Regisseur Sokurow: "Das Kino ist nicht mehr als ein schlechter Spiegel"

Interview8. Jänner 2016, 09:00
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Der Einsatz für das Kulturerbe steht im Mittelpunkt von Alexander Sokurows Filmessay "Francofonia". Warum man solchen Mut nicht hoch genug würdigen kann, erklärt der russische Regisseur im Gespräch

Wien – Alexander Sokurow tritt in Francofonia wiederholt selbst mit sorgenvoller Miene ins Bild. Das abendländische Kulturgut treibt – gerade wieder einmal – durch unsichere Zeiten. Ein mit Kunstwerken beladener Frachter hat gegen hohe Wellen zu kämpfen, die Skype-Verbindung zum Kapitän wird von Interferenzen gestört. Der russische Regisseur holt in seinem jüngsten Film zum Vergleich mit der Geschichte aus: Der Einsatz für die Kunstwerke des Louvre im Frankreich des Jahres 1940, das vor den Nazis kapituliert hat, wird zur zentralen Erzählung seiner sich in viele Richtungen verzweigenden Arbeit. Zwischen Franz Graf Wolff-Metternich (Benjamin Utzerath), dem Leiter des Kunstschutzes der Wehrmacht, und dem französischen Louvre-Direktor Jacques Jaujard (Louis-Do de Lencquesaing) kommt es zu einem überraschenden Einverständnis – im Sinne der Kunst des weltberühmten Pariser Museums.

STANDARD: Sie haben sich immer wieder mit historischen Themen befasst. Wodurch wurde nun die Beschäftigung mit dem Louvre und der Kriegszeit ausgelöst?

Sokurow: Das Thema hat sich einfach aufgedrängt. Ich hatte einen Geruch in der Nase, den Geruch von Rauch. Unangenehmem Rauch, der nicht von Kaminen und Lagerfeuern stammt. Ich dachte mir deshalb, dass man sich daran erinnern muss, wie man gehandelt hatte, als es einmal Feuer in Europa gab. Man muss darauf achten, dass man dieses Feuer rechtzeitig unterbinden kann.

STANDARD: Sie sprechen die vielen Verhärtungen und Krisen in Europa an. Sehen Sie dann in Figuren wie Franz von Wolff-Metternich und Jacques Jaujard so etwas wie Feuerlöscher – weil sie der Politik etwas abzutrotzen vermochten?

Sokurow: Die beiden haben einen Tritt bekommen und sind mitten in einen Strudel geraten. Es ist schwierig, etwas zu retten, wenn man selbst bedroht ist. Die Menschen sind fast nie dazu in der Lage, einen Krieg zu verhindern. Keinen der Kriege, die in Europa stattgefunden haben, vermochte man schon an seinem Beginn zu entschärfen. Ein jeder fühlt sich zivilisiert, gescheit, gebildet, aber gegen diese Feuer sind wir in der Regel alle machtlos. Vor unseren Augen wird ein Haus angezündet, und wir stehen einfach daneben und schauen zu – oder befinden uns sogar mittendrin.

STANDARD: Im Film geht es um die Anstrengung zur Bewahrung der Kultur. Zugleich scheinen Sie nicht daran zu glauben, dass Kunst politisch wirksam ist. Betrachten Sie sich diesbezüglich als Pessimisten?

Sokurow: Wäre ich Pessimist, hätte ich diesen Film nicht gemacht. Wäre ich Pessimist, hätte ich gesagt, alles soll in Flammen aufgehen, was soll's. Ich bin ein ganz außerordentlich großer Optimist, vermutlich werden Sie weltweit keinen größeren Optimisten finden! Ich zeige zwei kleine, unbedeutende Menschen, einen Museumsdirektor und einen Offizier, denen etwas Gewaltiges gelungen ist, indem sie die Kunstwerke des Louvre gerettet haben. Dafür war Verstand und Mut nötig, typisch männliches Verhalten. Wozu braucht man sonst einen Mann? Gescheit und mutig soll er sein, in unausgeglichenen Proportionen.

STANDARD: In Russland haben solche Bemühungen gefehlt. Die Bilder der Belagerung Leningrads, die Sie zeigen, sind erschütternd. Da hat niemand interveniert.

