Immer mehr Anzeigen wegen Übergriffen in Köln – Zahl der Täter unbekannt

6. Jänner 2016, 10:51
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Frauen sollen zu Silvester sexuell belästigt und bestohlen worden sein, Polizei räumt Fehleinschätzung am Neujahrsmorgen ein. Was bisher über die Vorfälle bekannt ist

Wie viele Anzeigen wegen welcher Delikte hat es gegeben?

Bis Montag sind laut Kölner Polizei rund 60 Anzeigen wegen verschiedener Straftatbestände in der Silvesternacht eingegangen, bis Dienstagmittag ist die Zahl auf 90 gewachsen und mit Stand Mittwochvormittag liegt sie bei über 100. Die Exekutive ging davon aus, dass es wegen der Medienberichte weitere Anzeigen geben werde. Etwa drei Viertel der Anzeigen betreffen sexuelle Belästigung, der Rest Eigentumsdelikte. In einem Fall wurde eine Vergewaltigung angezeigt.

Über mögliche Motive hielt die Polizei in einer Aussendung vom 2. Jänner fest: "Die Verdächtigen versuchten durch gezieltes Anfassen der Frauen von der eigentlichen Tat abzulenken – dem Diebstahl von Wertgegenständen. Insbesondere Geldbörsen und Mobiltelefone wurden entwendet. In einigen Fällen gingen die Männer jedoch weiter und berührten die meist von auswärts kommenden Frauen unsittlich."

Am 1. Jänner war von derartigen Übergriffen noch nichts bekannt – zumindest offiziell nicht: Unter dem Titel "Ausgelassene Stimmung – Feiern weitgehend friedlich" schrieb die Pressestelle der Kölner Polizei noch: "Kurz vor Mitternacht musste der Bahnhofsvorplatz im Bereich des Treppenaufgangs zum Dom durch Uniformierte geräumt werden. Um eine Massenpanik durch Zünden von pyrotechnischer Munition bei den circa 1000 Feiernden zu verhindern, begannen die Beamten kurzfristig die Platzfläche zu räumen. Trotz der ungeplanten Feierpause gestaltete sich die Einsatzlage entspannt – auch weil die Polizei sich an neuralgischen Orten gut aufgestellt und präsent zeigte."

Dass diese Aussendung inhaltlich nicht gedeckt war, gestanden Vertreter der Polizei bei einer Pressekonferenz am Dienstag ein. Man habe die Lage falsch eingeschätzt: "Das war ein Fehler", sagt der Kölner Polizeipräsident Wolfgang Albers.

Was wissen wir über die mutmaßlichen Täter?

Bei der Pressekonferenz wiederholte Albers die bisher bekannten Angaben zu den Tätern. Wie schon deutsche Medien am Montag berichteten, hätten alle Zeugen übereinstimmend ausgesagt, dass die mutmaßlichen Täter Männer seien, die "dem Aussehen nach aus dem arabischen oder nordafrikanischen Raum" stammen könnten und zwischen 15 und 35 Jahre alt sein. Der Polizeipräsident forderte zudem alle Opfer und Zeugen auf, sich bei der Kölner Polizei zu melden.

Sonntagfrüh gingen laut einer Pressemitteilung bei der Polizei telefonisch Hinweise ein, dass eine Gruppe Männer am Hauptbahnhof Frauen bedrängt und ein Mobiltelefon entwendet habe. Die fünf Verdächtigen im Alter von 18 bis 24 Jahren wurden festgenommen. Die Polizei ermittelt nun, ob sie für Taten aus der Silvesternacht in Betracht kommen.

Waren 1.000 Männer an den mutmaßlichen Taten beteiligt?

Es ist bisher unklar, wie viele mutmaßliche Täter es gibt. Die Polizei spricht laut Medienberichten davon, dass sich zu Silvester rund 1.000 Männer auf dem Kölner Bahnhofsvorplatz versammelt hätten. Tagesschau.de berichtet, dass die für die Vorfälle eingerichtete Ermittlungsgruppe "Neujahr" unter anderem ermitteln soll, ob sich die Männer – etwa über soziale Netzwerke – organisiert hatten.

Aus der Menschenmenge hätten sich Gruppen mehrerer Männer gebildet, die gezielt Frauen umzingelt, bedrängt und ausgeraubt hätten. Insgesamt sollen etwa 40 Männer an den Übergriffen beteiligt gewesen sein, meldet tagesschau.de unter Berufung auf die Polizei.

In einer Pressemitteilung der Kölner Polizei vom Sonntag ist von Tätergruppen in der Größe von zwei bis 20 Personen die Rede. Sie hätten das "Getümmel rund um den Dom" genutzt, um Straftaten zu begehen. Der Bundesvorsitzende der Polizeigewerkschaft, Rainer Wendt, sagte dem Radiosender NDR Info, es handle sich nicht um organisierte Kriminalität, aber um "eine Absprache der Täter, die die Masse der Menschen nutzen, die Dunkelheit und den Überraschungseffekt, um nach vollzogener Tat wieder unerkannt zu entkommen".

Auch bei der Pressekonferenz am Dienstagnachmittag sagte der Polizeipräsident Albers: "Es gibt keine 1.000 Täter." Aus der Menge von rund 1.000 Menschen hätten sich Gruppen von Tätern herausgebildet. Eine konkrete Zahl könne er zu diesem Zeitpunkt noch nicht nennen.

Warum konnte die Polizei die Taten nicht verhindern?

