Reich für die Insel: Die "Domrep" erfindet sich neu

8. Jänner 2016, 05:30
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Als "Karibik für Arme" geschmäht, setzt die Dominikanische Republik jetzt auf eine zahlungskräftige Klientel. Vor allem an der Nordküste gibt man sich nobel

Man kennt das aus alten Filmen: Butler James zieht die Augenbraue hoch, wenn er mit dem Gebaren seiner Lordschaft nicht einverstanden ist. Die karibische Variante von James heißt Angelo. Mit einem leisen Anflug von Verzweiflung in der Mine sagt er: "Ich habe Sie angerufen", wenn er den Gast am Telefon nicht erreicht hat und ihn endlich am Pool findet. Schließlich ist er für dessen Urlaubsglück verantwortlich. Als einer von 25 lizenzierten Butlern im Luxusresort Paradisus Palma Real zeigt Angelo seinem Royal-Service-Gast jeden Lichtschalter, packt die Koffer aus, später wieder ein, poliert Schuhe, reserviert Tische und holt geschwind das Buch, das man auf dem Zimmer vergessen hat. Gleich beim Einchecken wird einem für den direkten Draht zum persönlichen Butler ein Handy in die Hand gedrückt. Die einzige eingespeicherte Nummer: Angelo.

foto: anja martin
Eine noble Wasserstelle des Gansevoort-Hotels in Sosúa

So also sieht Luxus aus auf dem lange als "DomRep" verunglimpften und "Karibik für Arme" gescholtenen Teil der Insel Hispaniola, den einst gerade deutsche Urlauber für billige, sonnensichere Ferien liebten. In der Region Punta Cana, wo heute weit über die Hälfte der Urlauber unterkommt, wird inzwischen kein großes Hotel mehr eröffnet, das weniger als fünf Sterne bietet. Auch in anderen All-inclusive-Resorts gibt es Butler, VIP-Services, Suiten mit Whirlpool etc. Der beliebteste Ausflug bei den Gästen des Paradisus Palma Real ist auch nicht "Schnorcheln mit Haien" oder Ähnliches, was man so aus der Karibik kennt, sondern ein halber Tag im Ocean Spa, das Wohlfühlen und einen Anwendungsmarathon während einer Bootstour verspricht: von Knabberfischpediküre über Massagen, Foot-Detox und Bio-Pilates bis zum meditativen Auf-Matten-im-Meer-Treiben.

Glücklich – und reicher

"Als wir angefangen haben, war das hier alles Dschungel", sagt Frank Rainieri auf der Terrasse seines Golfklubs, den der Modemacher Óscar de la Renta entwarf. "Wenn man unsere Hotels jetzt mit anderen in der Karibik vergleicht, sind wir ganz vorne dabei." Hinter ihm liegen weiße Gebäude mit Marmorböden und Säulen. Der Blick geht über Pools, Palmen, Strand und Meer. Dem über 70-Jährigen gehört Tortuga Bay, das berühmteste Boutiquehotel der Insel. Und er besitzt den internationalen Flughafen Punta Cana. Er hat ihn Mitte der 1980er-Jahre auf seinem Grund erbaut und sich den Namen Punta Cana ausgedacht, den man heute für die ganze Gegend nutzt. Gerade baut er ein paar Kilometer weiter eine riesige Mall mit Marken wie Louis Vuitton und Cartier. Würde die Regierung jetzt noch den zollfreien Einkauf erlauben, wie Rainieri sich das wünscht, wäre er glücklich. Und noch reicher.

foto: corbis/jai/jane sweeney
Sonnenliegen auf der Playa Cabeza de Toro in Punta Cana

Betuchte Kunden auf Shopping- und Sightseeingtour – die sähe das Tourismusministerium auch gern in der Hauptstadt Santo Domingo. Immerhin die älteste Stadt der neuen Welt mit der ältesten Kathedrale Amerikas. Die Altstadt aus Kolonialzeiten steht unter Unesco-Schutz. Doch kaum ein Tourist fährt hin. Für die Badeurlauber von Punta Cana und La Romana wäre es ein Tagesausflug, doch die allermeisten wollen sich vom Strand ohnehin nicht wegbewegen, und der Rest scheut bislang den anstrengenden Weg.

