Winterschwimmer unterwegs

Ansichtssache6. Jänner 2016, 16:30
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Im sibirischen Krasnojarsk frönen die Mitglieder des Klubs der Kryophilen ihrer Passion. Alt und Jung sind sich einig: Hauptsache kalt. Sehr kalt.

foto: reuters/naymushin

Das ist Michail Saschko. Herr Saschko ist Direktor einer Baufirma in der Stadt Krasnojarsk, der mit etwas mehr als einer Million Einwohner drittgrößen im russischen Sibirien. Vor allem aber ist Herr Saschko einer der Gründer des kryophilen Schwimmklubs von Krasnojarsk. Kryophile Menschen lieben die Kälte und also auch kaltes Wasser. Sehr kaltes. "Der Moment des Eintauchens ist ein Vergnügen", sagt Herr Saschko, der auch das Amt des Klubpräsidenten innehat. "Dann folgt der Energieschub und mein ganzer Körper fühlt sich entspannt an."

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Praktischwerweise wird Krasnojarsk vom Jenissei durchflossen. Der majestätische Strom, einer der längsten der Welt, windet sich über 4092 Kilometer entlang des 90. Längengrads durch das Land, ehe er sich ins Polarmeer ergießt. Für die Kryophilen ein reines Paradies. Michail Schakow (23) nützt das winterliche Pritscheln, um das Tagesgeschehen hinter sich zu lassen. "Alle Probleme verschwinden beim Schwimmen", sagt er.

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Nikolai Bocharow reibt sich nach dem Bade ein bisschen mit Schnee trocken. "Mir ist nie kalt und ich kann lange im Wasser bleiben", sagt der 77-Jährige. Der Faszination des Winterschwimmens verfiel Herr Bocharow während seines Militärdienstes in Deutschland. "Wenn ich aus dem Wasser steige prickelt alles, es fühlt sich an, als ob ich fliegen könnte." Einen, nun ja, Wermutstropfen gibt es aber doch: "Meine Frau versteht mich nicht. Sie teilt mein Hobby nicht mit mir."

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Nastja Usachjowa ist neun Jahre alt und bereits ein alter Hase im Metier des Winterschwimmens. Mit zwei hat sie begonnen. Die Vorliebe ist familienbedingt, schließlich ist ihre Mutter Natalia (39), mit der sie sich hier leicht anwärmt, eine ehemalige Winterschwimmweltmeisterin. "Am Anfang ist es schon kalt, aber das überwinde ich", sagt Nastja.

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Nachwuchsprobleme kennt der Klub der Kälteliebhaber also keineswegs. Herr Grigorij Broverman beweist dies eindrucksvoll anhand von Töcherchen Liza (6) während einer Art Demonstrations-Event im Krasnojarsker Tiergarten. Auch Lizas Schwester Julia, 16, ist bei den Kryophilen mit von der Partie. Das Schwimmen sei gut für die Gesundheit, sagt Julia. Kürzlich habe ihr das Kaltwasser gar dabei geholfen, eine Atemwegserkrankung zu überwinden.

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Nach und auch vor dem knackigen Plätschern versammeln sich die Winterschwimmer gerne in ihrem schmucken Klubhaus am Ufer des Jenissei. 300 Mitglieder hat ihr Verein, der Menschen aus allen Gesellschaftsschichten Krasnojarsks vereint. Darunter ist auch Herr Chochlow, ein pensionierter Bauarbeiter. "Das Schwimmen ist wie eine Droge", sagt der aktive 71-Jährige. "Ich könnte nicht leben, ohne das tägliche Bad im kalten Wasser."

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Und so folgen die Kryophilen ihrem Präsidenten, der an diesem Tag seinen 68. Geburtstag beging, vertrauensvoll in die Fluten. Minus 27 Grad Celsius betrug die Lufttemperatur, für Krasnojarsker Verhältnisse also eher frühlingshafte Bedingungen. Schließlich schlotterte das Quecksilber im Jänner hierorts auch schon einmal bei 52,8 Grad unter Null, dem tiefsten je gemessenen Wert. (bausch/Reuters, 6.1.2016)

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