", will die Vorsitzende wissen." Hat er nicht. "Und das soll ich Ihnen glauben?" – "Ich habe es zutiefst bereut."

10.000 Euro Verlust

Vor allem, nachdem Wochen später ein Anruf gekommen sei, dass die Wohnung schon verkauft worden sei. Und man nur 45.000 Euro zurückzahle, da der Rest Spesen seien.

A. behauptet nun, schon damals zur Polizei gegangen zu sein, um das anzuzeigen. Seltsamerweise gibt es keine Anzeige. "Die Polizisten haben gesagt, sie können keine Anzeige aufnehmen, da ich keine Ausweise der Täter habe", behauptet der Zeuge.

Er habe auch nur den Vornamen des Erstangeklagten gewusst, was überrascht, da er dann vollkommen Unbekannten 55.000 Euro übergeben haben müsste. Die Beamten hätten ihm aber geraten, die beiden nach Wien zu locken. Und dann 133 zu rufen.

Es kam tatsächlich zu einer weiteren Kontaktaufnahme, das Duo habe gefordert, er solle 10.000 Euro bereithalten. Wofür, verrieten sie nicht. Zur Polizei ging er daraufhin nicht – er holte die beiden vom Flughafen ab und brachte sie ins Hotel. "Warum?", fragt Reich. "Ich hatte Angst."

Angst vor roter Tasche

Erst recht, als ihm die beiden eine rote Tasche zur Aufbewahrung bei ihm daheim übergaben. Aufgrund seiner Besorgnis sei er damit wieder zur Polizei gefahren. Die wieder nichts gemacht haben soll. "Sie haben gesagt, nur die Kriminalpolizei darf die Tasche öffnen."

Daheim legte er seine Angst ab, schaute nach und fand schwarze Papierscheine in Banknotenformat. "Hätten Sie da nicht die Polizei anrufen können?", bohrt die Vorsitzende nach. "Ich bin dann am nächsten Morgen zur Polizei gegangen, die haben gesagt, ich soll sie kontaktieren, wenn die beiden in meiner Wohnung sind." Angeblich nicht unter einer direkten Durchwahl, sondern wieder über die Notrufnummer.

Interessanterweise erwähnt A. erst jetzt und auf Reichs Nachfrage, ob er sich je nach den 45.000 Euro erkundigt habe, dieses Geld. "Ich habe das verlangt, aber sie sagten, sie zahlen es mit dem gereinigten Geld aus der Tasche." Das übrigens angeblich eine Million Euro sein sollte, die er für 10.000 Euro hätte haben können.

Ankläger droht Zeuge

Nun tritt Staatsanwalt Bandarra in Aktion und äußert seinen Verdacht, dass A. sowohl die Angeklagten als auch die Polizisten verleumde. Und belehrt den Zeugen, dass dafür eine Haftstrafe drohe. A. bleibt bei seiner Geschichte. Nach seinem Abgang streicht der Ankläger die Wohnungsgeschichte und reduziert auf schweren Betrug.

Der Senat benötigt nicht lange, um ein Urteil zu fällen: Beide erhalten nicht rechtskräftig zehn Monate Gefängnis, davon zwei unbedingt, die allerdings schon in der Untersuchungshaft verbüßt worden sind. In der Begründung sieht Reich eine "äußerst unglaubwürdige Aussage des Zeugen". (Michael Möseneder, 8.1.2016)

Share if you care.