Politologe: "Junge Jihadisten interessiert einzig die Gewalt"

Interview7. Jänner 2016, 07:00
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Dominique Moïsi über das Terrorziel Frankreich und die Gründe für das Erstarken des Front National

STANDARD: Terroranschläge, Vormarsch des Front National: Was ist mit Frankreich los?

Moïsi: Dass Frankreich 2015 Schauplatz mehrerer Terrorangriffe – von Charlie Hebdo bis zum Bataclan – wurde, hat zwei Gründe. Von den EU-Staaten kämpft Frankreich heute fast allein in Irak, Syrien und Afrika. Dazu kommt das Gewicht der französischen Geschichte – der unverdaute Algerienkrieg, die ungelöste Integration der nordafrikanischen Zuwanderer, die Banlieue-Zonen, die der Kontrolle entgleiten.

STANDARD: Davon profitiert der FN?

Moïsi: Durchaus, obschon sein Vormarsch natürlich schon früher begann. Sein Erfolg bei den jüngsten Regionalwahlen im Dezember muss zudem relativiert werden: Auch wenn erstmals fast sieben Millionen Franzosen FN gewählt haben, eroberte die Partei im zweiten Wahlgang keinen einzigen Regionalrat. Die Partei lebt von den Ängsten der Bevölkerung, macht aber den Franzosen selber Angst.

STANDARD: Vor einem Jahr demonstrierten in Paris Millionen mit dem Slogan "Je suis Charlie". Was wurde aus dem Solidaritätsgefühl?

Moïsi: Das war ein kurzer, fast magischer Moment, der nicht von Dauer sein konnte. Die Franzosen mögen solche Zelebrationen.

STANDARD: Die Franzosen fragen sich: Gibt es so etwas wie einen Attentatsrhythmus?

Moïsi: Solche Anschläge erfolgen oft nach militärischen IS-Niederlagen auf dem Feld. Nach dem Fall von Kobane in Nordsyrien kam es zu Terrorattacken in Istanbul, Beirut, dann Paris. Man kann sich fragen, ob der Fall von Ramadi eine neue Serie auslösen wird.

STANDARD: Welche Rolle spielt dabei der Islam?

Moïsi: Viele sagen, der IS radikalisiere den Islam. Ich glaube im Gegenteil an eine "Islamisierung der Radikalität". Mehrere Studien zeigen, dass die jungen Jihadisten den Islam kaum kennen; sie interessiert einzig die Gewalt. Sie sind näher bei Clockwork Orange von Stanley Kubrick als beim Koran. Diese Kultur der extremen Gewalt nährt sich in den europäischen Vorstädten vom allgemeinen Gefühl der Entfremdung, der Zurückweisung und Erniedrigung. Erfolg kann eine solche Kultur trotzdem nicht haben. Auch in Syrien und im Irak ist der IS auf Dauer zum Scheitern verurteilt.

STANDARD: Wie weit können sich der Front National und seine Ideologie noch ausbreiten?

Moïsi: Ich denke, die Mehrheit der Franzosen wird widerstehen. Einzelne Politiker etablierter Parteien versuchen zwar, diese Ideen zu übernehmen, so etwa Nicolas Sarkozy. Mit diesem Kurs wird er aber heute außerhalb und zum Teil auch innerhalb seiner Partei immer unpopulärer. Ganz anders sein konservativer Parteifreund Alain Juppé, der sich gegenüber den Ideen des Front National viel resistenter und reservierter zeigt. Nicht von ungefähr kommt er in Frankreich auf die höchste Beliebtheitsquote.

STANDARD: Wird Juppé 2017 der nächste Präsident Frankreichs?

Moïsi: Er hat reelle Chancen wegen der allgemeinen Angst vor Marine Le Pen und der Enttäuschung über Nicolas Sarkozy und François Hollande. Eine solche Negativwahl hat aber in Frankreich noch nie zum Sieg gereicht; Juppé wird in diesem Jahr beweisen müssen, dass er trotz seines hohen Alters (70, Anm.) und seines kühlen Temperaments in der Lage ist, die Franzosen zu begeistern. (Stefan Brändle, 7.1.2016)

foto: newald
Dominique Moïsi ist einer der bekanntesten Politologen Frankreichs. Der Berater des Instituts für internationale Beziehungen (IFRI) war Professor an der Pariser Uni Sciences Po und in Harvard.
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