Die "Süddeutsche Zeitung" berichtet, dass in der Silvesternacht 143 Polizeibeamte aus dem Stadtgebiet zum Hauptbahnhof hinzugezogen wurden. Außerdem seien 70 Bundespolizisten vor Ort gewesen, darunter Spezialeinheiten. Die Lage sei unübersichtlich gewesen. Die Polizei habe von den Vorfällen erst erfahren, als zwischen 1 Uhr und 1.30 Uhr die ersten Anzeigen erstattet wurden.

Die Menschenmenge – gegen 21 Uhr hätten sich bereits 400 bis 500 Personen versammelt – sei enthemmt gewesen, sagte Wolfgang Wurm, Präsident der Bundespolizei St. Augustin, dem "Kölner Stadt-Anzeiger". Die Gruppe sei auf mehr als 1.000 Menschen angewachsen. Als Raketen und Böller in die Menge geworfen wurden, sei der Bahnhofsvorplatz gegen 0.15 Uhr gesperrt worden.

Dass niemand festgenommen wurde, erklärte die Polizei dem "Stadt-Anzeiger" damit, dass sich die Taten innerhalb einer großen Menschenmenge abgespielt hätten. Etliche Männer seien zur Feststellung der Identität aufs Wachzimmer mitgenommen worden. Einige Verdächtige sollen sich aber etwa in der Menge weggeduckt oder sich andere Jacken übergezogen haben.

Wie reagieren Politik und Behörden?

Kölns parteilose Oberbürgermeisterin Henriette Reker, die die Taten als "ungeheuerlich" bezeichnete, berief kurzfristig eine Krisensitzung mit den Spitzen der Kölner und der Bundespolizei sowie dem Stadtdirektorat und dem städtischen Ordnungsamt ein. Mit Ergebnissen war nicht vor dem Abend zu rechnen. "Wir können nicht tolerieren, dass hier ein rechtsfreier Raum entsteht", sagte Reker dem "Stadt-Anzeiger". Die Polizei sei "dringend gefordert". Im Vorfeld des Treffens nannte Reker etwa eine Ausweitung der Videoüberwachung.

Nordrhein-Westfalens Innenminister Ralf Jäger (SPD) sagte, es sei notwendig, "dass die Kölner Polizei konsequent ermittelt und zur Abschreckung Präsenz zeigt". "Das ist eine völlig neue Dimension der Gewalt. So etwas kennen wir bisher nicht", sagte Arnold Plickert, der Landesvorsitzende der Polizeigewerkschaft.

Auch der deutsche Justizminister Heiko Maas forderte Konsequenzen. "Alle Täter müssen konsequent zur Rechenschaft gezogen werden", twitterte der SPD-Politiker am Dienstag. "Man muss mit den Mitteln, die das Recht vorgibt, gegen die Täter vorgehen", sagte Maas am Dienstag in Berlin. Dabei spiele die Herkunft der Verdächtigen keine Rolle. Vor dem Gesetz seien alle gleich. "Das ist offenbar eine völlig neue Dimension organisierter Kriminalität", so Maas.

Deutschlands Innenminister Thomas de Maiziere (CDU) verurteilte die Übergriffe als "abscheulich und nicht hinnehmbar". Die offensichtliche Beteiligung von Menschen mit Migrationshintergrund an den Taten dürfe laut de Maiziere aber "nicht dazu führen, dass nun Flüchtlinge gleich welcher Herkunft, die bei uns Schutz vor Verfolgung suchen, unter einen Generalverdacht gestellt werden"

Gibt es ähnliche Berichte aus anderen Städten?

In Deutschland wird auch in Hamburg ermittelt. An der Reeperbahn sollen einige Frauen systematisch bedrängt und im Intimbereich angegriffen worden sein; bei der Polizei wurden zehn Fälle von Raub, räuberischem Diebstahl oder sexueller Belästigung angezeigt. Aus anderen deutschen oder europäischen Städten gab es keine Berichte über Geschehnisse wie in Köln.

In Wien habe man weder auf dem Silvesterpfad noch andernorts derartige Vorfälle registriert, es könne sich in Köln um ein örtliches Phänomen handeln, sagte Roman Hahslinger, Sprecher der Wiener Polizei, zum STANDARD. Inkriminierte Straftaten wie zu Silvester in Köln seien in Wien nur in früheren Zeiten aus Diskotheken oder Lokalen bekannt gewesen.

Warum berichteten die Medien erst Tage nach den Übergriffen?

Medien sind bei Berichten über Straftaten auf Presseaussendungen der Polizei angewiesen, wenn sich nicht mutmaßliche Opfer von sich aus an sie wenden. Die Kölner Polizei verschickte eine erste solche Aussendung am frühen Abend des 2. Jänner, nachdem sich die Anzeigen am Neujahrstag gehäuft hatten. Erste Meldungen wurden online in Lokalmedien am 2. und 3. Jänner veröffentlicht, die meisten überregionalen deutschen Tageszeitungen hatten Berichte in der ersten Ausgabe des neuen Jahres – die allerdings erst am Montag, dem 4. Jänner erschien. Im Lauf dieses Tages wurden schließlich auch Nachrichtenagenturen und internationale Medien darauf aufmerksam. (cmi, mcmt, 5.1.2016)

  • In Köln soll es in der Silvesternacht zu systematischen sexuellen Übergriffen gekommen sein.
    foto: apa/berg

    In Köln soll es in der Silvesternacht zu systematischen sexuellen Übergriffen gekommen sein.

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