Ein Jahr nach den Anschlägen: Frankreich ist längst nicht mehr "Charlie"

7. Jänner 2016, 11:54
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Vor einem Jahr erschütterte das Attentat auf das Satireblatt "Charlie Hebdo" Frankreich. In Paris herrscht nicht mehr "Charlies" Geist, sondern jener Le Pens

Ein Jahr ist es her, dass zwei Brüder namens Chérif und Saïd Kouachi in die Redaktionssitzung des Satireblatts Charlie Hebdo eindrangen und mit ihren Kalaschnikows ein Blutbad anrichteten. Einen Tag später brachte ihr Komplize Amédy Coulibaly eine Polizistin im Pariser Vorort Montrouge um. Am dritten Tag, einem Freitag, nahm und erschoss er in einem jüdischen Kleinmarkt sodann mehrere Geiseln, während die Polizei gerade die Kouachis in einer Fabrik östlich der Hauptstadt stellte.

Schock für Frankreich

20 Menschen einschließlich der drei Terroristen ließen dabei ihr Leben. Frankreich stand unter Schock: Am Sonntag nach den Ereignissen gingen in Frankreich spontan vier Millionen Menschen auf die Straße und beschworen die Solidaritätsdevise "Je suis Charlie". An der Spitze der Pariser Demo marschierten gut 40 Staats- und Regierungschefs von Angela Merkel bis Viktor Orbán.

Bald zeigten sich allerdings Risse im schönen Bild nationaler Eintracht. Der Soziologe Emmanuel Todd warf der "Charlie"-Gemeinde in einer Streitschrift vor, sie bestehe nur aus der "weißen, katholischen Mittelschicht". Diese sei bemüht, "ihre Privilegien und insbesondere ihr gutes Gewissen gegen Ausgeschlossene, alteingesessene Arbeiter oder Kinder von Einwanderern zu verteidigen".

Luz, ein "survivant" (Überlebender) und tragender Pfeiler von Charlie Hebdo, der nach dem Anschlag das kongeniale Cover mit dem weinenden Propheten ("Alles ist verziehen") entworfen hatte, brach sein langes Schweigen und erklärte, er sei es "müde", weiter Mohammed zu zeichnen und falsch verstanden zu werden. Im September schied er aus der Charlie-Redaktion aus.

Ein Bestseller wirkte weiter: Michel Houellebecq beschrieb in der Polit-Fiktion Unterwerfung einen islamistischen Wahlsieg in Frankreich. Ebenso defätistisch und erfolgreich war Der französische Selbstmord des Reaktionärs Eric Zemmour, ein Pamphlet, das den neuen Vormarsch des fremdenfeindlichen Front National bei den Regionalwahlen von Mitte Dezember vorwegnahm.

Zweiter Schock

Doch zuerst erzitterte Frankreich ein zweites Mal in seinen Grundfesten, als ein Terrorkommando am 13. November die Gäste von Pariser Bistroterrassen und des Bataclan-Lokals mit ihren Sturmgewehren niedermähte. 130 Tote blieben zurück, 350 Menschen wurden teils schwer verletzt. Und auch der "Charlie"-Geist: Versöhnlichkeit, Brüderlichkeit und republikanisches Zusammenstehen sind in Frankreich nicht mehr aktuell.

Hollande gab sich martialisch und dekretierte den nationalen Ausnahmezustand. Der frühere Banlieu-Bürgermeister Valls äußerte kein Verständnis mehr für die Banlieue-Kids, sondern sprach von einem "Krieg der Zivilisationen". Die Armeepatrouillen in den Straßen gehören heute ebenso zum Alltag wie die – bereits über 3000 – Hausdurchsuchungen, die in Wohnvierteln ohne richterliche Ermächtigung vorgenommen wurden und werden.

In der französischen Politik hat es "Charlie" nicht leichter. Die Dezemberwahl, die den Front National als führende Partei Frankreichs bestätigte, ist vorbei, doch Hollande bringt weiter FN-Vorschläge wie die Aberkennung der Staatsbürgerschaft für Terroristen. Der Philosoph Alain Finkielkraut tönte wie ein Le-Pen-Echo, er fühle sich angesichts der Immigration fremd im eigenen Land.

Das gilt allerdings mindestens so sehr für hunderttausende junger Franzosen der zweiten und dritten Einwanderergeneration: Im Vorstadtzug werden sie misstrauisch angeschaut, bei der Ankunft im Pariser Gare du Nord von der Polizei gefilzt. Die Zahl islamfeindlicher Akte – Anschläge auf Moscheen und dergleichen – ist 2015 auf über 400 hochgeschnellt. Die IS-Terrorstrategen im fernen Syrien reiben sich die Hände.

Islamfeindliche Stimmung

Als zu Weihnachten ein paar Banlieue-Rowdys in der korsischen Stadt Ajaccio Feuerwehrleute mit Steinen bewarfen, versammelte sich im Stadtzentrum aus dem Nichts ein Mob. Zum Ruf "Araber raus" zogen ein paar hundert Korsen zu einem muslimischen Gebetsraum und verwüsteten ihn. Dann verbrannten sie Exemplare des Koran, von dem die Steinewerfer wohl noch keinen Buchstaben gelesen haben.

In einigen anderen Städten hatten muslimische Verbände am Heiligabend hingegen mitgeholfen, Kirchen vor befürchteten Anschlägen zu schützen. "Wir leben zusammen, wir sind alle Brüder", meinte Organisator Hachim El Jazouli in Lens (Nordfrankreich). Die Kirchenbesucher spendeten der symbolischen Aktion dankbar Applaus. Vielleicht erinnerten sie sich kurz an die Zeit, als in Frankreich noch der "esprit Charlie" geweht hatte. (Stefan Brändle aus Paris, 7.1.2016)

  • Mit Religionskritik erscheint die Sonderausgabe des Satiremagazins "Charlie Hebdo" zum Jahrestag des Terroranschlags auf seine Redaktion. Das Heft erinnert an die Attentate islamistischer Terroristen am  7. Jänner 2015.  Die Ausgabe mit einem Gott als bewaffnetem Täter auf der Titelseite erregte schon  im Vorfeld  die Gemüter.
    foto: reuters/gaillard

    Mit Religionskritik erscheint die Sonderausgabe des Satiremagazins "Charlie Hebdo" zum Jahrestag des Terroranschlags auf seine Redaktion. Das Heft erinnert an die Attentate islamistischer Terroristen am 7. Jänner 2015. Die Ausgabe mit einem Gott als bewaffnetem Täter auf der Titelseite erregte schon im Vorfeld die Gemüter.

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