Autonomes Fahren: Wenn sich der Roboter ans Steuer setzt

6. Jänner 2016, 08:00
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Autos, die sich wie Roboter auf der Straße bewegen, sind technisch kein Problem mehr. Die Fragen nach den Auswirkungen auf die Gesellschaft sind aber noch völlig offen

Wien/Boston – Wenn Experten auf Konferenzen von autonom fahrenden Autos sprechen und die große Revolution im Verkehrswesen ankündigen, dann kostet das Nicholas Negroponte ein mildes Lächeln. "Alles schon längst passiert", sagt der mittlerweile legendäre Internetvordenker und Gründer des MIT Media Lab im November in Boston im Zuge der Tagung "Disruptive Mobility". Und verweist auf Experimente mit selbstfahrenden Autos, die am MIT schon vor mehreren Jahren durchgeführt wurden, auf das Google Driveless Car, das in vier US-Bundesstaaten bereits auf öffentlichen Straßen fährt, und führt die Zuhörer in dieser Tour d' Horizon sogar zu einem Fortbewegungsmittel, das in der Gegenwart längst selbstverständlich ist: Auch der Aufzug sei ein autonomes Fahrzeug, sagt Negroponte. Ein Vergleich, der hinkt.

Aufzüge können sich nur in einer Richtung auf- und abwärts bewegen, wie man weiß. Autonome Autos sind da wesentlich flexibler. Aber genau das ist das Problem aus heutiger Sicht. Sie müssen den übrigen Verkehr wahrnehmen und darauf spontan reagieren, gerade so, als wären sie von Menschenhand gelenkt. Gefordert sind also kognitiven Fähigkeiten, auf die man vertrauen kann. Zu klären wären da auch noch ein paar andere Punkte: beispielsweise rechtliche Fragen. Wer zum Beispiel ist haftbar, wenn es zum Unfall kommt? Oder sozialwissenschaftliche, psychologische Fragen: Wie wird ein Autofahrer reagieren, wenn ihm ein fahrerloses Fahrzeug entgegenkommt? Es geht also vereinfacht gesagt um die Auswirkungen der Technologienutzung auf die Gesellschaft.

Größer werdende Vororte

Von Stadtplanern und Mobility-Experten kommt die eindringliche Warnung, dass eine teilweise Umstellung des Individualverkehrs auf selbstfahrende Autos auch zu einer weiteren Zersiedelung der Städte führen könnte. Denn dann könnte es heißen: "Wir setzen uns in unser Auto und arbeiten während der einstündigen Fahrt zum Büro schon von unterwegs." Eine Art von mobilem Office, an die, als dieser Begriff aufkam, wohl niemand gedacht hatte.

Negroponte nimmt wie gewöhnlich diese Sorgen zum Anlass, um provokante Äußerungen zu tätigen und sagt zum STANDARD: "Die Menschen, die fürchten, dass die Vororte durch autonomes Fahren größer werden, denken nicht weit genug. Mit einem solchen Auto kann man am Land leben, wenn man älter ist. Jüngere und Menschen mittleren Alters, werden in die Stadt ziehen, weil ihnen in den Vororten langweilig ist. Wem wäre da nicht langweilig?"

Katja Schechtner, Research Fellow MIT Media Lab und Gastprofessorin der Angewandten in Wien, sieht das differenzierter spricht eher die Benutzbarkeit der Autos an: Autonome Fahrzeuge werden sich ihrer Meinung nach nur durchsetzen, wenn sie so gut sind, dass sie im Verkehrsfluss neben von Menschen gesteuerten Autos, Lkws, Fahrrädern und Fußgängern bestehen. "Und wenn sie andererseits Chancen wahrnehmen, einen ganz neu gedachten, komfortablen Fahrgastraum, etwa mit Bett, Kaffeemaschine und Arbeitstisch – ein bisschen wie die 1. Klasse im Zug – anzubieten", sagt sie.

Teststrecken in Österreich

Ein Nickerchen an der Straßenkreuzung? Derartige Fantasien dürften sich noch nicht so bald umsetzen lassen. Aber immerhin wird weltweit auf Teststrecken am autonomen Fahren getüftelt. Demnächst auch in Österreich: Die ersten selbstfahrenden Autos sollen heuer unterwegs sein, verkündete das Verkehrsministerium im vergangenen Jahr während der Technologiegespräche in Alpbach.

Dabei soll es sich um neu gebaute und noch nicht für den Verkehr freigegebenen Straßen sowie um kurzzeitige Freigaben für autonomes Fahren auf bestimmten freien Straßenabschnitten handeln. Die Autozulieferindustrie – etwa Magna oder TTTech – hat offenbar deutlich gemacht, dass es solche Strecken braucht, um international mitzureden. Gemeinsam will man auch einen Beitrag für den Aufbau einer "European platform for leadership in automated vehicles" leisten.

