Ukraine: Propagandaschlacht um "Gasgeschenk"

6. Jänner 2016, 09:00
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Angebliche russische Gaslieferungen an einen ukrainischen Grenzort erhitzen die PR-Strategen beider Seiten

Hat er, oder hat er nicht? Kiew und Moskau streiten erbittert darüber, ob Kremlchef Wladimir Putin in einem Akt der Menschlichkeit einer frierenden Kleinstadt im ostukrainischen Gebiet Cherson (befindet sich unter der Kontrolle Kiews) den Gashahn aufgedreht hat oder nicht. Der Streit zeigt, wie angespannt das Verhältnis der slawischen "Bruderstaaten" zueinander ist – und wie beide Seiten jede Nachricht zu ihren Gunsten auslegen.

Das Bild passt perfekt in die Moskauer Abendnachrichten: Die ganze Ukraine muss wegen ihrer korrupten Führung frieren, weil das Land kein russisches Gas hat. Die ganze Ukraine? Nein, ein kleiner Ort an der Grenze zur Krim bekommt von dort sein Gas, nachdem der Bürgermeister Alexander Tulupow ausgerechnet Putin um Hilfe gebeten hat.

Kremlsprecher Dmitri Peskow erklärte, Tulupow habe sich wegen des starken Frostes in der Region – die Temperaturen am Asowschen Meer sind auf Werte um minus 15 bis minus 20 Grad gefallen – an die russische Führung gewandt. Putin habe daraufhin Anweisung gegeben, die Frage der Gaslieferungen in die ukrainische Ortschaft Henitschesk zu lösen.

Gaslieferungen ausgesetzt

Zur Erinnerung: Die russischen Gaslieferungen an die Ukraine wurden Ende November ausgesetzt, weil Kiew keine Vorauszahlungen mehr leistete. Eine Einigung über den Preis für das erste Quartal 2016 steht noch aus. Die ukrainische Führung erklärte unlängst gar, dass das Land ganz ohne russisches Gas auskomme. Doch nun friert es in der Region Cherson gewaltig.

In der russischen Regierung wurde auf Putins Anweisung reagiert: Vizepremier Dmitri Kosak erklärte später, das erste Gas sei schon in der Nacht auf Dienstag geflossen. Krim-Oberhaupt Sergej Axjonow bezifferte den Umfang der Lieferungen nach Henitschesk auf 14.000 Kubikmeter. "Bei ihnen ist der Gasdruck im System auf das Doppelte gestiegen, darüber hat mich eben die Führung von Tschernomorneftegas unterrichtet", sagte er.

Krim: Anschläge auf Stromleitungen

Das mutet wie eine Geste fast biblischer Nächstenliebe an, schließlich haben ukrainische Nationalisten zusammen mit Anhängern der krimtatarischen Medschlis erst kürzlich die Stromversorgung vom Festland zur Krim gekappt, weshalb die Bewohner der Halbinsel immer noch mit scharfen Stromrationierungen leben müssen. Der letzte Anschlag auf die Stromleitungen ereignete sich einen Tag vor Silvester.

Aus Kiew freilich folgte postwendend das Dementi: Der Chef des nationalen Gasversorgers Naftogas Ukraini, Andrej Kobolew, nannte die Meldungen über russische Lieferungen ein "Fake". Henitschesk werde weder mit russischem Gas noch mit Gas des auf der Krim beheimateten Unternehmens Tschernomorneftegas beliefert, sagte er.

Bürgermeister Tulupow wurde zwar als Mitglied des Oppositionsblocks, Nachfolger der einstigen Janukowitsch-Machtbasis "Partei der Regionen", gewählt, doch auch er dementierte jegliche Anfragen an russische Behörden. Die einzigen Personen, mit denen er wegen der eiskalten Wohnungen verhandelt habe, seien aus der ukrainischen Führung gewesen.

Ukrainisches Gas auf der Krim

Tulupows Vizeverwaltungschef bestätigte andererseits, dass Henitschesk Gas aus den Speichern auf der Krim bekommen habe. Doch dafür gibt es laut Naftogas eine ganz einfache Erklärung: Es handle sich um Gas der ukrainischen Lagerstätte Strilkowe. Das Gasfeld liegt in der Arabat-Nehrung, die geografisch zur nun von Moskau regierten Krim, politisch aber noch zur von Kiew gelenkten Region Cherson gehört. Gelagert werde dieses Gas aber auf der Krim, da es keinen direkten Anschluss an das Gasleitungssystem auf dem Festland gebe.

"Nach dem 1. Jänner 2016 haben die Okkupationsbehörden der Autonomen Republik Krim vier Tage lang das aus Cherson stammende Gas gesperrt, das in den Glebow-Speicher auf der Krim lagerte", heißt es in der offiziellen Naftogas-Stellungnahme. Dass Tschernomorneftegas den Glebow-Speicher für sich beansprucht, wird dabei nicht erwähnt. Was in Moskau als Geste des guten Willens verbreitet wird, ist damit nach Kiewer Lesart bösartige Sabotage.

Die PR-Strategen beider Seiten haben sich in jedem Fall warmgelaufen. Bleibt zu hoffen, dass auch die Wohnungen der Bewohner von Henitschesk bald wieder einigermaßen auf Betriebstemperatur sind. (André Ballin, 6.1.2016)

  • Die Ukraine kann ohne russisches Gas auskommen, betont die Regierung.
    foto: ap/pavlo palamarchuk

    Die Ukraine kann ohne russisches Gas auskommen, betont die Regierung.

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