Börsencrash in China: Angst vor Währungskrieg und Kapitalflucht

8. Jänner 2016, 05:58
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Nur eine halbe Stunde blieben die Börsen am Donnerstag geöffnet

Shanghai – Ein neuerlicher Börsenabsturz in China hat zuvor am Donnerstag zu schweren Kursverlusten an anderen bedeutenden Aktienmärkten geführt. Ausgelöst von einer neuerlichen Abwertung der chinesischen Währung Yuan befürchten zahlreiche Börsenexperten nach den wiederholten Turbulenzen echte Crashgefahr an den Finanzmärkten. Die derzeitige Situation "erinnert mich an die Krise, die wir 2008 hatten", erklärte beispielsweise der US-Investor George Soros auf einer Veranstaltung in Sri Lanka.

Auch sein Berufskollege Marc Faber schlug warnende Töne an und sprach von einer "harten Landung" der chinesischen Wirtschaft. Er verstehe nicht, warum sich die Investoren auf offizielle Statistiken aus Peking verließen, während Außenhandelsdaten Taiwans mit China oder Rohstoffwerte seit eineinhalb Jahren auf eine deutliche Abschwächung der Konjunktur hindeuteten, erklärte Faber in Bloomberg TV. Zudem erinnerte Faber an die "kolossale Kreditblase" in China. Sebastian Heilmann, Direktor am Berliner China-Institut Merics, erachtet die Gegenmaßnahmen von Regierung und Börsenaufsicht als völlig unzureichend. Deshalb rechnet er jetzt mit einem "deutlichen Einbruch des Wirtschaftswachstums in den nächsten Jahren".

Die Ereignisse im Reich der Mitte sind jedenfalls mehr als dramatisch. An den Aktienmärkten in Schanghai und Shenzhen kam es am Donnerstag zur bisher kürzesten Sitzung: Gerade eine halbe Stunde war geöffnet, bevor alle Händler wieder nach Hause gehen mussten. Die Kurse stürzten so rasch ab, dass die amtliche Nachrichtenagentur Xinhua nur noch Eilmeldungen produzierte. Dieses Mal war der seit 1. Jänner gültige Schutzmechanismus noch schneller zum Zug gekommen als am Montag: Als um 9.46 Uhr die Aktienmärkte einen Rückgang von mehr als fünf Prozent verzeichneten, gab es eine fünfzehnminütige Unterbrechung. Und als um 10.03 Uhr die Kurse um sieben Prozent gefallen waren, wurde der Handel völlig eingestellt.

Verlierer waren nach Angaben der Beijing News vor allem die mehr als 50 Millionen registrierten Kleinaktionäre. Die Kursverluste an beiden schwarzen Tagen addierten sich auf 6,66 Billionen Yuan (fast eine Billion Euro), meldete die National Business Daily auf ihrer Webseite. Chinas Wertpapieraufsicht (CSRC) hatte den Stoppmechanismus als Lehre aus dem Börsencrash im vergangenen Sommer eingeführt.

Als Erklärung für den Crash am Montag wurden einerseits die sich verschlechternden Rahmendaten ausgemacht. Andererseits hätten sich viele Kleinanleger von ihren Aktien getrennt, weil sie für diesen Freitag einen Massenverkauf befürchteten. Dann würde der am 8. Juli 2015 staatlich verordnete halbjährige Aktien-Verkaufsstopp für Großanleger enden, die mindestens fünf Prozent Anteile an Firmen halten. Papiere im geschätzten Wert von mehr als einer Billion Yuan (140 Mrd. Euro) würden dann auf einmal zum Verkauf kommen. Die CSRC nannte solche Befürchtungen Unsinn. Großanleger würden ihre Aktien nicht auf einmal an den Börsen verkaufen.

Reißleine

Am Donnerstag zog die Aufsicht die Reißleine und schrieb auf ihrer Webseite: Großaktionäre müssen ihre Verkaufsabsichten fünf Tage vorab bei der CSRC anmelden. Sie dürfen innerhalb von drei Monaten nicht mehr als ein Prozent Aktienanteil veräußern. Damit soll ein Massenverkauf am Freitag verhindert werden.

Doch der drohende Stichtag zur Handelsfreigabe der Papiere von Großaktionären war nur ein nachrangiger Grund, warum die Börsen am Donnerstag so böse abstürzten. Auslöser wurde die offenbar unkoordinierte und nicht abgesprochene plötzliche Bekanntgabe einer weiteren Abwertung der Notenbank. Sie ließ den Mittelwert des Yuan zum US-Dollar überraschend auf 6,5646 Yuan festlegen und damit um 0,5 Prozent zum Vortag abwerteten.

Der Yuan ist nicht nur auf dem niedrigsten Stand seit März 2011. Seine tägliche Abschwächung weckte bei den Anlegern Befürchtungen, dass Peking zur Steigerung seiner Exporte einen Handelskrieg riskiert und auch neue Kapitalabwanderungen in Kauf nimmt. Die Interventionen im Vorjahr haben die Devisenreserven der Notenbank bereits erheblich schrumpfen lassen. Sie sanken um 512,66 Milliarden auf 3,33 Billionen Dollar (3,10 Bio. Euro).

Sina.com, eines der größten Internetportale China, forschte in einer Online-Umfrage, an der sich mehr als 160.000 Personen beteiligten, nach den Gründen für die Börsenpanik. 15,6 Prozent nannten die Abwertungsserie der chinesischen Währung als Hauptgrund. (APA/red, erl, 7.1.2016)

  • Chinas Börsen stürzen in die Tiefe.
    foto: afp

    Chinas Börsen stürzen in die Tiefe.

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