Eine schreckliche Geschichte

Kommentar6. Jänner 2016, 11:26
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Der Angriff auf Frauen in Köln ist inakzeptabel, die Hetze gegen Flüchtlinge auch

Was in der Silvesternacht Dutzenden Frauen in Köln, aber auch in Stuttgart und Hamburg widerfahren ist, ist widerlich. Sie wollten auf öffentlichen Plätzen Silvester feiern und wurden von Männern ausgeraubt und sexuell belästigt. Den Aufschrei der Empörung, der nun durch Deutschland geht, kann jedermann und jedefrau nachvollziehen.

Es ist völlig klar, dass die Polizei alles daran setzen muss, dass sich so etwas nicht wiederholt. Dazu werden mehr Einsatzkräfte im öffentlichen Raum nötig sein, erst recht im bevorstehenden Kölner Karneval. Dort spült der Alkohol ja bekanntlich bei manchen – übrigens auch Deutschen – die Grenze zwischen zwischenmenschlicher Belustigung und Belästigung recht bald fort.

Selbstverständlich gehören zur Aufarbeitung des Silvester-Geschehens auch konsequente Ermittlungen und die volle Härte des Strafrechts. Leider ist schon abzusehen, dass viele der Männer aus dieser anonymen Masse niemals zur Rechenschaft gezogen werden können, weil man sie nicht erwischen wird. Das macht wütend.

Doch da gibt es noch eine weitere und beunruhigende Dimension. Da die Angreifer nach übereinstimmenden Zeugenaussagen "dem Aussehen nach aus dem nordafrikanischen und arabischen Raum" stammten, ist für viele im virtuellen und am realen Stammtisch klar: Das waren Flüchtlinge, und die gehören jetzt alle weg.

Dass die Polizei keine Hinweise auf Asylbewerber unter den Tätern hat, dass es auch junge Männer sein könnten, die in Deutschland geboren wurden, also zur zweiten Migrationsgeneration gehören – alles egal. Flüchtlinge machen Jagd auf unbescholtene deutsche Frauen, das ist die Version, die viele Menschen glauben (wollen), weil es gut in ihr Bild passt, und weil eine solch schreckliche Geschichte das Ventil für Angst, Unbehagen, aber auch Hass ist.

Jetzt kommt alles hoch: Der Frust über die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel, die die Türen der Bundesrepublik weit geöffnet hat, ebenso wie jener gegen die angebliche "Lügenpresse", die solche Vorfälle unter den Tisch kehrt, und die Polizei, die nicht hart genug durchgreift.

Die Kölner Polizei, die zunächst fröhlich, aber völlig daneben von einer friedlichen Silvesternacht twitterte, hat jedoch ebenso wie das ZDF bereits eine Fehleinschätzung der Lage eingeräumt. Man darf auch nicht übersehen: Die Informationen kamen nicht auf einen Schlag, sondern erst nach und nach. Hätten die Medien der sofortigen Hetze und den wilden Gerüchten im Netz Glauben geschenkt, so wären fürchterliche und falsche Schlagzeilen entstanden.

Die Stimmung ist ohnehin aufgeheizt, und das Geschehen samt Interpretation zeigt, wie gefährlich ein Funke sein kann. Politik und Polizei werden sich angesichts dieser neuen Dimension von Bedrohung rasch Maßnahmen überlegen müssen. Dies aber sollte mit kühlem Kopf geschehen und nicht unter Druck des Volkszorns.

Und dennoch muss man immer wieder und wieder darauf hinweisen: Auch wenn Integration an einigen Stellen verbesserungswürdig oder gar gescheitert ist, in weiten Teilen funktioniert sie. Wer Flüchtlinge aufgrund dieser Vorfälle nun pauschal als kriminelle Sex-Monster, die es auf deutsche Frauen abgesehen haben, verunglimpft, der reagiert genauso unsinnig und dumm wie jemand, der Kritiker von Merkels Asylpolitik einfach nur als Nazis abqualifiziert. (Birgit Baumann, 6.1.2016)

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