Ein Paragraf gegen das Prügeln per Posting

6. Jänner 2016, 12:42
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Österreichs Schüler sind als besonders gewalttätig bekannt. Ein fertiger Gewaltpräventionsplan sei trotzdem "eingeschlafen", kritisiert Bildungsforscherin Spiel

"Vorreiter", dieses Wort passt auf Österreich, wenn es um Gewalt an Schulen geht. Erstens sind Österreichs Schüler international als besonders gewalttätig bekannt. Zweitens prescht Österreichs Strafrecht nun mit einem Gesetz vor, das einer speziellen Form der Gewalt unter – vor allem – jungen Menschen einen Riegel vorschieben soll: Jemanden gezielt via Facebook fertigzumachen, indem man Gerüchte oder intime Fotos verbreitet, wird künftig ein Fall fürs Strafgericht. Bis zu ein Jahr soll jemand ins Gefängnis wandern können, der andere im Internet mobbt, so will es der "Cybermobbing"-Paragraf, der am 1. Jänner in Kraft getreten ist. Hat Mobbing einen Suizidversuch zur Folge, drohen sogar drei Jahre Haft.

Online-Täter seien keine anderen Menschen als Täter, die offline mobben, sagt Bildungsexpertin Christiane Spiel. "Es sind dieselben Menschen, sie suchen sich nur ein neues Medium, um jemanden zu quälen." In den meisten Fällen kennen Opfer und Täter einander. Die Gewaltspirale kann sich oft nur deshalb so lange ungestört drehen, weil sich das Opfer nichts zu sagen traut und das Umfeld nicht eingreift.

Mit der Keule drohen

Genau deshalb sei es fragwürdig, nun strafrechtliche Grenzen zu ziehen, meint Spiel: In Großbritannien seien alle Schulen verpflichtet, eine Anti-Gewalt-Policy zu formulieren. "Bei uns wartet man, bis etwas passiert, und droht dann mit Strafkeulen", kritisiert sie.

Dabei habe es jahrelang so ausgesehen, als sei auch Österreich auf dem besten Weg in Richtung Mobbingprävention, sagt die Leiterin des Instituts für Angewandte Psychologie der Uni Wien, die im Auftrag des Bildungsministeriums eine nationale Strategie zur Gewaltvorbeugung entwickelt hat. Doch kurz vor der flächendeckenden Umsetzung des Programms sei dieses "eingeschlafen", bedauert Spiel. Gerade jetzt, da die Sorge um Radikalisierung und Jihadismus in aller Munde ist, eine fatale Entwicklung, da Mobbingprävention auch extremen Formen der Gewalt vorzubeugen helfe.

Optimistischer ist Strafrechtler Farsam Salimi vom Institut für Strafrecht und Kriminologie der Universität Wien. Er glaubt, dass das Gesetz auch die Gewaltprävention stärkt. Lehrer könnten nun auf den Paragrafen verweisen "und sagen: Schaut her, wenn das noch einmal passiert, steht vielleicht die Polizei vor der Tür." Ein Abschreckungseffekt also, der aber, wie Salimi zugibt, "nur dann funktioniert, wenn auch genügend Jugendliche von dem Paragrafen wissen".

Unsanktioniertes Mobbing, egal ob on- oder offline, kann bei Opfern zu schweren psychischen Folgen führen, und nicht nur das: Es verändert auch die Gruppe, in der es stattfindet. So lernen Schüler, die selbst nicht direkt vom Mobbing betroffen sind, dass Täter mit Gewalt durchkommen – und neigen auch als Erwachsene dazu, weniger Zivilcourage zu zeigen.

Eine Tat reicht nicht

Kritiker des neuen Cybermobbing-Gesetzes bemängeln, dass der Paragraf möglicherweise dann nicht greift, wenn jemand ein verletzendes Video ins Netz stellt, das dann in diversen Zirkeln seine Runde macht. Der Paragraf verlangt nämlich nach mehreren Taten – ein Video zu posten ist zu wenig, auch dann, wenn es oft geteilt wird. Auch Salimi würde den Paragrafen hier "klarer formulieren und ausweiten", sodass er jedenfalls auch dann greift, wenn ein Opfer durch eine Einzelhandlung stark in seinen Rechten eingeschränkt wird.

In einem Punkt geht das Gesetz Salimi zu weit: So bestraft der Cybermobbing-Paragraf auch mehrmalige Belästigungen per E-Mail, Whatsapp oder SMS, wenn es mehr als zehn Adressaten gibt. Der Strafrechtler hätte die Grenze höher angesetzt – etwa bei einer Schwelle von mindestens 150 Empfängern.

Die wirksamste Strategie gegen Mobbing sei, das Umfeld zu ermutigen einzuschreiten, sagt Spiel. "Es gibt sehr simple Methoden, um Gewalt zu beenden", in Trainings könnten Schüler und Lehrer sie verinnerlichen. Lehrer, die angesichts der hohen Arbeitsbelastung kaum noch Luft haben, um sich auch noch um Gewaltprävention zu kümmern, beruhigt die Psychologin: Anti-Gewalt-Trainings würden beitragen, das Klassenklima zu verbessern – und das erleichtere auch das Unterrichten. (Maria Sterkl, 6.1.2016)

  • Wer über einen längeren Zeitraum hinweg andere per Postings verächtlich macht, riskiert jetzt ein Strafverfahren wegen Cybermobbings.
    foto: afp photo / kimihiro hoshino

    Wer über einen längeren Zeitraum hinweg andere per Postings verächtlich macht, riskiert jetzt ein Strafverfahren wegen Cybermobbings.

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