Drohnen nachtanken

Dabei spielen Drohnen mit Sicherheit auch eine entscheidende Rolle: Sie sind schon heute im Einsatz, um Transporte zu erledigen, da sie aber nicht selten abstürzen – auch aufgrund zu geringer Energie in der Batterie – stehen Hersteller und Anwender vor einem Problem.

Lösungen können überraschend einfach sein: Kurz vor der "Disruptive Mobility"-Tagung veranstaltete das Media Lab einen Wettbewerb, wo Ideen für eben diesen Bereich gefragt waren. Diesen "Hackathon Autonomous Delivery" gewannen fünf Studenten und Studentinnen vom MIT und von der Harvard University, die vorgeschlagen hatten, Delivery-Drohnen auf dem Dach von öffentlichen Bussen huckepack fahren zu lassen. Diese Flugkörper sollten auch durch einen einfachen Trick die Reichweite verbessern können.

Auf Dächern mit Solaranlagen müsste man bloß Aufladestationen errichten, wo sie zwischenlanden könnten. "Uns hat diese Idee am Besten gefallen, da sie ein reales Problem durch die Kombination mit dem bestehenden Verkehrssystem clever löst", sagt dazu Jurymitglied Katja Schechtner. Sie hofft, in Zukunft auf mehr Verschränkungen wie diese, um Mobilitätsprobleme lösen zu können.

Stellt sich nur noch die Frage, wie autonom der Mensch in einem mit Robotern ausgestatteten Verkehrskonzept der Zukunft sein kann? Zur Erläuterung dieser Frage, wird unter Forschern nicht selten auf ein tragisches Ereignis im Jahr 2009 verwiesen.

In der Nacht vom 31. Mai auf den 1. Juni stürzte eine vollbesetzte Air-France-Maschine auf de Weg von Rio de Janeiro nach Paris ab. Der Autopilot fiel aus und die Piloten machten einen folgenschweren Fehler. Sie zogen die Maschine hoch. Alle 228 Insassen hatten dabei ihr Leben verloren. Eine Episode, die zeigt, wie abhängig man schon heute vom automatisierten Verkehr sein kann. (Peter Illetschko, 5.1.2016)


Zitate von Schriftstellern und Wissenschaftern:

"Ein Roboter darf kein menschliches Wesen verletzen oder durch Untätigkeit gestatten, dass einem menschlichen Wesen Schaden zugefügt wird. Ein Roboter muss den ihm von einem Menschen gegebenen Befehlen gehorchen – es sei denn, ein solcher Befehl würde mit Regel eins kollidieren. Ein Roboter muss dessen Existenz beschützen, solange dieser Schutz nicht mit Regel eins oder zwei kollidiert." Isaac Asimovs,

"In Zukunft werden wir auf die Grenzen unserer Intelligenz stoßen. Das wird kein Leben in einer Hängematte, in der wir liegen und von unseren Robotern gewartet werden." Norbert Wiener, Begründer der Kybernetik

"Die Entwicklung der Auto- maten gibt den Menschen eine neue und sehr nützliche Ansammlung mechanischer Sklaven, die ihre Arbeit verrichten." derselbe

"Denken ist gut. Verstehen ist besser. Kreativ sein ist am allerbesten. Wir sind von zunehmend intelligenten Maschinen umgeben, Ihr Problem ist, sie denken daran, Flugzeuge zum Landen zu bringen, sie denken an Zensur, an Überwachung. Sie sind einfach, wenn nicht sogar verachtenswert. ... Ich kann es eigentlich gar nicht erwarten, dass sie erwachsen werden und mehr Humor haben." Thomas A. Bass, Professor für Englisch und Journalismus, University of Albany

"Paradox ist, dass wir einerseits Maschinen entwickeln, die sich immer mehr wie Menschen benehmen und andererseits Bildungssystemen aufbauen, die unsere Kinder zwingen, sich wie Roboter zu benehmen" Joichi Ito, seit 2011 Direktor des MIT Mediia Lab

"Ich glaube, ich schalte mich ab." Der depressive Roboter Marvin in "Per Anhalter durch die Galaxis"

  • Delivery-Drohnen, die normalerweise wenig Energiekapazität haben, waren das Thema eines Wettbewerbs am MIT Media Lab.
    foto: istock (8), dpa

    Delivery-Drohnen, die normalerweise wenig Energiekapazität haben, waren das Thema eines Wettbewerbs am MIT Media Lab.

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