Der Kampf gegen sexuelle Gewalt muss das einzige Motiv sein

Blog6. Jänner 2016, 21:41
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Wenn Gewalt gegen Frauen nur dann ein Skandal ist, wenn damit eigentlich eine ganz andere politische Bühne bespielt werden soll

Viele erinnern sich jetzt an die #Aufschrei-Debatte aus dem Jahr 2012/2013. Sexuelle Übergriffe, verbal bis hin zu unfassbarer körperlicher Gewalt, wurden unter diesem Hashtag gesammelt, und so wurde Gewalt gegen Frauen als Massenphänomen ins Licht gerückt. Die Häme im Netz war groß, Gründe, warum schier jeder einzelne Bericht Pipifax oder schlicht Lüge sei, waren rasch bei der Hand und wurden massenhaft verbreitet.

Seit bekannt wurde, dass es zu Silvester zahlreiche sexuelle Übergriffe am Kölner Bahnhof gegeben hat, ist es mit dieser Verharmlosung offenbar vorbei. Die Reaktionen auf die bisher 100 Anzeigen* von Frauen, die unter anderem sexuelle Gewalt meldeten, sind diesmal anders. Sie werden ernst genommen. Geändert haben sich nicht die Opfer. Die Täter sollen aber laut ZeugInnenberichten "andere", sprich: Männer mit Migrationshintergrund, sein. Andere sind nun auch die Empörer, die in den regen Debatten zu sexueller Belästigung und Gewalt – in Österreich zuletzt im Zuge der Strafrechtsreform – nicht unbedingt durch ihr Engagement gegen sexuelle Gewalt gegen Frauen auffielen, eher im Gegenteil. Und das bringt großes Unbehagen mit sich.

"Selber schuld" oder "die Ausländer"

Viele Meinungsäußerungen in den sozialen Medien bringen dieses Unbehagen auf den Punkt. "Die Frauen sind selbst schuld", schreibt eine Twitter-Userin etwa über gewohnte Reaktionen auf sexuelle Belästigung oder Skandalisierung ebenjener. "Außer es waren die Ausländer, dann sind die Ausländer schuld", schreibt sie weiter.

Wenn der kulturelle Kontext, aus dem Täter stammen, bei der Bewertung von sexueller Belästigung und Gewalt eine Rolle spielt, dann bewegen wir uns auf höchst gefährlichem Terrain. Wird dann einer Frau oder anderen ZeugInnen eher geglaubt, wenn sie den Täter zum Beispiel als arabischstämmig beschreiben? Die Rede vom "kulturellen Hintergrund" birgt auch die Gefahr, dass manche Männer eher nicht nach Gewalttäter "aussehen", während andere unter Generalverdacht stehen – "Generalverdacht" war übrigens das Paradestichwort, mit dem gegen die Reform des Sexualstrafrechts gewettert wurde. Der vielgeforderte Schutz davor muss jetzt für alle Männer gelten.

Ohne rassistische Brille

Eine rassistische Brille im Umgang mit sexueller Gewalt ist fatal. Denn es liegt noch ein langer frauenpolitischer Kampf vor uns, bis jede einzelne Meldung oder Anzeige zu sexuellen Übergriffen ernst genommen wird. Wenn Gewalt gegen Frauen aber nur skandalisiert wird, wenn damit eigentlich eine andere politische Bühne bespielt werden soll, wenn man eigentlich sagen will: "Keine Flüchtlinge mehr!", sind wir von einer Lösung des eigentlichen Gewaltproblems so weit entfernt wie eh und je. Denn dieses Problem ist ebenso eine westliche "Kulturleistung" wie eine vieler anderer Kulturen. Die eine gegen die andere aufzuwiegen bringt uns aber auch nicht weiter. Stattdessen müssen wir die Kernanliegen, Sicherheit, sexuelle Integrität und Selbstbestimmung für Frauen, endlich von anderen politischen Motiven befreien.

Die Ereignisse in Köln müssen aufgeklärt werden, viele offene Fragen müssen beantwortet werden, etwa warum die anwesende Polizei von den zahlreichen Übergriffen nichts bemerkt haben will oder andere PassantInnen und Feierende nicht eingegriffen haben. All diese Umstände müssen ans Licht. Die Formulierung "wie bei anderen Übergriffen auf Frauen auch" will hier allerdings nicht so recht passen. (Beate Hausbichler, 6.1.2016)

* die Zahl der Anzeigen stieg bis zum 12. Jännern 2015 auf über 653 an.

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