Frankreich: Flüchtlinge im Regen stehen gelassen

Ansichtssache8. Jänner 2016, 17:31
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Paris verweigert einem im anhaltenden Regen ertrinkenden Flüchtlingscamp in Nordfrankreich die Hilfe

Im letzten Sommer campierten am Rand der nordfranzösischen Stadt Dünkirchen kaum 80 Personen. Jetzt ist ihre Zahl auf 2500 angeschwollen; darunter sind 200 Kinder. Fast alle sind irakische Kurden, die nach England übersetzen wollen. Nach einem beschwerlichen, oft gefährlichen Weg sind sie aber kurz vor dem Ziel am Ärmelkanal gestrandet. Ihr Schicksal gleicht dem anderer Flüchtlinge und Migranten in Calais, 40 Kilometer östlich von Dünkirchen, wo ein improvisiertes, doppelt so großes Lager seit Jahren Schlagzeilen macht.

In Frankreich und darüber hinaus nimmt man erst jetzt Kenntnis von diesem zweiten Lager in Grande-Synthe, einem Außenviertel von Dunkerque, wie Dünkirchen auf Französisch genannt wird. Humanitäre Verbände haben diese Woche Alarm geschlagen. Das 20 Hektar große Gebiet verwandelt sich nämlich durch die starken Regenfälle in einen einzigen Sumpf. Teichgroße Pfützen und Schlammlöcher machen das Terrain unbegehbar und verschmutzen die Quechua-Zelte, die Médecins sans Frontières (Ärzte ohne Grenzen) zur Verfügung gestellt hatte. Die Lagerbewohner bringen ihre wenigen durchnässten Habseligkeiten vorübergehend in höhere Bodenlagen in Sicherheit. Zur Fortbewegung bilden sie "Fußwege" aus Holzpaletten, Wolldecken und wassergetränkten Matratzen.

Klos laufen über

Zweifellos mit Billigung der Regierung in Paris verbietet die Polizeipräfektur jede Zufuhr von baulichem oder technischem Material. So soll die Entwicklung eines festen Lagers wie in Calais verhindert werden. Den Ankommenden werden nur rudimentärste sanitäre Anlagen zugestanden: Die zwanzig mobilen Klos laufen wegen des Andrangs durch 2500 Personen über, die 40 Duschen können pro Tag kaum einem Zehntel der Lagerbewohner dienen. Strom gibt es nicht, dafür mehren sich die Krankheiten. Le Figaro zitiert am Freitag eine deutsche Helferin, die schockiert erklärte, dass solche Situationen in Europa existieren, und fügte an: "In Deutschland gibt es nichts Vergleichbares."

Grande-Synthe an der Nordseeküste im Norden Frankreichs.

In Absprache mit den Hilfswerken und Lokalvereinen hat die Präfektur am Mittwoch 230 Notschlafstellen in Dünkirchen zur Verfügung gestellt, um die schwächsten Lagerbewohner zu evakuieren. Gespräche sind im Gang, um eine Umsiedlung auf ein weniger durchnässtes Terrain vorzunehmen. Am Montag soll ein Entscheid fallen. Zur Errichtung einer Lager-Infrastruktur ist Frankreichs Regierung aber nicht bereit. Generell nimmt das Land sehr zurückhaltend Flüchtlinge auf, was indirekt auch mit den Wahlerfolgen des fremdenfeindlichen Front National zu tun haben dürfte. (Stefan Brändle aus Paris, 8.1.2016)

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