Sokurow: In Francofonia gibt es zwei Zentren, Deutschland und Frankreich, Russland liegt viele Tausende Kilometer entfernt, man sieht und hört es kaum. Sowohl die Deutschen als auch die Franzosen haben über Russland ihr Kreuz gemacht, Hitlers Verhältnis zu den Bolschewisten war nicht anders als jenes der Franzosen. Für sie war es völlig uninteressant, was dort geschieht. Der Bolschewismus galt in Europa sogar als die größere Gefahr als die des Nationalsozialismus.

STANDARD: Sie verbinden in "Franconfonia" diverse Bildtypen. Archivaufnahmen treffen auf inszenierte Passagen, auch Sie selbst sind zu sehen. Wie hat sich dieser vielschichtige Zugang entwickelt?

Sokurow: Er verdankt sich meinem Blick auf die Geschichte. Es gibt viele Figuren in diesem Film. Deutschland und Frankreich sind Figuren, der Louvre und die Geschichte sind weitere. Oder die französischen Politiker und Pétain – eine sehr komplexe Figur. Er wird in Frankreich überwiegend verurteilt, ich denke aber, dass sich die Franzosen von dieser Zeit kein ganz richtiges Bild machen. Manche sagen, dass Pétain die französische Kultur bewahrt hat, was in einem gewissen Sinn auch stimmt. Es war ein äußerst kritischer Moment der Geschichte, und es stellt sich die Frage, welcher Preis für die Rettung Frankreichs zu zahlen war.

STANDARD: Darüber wird in Frankreich sehr heftig diskutiert.

Sokurow: Pétain war der Meinung, dass weder England noch Russland den Nationalsozialisten Widerstand leisten können. Früher oder später hätten sie verloren. Die Nazis waren überall in Europa, von Norwegen bis Nordafrika. Keiner hat geglaubt, dass sie verlieren. Wenn man von diesen Voraussetzungen ausgeht, war die Entscheidung Pétains richtig – ausgehend von den Interessen seines Landes. Wenn Gott die Toten aus dem Grab holen und sie fragen würde, was ihnen wichtiger ist, der Staat oder das Leben: Was wäre die Antwort? Es gibt Dinge, die man sich heutzutage nicht auszusprechen traut.

STANDARD: Wenn das Museum der Speicher kultureller Identität ist – wie wird sie dann lebendig, fruchtbar? Bei der Szene im Film, in der Sie die Kunst der Assyrer zeigen, hat man den Eindruck, dass der Anschluss verlorenging.

Sokurow: Von einem untergegangenen Volk bleibt mehr als das, was im Museum bewahrt wird. Die Assyrer haben das geschaffen, worauf wir jetzt stehen. Sie sind ein Teil der Staffel, ein Glied davon. Was wäre die heutige Musik ohne die Wiener Schule? Wo ist sie jetzt, die Wiener Schule? Wo sind die großen Komponisten? Das ist eine Kette, die nicht zerrissen werden darf. Das Wichtigste ist das zivilisatorische Erbe der Alten Welt. Das darf auf keinen Fall verlorengehen. Das ist meine tiefste Überzeugung.

STANDARD: Und das Kino: Hat es eine Vermittlerrolle?

Sokurow: Das Kino hat eine untergeordnete Bedeutung. Das Kino ist ein schlechter Spiegel. Nicht mehr. Das Kino ist ein schlecht erzogener Halbwüchsiger. Ein Wilder, mit Löchern in der Hose. (Dominik Kamalzadeh, 8.1.2016)

Alexander Sokurow (64) gilt mit Filmen wie "Moloch" und "Russian Ark" als einer der bedeutendsten russischen Regisseure. Sein "Faust" erhielt 2011 den Goldenen Löwen der Filmfestspiele in Venedig.

Ab Freitag im Kino

  • Die Rettung des zivilisatorischen Erbes der Alten Welt verlangt im entscheidenden Augenblick großen Mut. Alexander Sokurows "Francofonia" erzählt von der Ohnmacht, die es zu besiegen gilt.
    foto: thimfilm

    Die Rettung des zivilisatorischen Erbes der Alten Welt verlangt im entscheidenden Augenblick großen Mut. Alexander Sokurows "Francofonia" erzählt von der Ohnmacht, die es zu besiegen gilt.

  • Optimist und Europäer:  Alexander  Sokurow.
    foto: apa/georg hochmuth

    Optimist und Europäer: Alexander Sokurow.

  • thimfilm filmverleih

    Trailer.

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