Bauten namhafter Architekten

Das Argument der langen Anfahrt gibt es seit Jänner nicht mehr, denn die neue Autobahn bringt Hauptstadtbesucher in zwei statt in vier Stunden zum Ziel. Größter Magnet soll die Ciudad Colonial werden, das historische Zentrum. Hier lässt der Staat gerade zweihundert Fassaden restaurieren, die Gassen sollen fußgängerfreundlich werden, parkende Autos wurden verbannt. Vor kurzem hat der Pritzker-Preisträger Rafael Moneo einen Architekturwettbewerb für den Umbau der Klosterruinen San Francisco in ein Kulturzentrum gewonnen. Man muss nicht gleich an den Bilbao-Effekt denken, aber Bauten von namhaften Architekten ziehen Menschen an.

foto: anja martin
Der Strand des Caléton Beach Club

Das staatlich verordnete Upgrade gefällt auch privaten Investoren. Während die Regierung in den letzten drei Jahren rund 16 Millionen Euro in die Sanierung der Altstadt gesteckt hat, machte der private Sektor gleich 90 Millionen Euro locker. In historischen Gebäuden werden erste luxuriöse Boutiquehotels, noble Restaurants und Galerien eröffnet. Schließlich hat man im Osten der Insel hohe Ziele: In spätestens zehn Jahren sollen zehn Millionen Touristen in der Dominikanischen Republik Urlaub machen, doppelt so viele wie momentan. Dafür muss man schon einiges in Bewegung setzen. "Wir haben uns 40 Jahre lang nur auf Strand und Sonne konzentriert", so Maribel Villalona, die für die Ciudad Colonial zuständige Architektin. "Jetzt wollen wir mehr anbieten."

Spitzenplatz

400 Kilometer Sandstrand sind schwer zu toppen. Vor allem, wenn es die traumhaften sind: fein, weiß, unendlich lang, mit Kokospalmen freilich – schon seit jeher ein Trumpf der Destination. Nur Kuba kann in der Karibik mit mehr Strand aufwarten als die Dominikanische Republik, für die der Tourismus der wichtigste Devisenbringer ist. Auch wirtschaftlich belegt der Staat einen Spitzenplatz. Im Schnitt wächst seine Wirtschaft um fünf bis sechs Prozent jährlich, die der lateinamerikanischen Länder im Mittel nur um 2,7 Prozent. Die Gewinne sind im Staat aber sehr ungleich verteilt. Die Armutsrate schwankt um die vierzig Prozent.

Wer quer durchs Land unterwegs ist, sieht nicht nur grüne Hügel, kleine Felder und fleißige Verkäufer mit Ständen direkt an der Autobahn, sondern auch allenthalben Hoffnungsslogans auf Werbetafeln. Hier von der Kirche ("Christus kommt bald!"), dort von der Glücksspielsparte ("Lotto ist meine Lösung"). Beide Institutionen sind sehr gut frequentiert. Dass die meisten Menschen nicht viel haben, ist augenfällig.

Drei Stunden Fahrt und viele Kurven später in Sosúa an der Nordküste: Ein Schiebetor und zwei bewaffnete Sicherheitsleute trennen Penthouses von billigen Pensionen, 600-Euro-Weine von 60-Peso-Cuba-libres. Erst vor wenigen Monaten hat das für seine Trendfühligkeit bekannte Gansevoort-Hotel in Sosúa ein Haus eröffnet, in dem es nur Suiten gibt. Das Konzept: Die Apartments werden als Investment verkauft und in der Zeit, in der sie der Besitzer nicht selbst nutzen will, über das Hotel vermietet – ab 730 Euro pro Nacht.

Es ist die Welt der Infinitypools mit Daybeds, Meerblick-Panoramafenstern, Rooftop-Jacuzzis, Dinners im Wein- und Zigarrenkeller, In-Room-Masseuren und Privatköchen. Die ganz besonders luxusverwöhnte und karibikverliebte Klientel bucht gleich das Paket "Von Penthouse zu Penthouse", fliegt im Privatjet von Miami aus für drei Tage ins Gansevoort Turks & Caicos, das auf der Inselgruppe im Atlantischen Ozean liegt. Von dort geht es dann weiter in die Dominikanische Republik. Zu sechst ab umgerechnet 68.000 Euro. Natürlich haben alle angebotenen Ausflüge im Hotel VIP-Status, keiner der exklusiven Gäste möchte sich einen Katamaran mit siebzig anderen Urlaubern teilen.

