Chinas Straßenverkehr: Wo es eine Regel gibt, findet sich auch ihre Ausnahme

Blog7. Jänner 2016, 15:18
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Wer des Chinesischen mächtig ist, hat bei den Verkehrsschildern im Reich der Mitte einen erheblichen Vorteil

Autofahrern, die in Peking von der Straße hinter dem Houhai-See links ins Regierungsviertel abbiegen wollen, versperrt ein großes Verkehrsschild die Weiterfahrt. Es zeigt unmissverständlich einen rot durchgestrichenen Abbiegepfeil über dem Bild eines Autos. Auch die Dauer des Verbots steht da: "7.00–22.00". Dennoch biegen Wagen nach links ab. Wer auf der Abbiegespur steht und zögert, ihnen zu folgen, wird ungeduldig angehupt.

In solchen Situationen ist für den in Peking lebenden sprachunkundigen Ausländer oder den selbstfahrenden Touristen guter Rat teuer. Soll er der Massenlinie folgen und das Verbotsschild missachten oder als verantwortungsbewusster Bürger ausscheren und geradeaus weiterfahren?

Ich mag gerade dieses Verkehrszeichen. Denn in Wirklichkeit erlaubt es das Linksabbiegen. Die Schriftzeichen darunter bedeuten: Busse und Pkws sind vom Abbiegeverbot ausgenommen. Das Schild symbolisiert trefflich ein nicht nur im Straßenverkehr geltendes chinesisches Handlungsprinzip: Wo es eine Regel gibt, findet sich auch ihre Ausnahme.

Heimvorteil im Kleingedruckten

Aber man muss schon Chinesisch können, um das zu wissen. Ein seit langem im Land lebender Journalistenfreund und leidenschaftlicher Autofahrer nennt Pekings Verkehrsschilder "halb internationalisiert" oder global anerkannte Regeln mit chinesischen Besonderheiten. Nicht Chinesisch lesende Fahrer finden sich trotzdem im Straßenverkehr mehr oder weniger zurecht. Pekinger und alle Ausländer, die auch das landessprachliche Kleingedruckte lesen können, haben aber Heimvorteil.

Doch wenn sie dann vor Schildern stehen, auf denen Verbotszeichen platz- und kostensparend gleich im Dutzend aufgedruckt sind, sind alle gleich und rätseln, was gemeint ist. Im Park des Olympiageländes und vor dem Nationaltheater lässt sich das gut studieren. Auf einer der Tafeln stehen gleich 14 Verbote und dann noch die Schriftzeichen für "Angeln verboten". Touristenfreundlicher sind die Schilder vor dem Eingang zum Pekinger Flohmarkt Panjiayuan. Sogar Übersetzungen gibt es – wenn auch in Chinglisch, einer Bastardsprache aus Chinesisch und Englisch. Aus der chinesischen Aufschrift "Eintritt für Bettler und Jahrmarktkünstler verboten" macht sie "Begging to busk – off limits".

Werben um chinesische Touristen

Trotz solcher sprachlicher Ausrutscher bemühen sich die Tourismusbehörden nach Kräften, mit englischen Erklärungen und Pinyin-Buchstabierungen ausländischen Reisenden zu helfen, sich zurechtzufinden. Das ist auch keine Einbahnstraße mehr. In Europa tauchen heute überall und immer mehr chinesische Schriftzeichen auf, und das nicht nur dort, wo ein Chinarestaurant oder ein Duty-Free-Shop lockt. Die Manager von Kaufhäusern, Hotels und Ausflugszielen werben um die chinesische Kundschaft, sprechen sie in deren Schrift an und stellen chinesischkundige Angestellte ein. Schließlich hat sich die Volksrepublik zum Reiseweltmeister entwickelt. 2015 verzeichnete sie 110 Millionen Auslandsreisen, die ihre Bürger in alle Welt unternahmen.

Australien ist zu einer besonders beliebten Destination geworden. Es stellt sich nun an die Spitze des Trends, die Gäste in ihrer Landessprache anzusprechen. Tourismusminister Richard Colbeck will 2016 wichtige Straßennamen und Verkehrsschilder mit chinesischen Übersetzungen beschriften lassen.

Chinesische Wegweiser in Australien

Selbst die chinesische Nachrichtenagentur Xinhua nannte das einen "radikalen Vorschlag". Doch der Minister rechnete vor: Mit 2015 bald einer Million chinesischen Besuchern, die rund 7,7 Milliarden australische Dollar (fünf Milliarden Euro) im Land ließen, lohnen sich solche Investitionen. Vor allem, da 40 Prozent der chinesischen Touristen nicht mehr in Gruppen ankommen, sondern sich als Individualreisende und Selbstfahrer Australien erschließen wollen. Das aber machen sie sicherlich noch lieber, wenn sie auf ihrer Reiseroute auch auf Chinesisch beschriftete Wegweiser lesen können. (Johnny Erling aus Peking, 7.1.2016)

  • Linksabbiegen verboten – doch darunter steht: "Busse und Pkws ausgenommen".
    foto: erling

    Linksabbiegen verboten – doch darunter steht: "Busse und Pkws ausgenommen".

  • Sammeltafeln in Pekings Olympiapark.
    foto: erling

    Sammeltafeln in Pekings Olympiapark.

  • Verbotsschilder vor dem Flohmarkt Panjiayuan mit englischer Übersetzung, aber in Chinglish.
    foto: erling

    Verbotsschilder vor dem Flohmarkt Panjiayuan mit englischer Übersetzung, aber in Chinglish.

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