Preiskrieg

Seit Jahren zieht die Dominikanische Republik beständig mehr Touristen an. Die Nordküste um Puerto Plata profitiert bislang allerdings nicht vom Aufschwung. Seit Mitte der 1990er-Jahre hat sie die Hälfte ihrer Urlauber verloren. Denn hier, wo die touristische Besiedlung der Insel im All-inclusive-Konzept ihren Ausgang nahm, wurden die meisten Fehler gemacht. Der Preiskrieg zwang Hoteliers zum Sparen, sie versäumten, Geld in die Sanierung ihrer Anlagen zu stecken. 1996 stürzte obendrein ein Flugzeug mit deutschen Pauschalurlaubern ab, eine schlecht gewartete Charter-Maschine. Irgendwann kamen nur noch 180.000 Deutsche auf die Insel, nachdem es in den besten Zeiten rund eine halbe Million waren und man schon von einem Mallorca der Fernstrecke sprach.

foto: anja martin
So kommt man gerne an: die Lobby des Paradisus Palma Real

Im Schatten des ursprünglich boomenden Puerto Plata waren längst andere Gegenden zu touristischen Zielen geworden: die Halbinsel Samaná, beliebt für Palmenstrände, grün bewachsene Felsen, Mangrovenwälder, Wasserfälle und den regelmäßigen Besuch der Buckelwale. Und eben Punta Cana. Sie hatten vom Niedergang der Nordküste gelernt und versucht, nicht dieselben Fehler zu machen. Und die Regierung unterstützte die neuen Aufsteiger kräftig, lockte Investoren durch Steuererleichterungen. Puerto Plata verwaiste. Viele Hotels mussten schließen. Seit kurzem steigt die Zahl der Touristen allerdings wieder: 2013 waren es vier Prozent, 2014 sechs Prozent mehr. Denn der Ort zielt jetzt auf sportlichere, aktivere und auch exklusivere Urlauber. Allein vergangenen Winter haben an der Nordküste sieben Luxushotels eröffnet. Weitere sind im Bau.

Surfen und Kiten

Nichts von "DomRep" hört man auf der VIP-Party am Strand von Cabarete, vierzig Kilometer östlich von Puerto Plata, das man fürs Surfen und Kiten kennt und das sich nie nur auf All-inclusive verlassen hat. Knapp hundert junge Leute, gemäß dem heutigen Motto in Weiß, stehen lässig zusammen oder loungen auf Beachmöbeln. Das Silicon Valley ist für ein paar Tage in der Dominikanischen Republik zu Gast. Darunter Spieleentwickler, Tech-Entrepreneure, Start-up-Gründer. Der Grund, warum die jungen Erfolgreichen hier sind, ist Susi Mai. Ihre Eltern sind – wie in den 1980er-Jahren viele Deutsche – in die Dominikanische Republik ausgewandert.

Sie wurde ein Kitesurf-Profi und gründete gemeinsam mit einem Freund die MaiTai-Global-Events, bei denen die Gäste eine Mischung aus Netzwerken, Sportlichsein und Abschalten erwartet. Mit darf nur, wer eingeladen wird. Es geht an die exklusivsten Orte der Welt: Hawaii, die Hamptons, Necker Island. Und seit vier Jahren in die Dominikanische Republik. "Karibik für Arme"? Diese Gäste wissen vermutlich nicht einmal, dass es den Stempel jemals gegeben hat. (Anja Martin, RONDO, 8.1.2015)

karte: der standard

Service

Anreise & Unterkunft

Anreise: Flug Wien–Punta Cana mit einer Zwischenlandung z. B. mit Air Berlin oder Air France

Übernachtung: Paradisus Palma Real (www.paradisus.com): DZ inkl. Verpflegung und Butler ab 309 Euro. Gansevoort Playa Imbert (www.gansevoorthotelgroup.com): ab 800 Euro fürs DZ mit Frühstück. Billini Hotel (www.billinihotel.com): ab 145 Euro fürs DZ mit Frühstück

Freizeit: Ocean Spa: www. oceanadventures-puntacana.com

Touristische Infos: www.godominicanrepublic.com

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