Schiiten vs. Sunniten: Bedrohung oder westliche Verschwörung

5. Jänner 2016, 07:00
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Der konfessionelle Konflikt wird im Iran und in Saudi-Arabien sehr unterschiedlich gesehen

Es gibt zwischen religiösen Schiiten und Sunniten – wobei diese Beschreibung als Kollektive natürlich eine grobe Vereinfachung ist – einen entscheidenden Unterschied bezüglich dessen, wie sie den derzeitigen Konflikt zwischen ihren Gemeinschaften sehen.

In den Staatskanzleien auf der arabischen Seite des Persischen Golfs, und da wieder besonders in Saudi-Arabien, aber auch im sunnitischen religiösen Establishment vieler arabischer Länder, ist man völlig davon überzeugt, dass es ein – vom Iran ausgehendes – Projekt der Schiitisierung der islamischen Welt gibt. Der Beweis ist der Iran selbst: und zwar nicht erst seit der Islamischen Revolution von 1979, sondern seit Anfang des 16. Jahrhunderts der Safawide Ismail I. die Schia im Iran durchsetzte. "Safawiden", das steht heute noch unter radikalen Sunniten synonym für "Schiiten." Seitdem, so die sunnitische Wahrnehmung, ist die Schia auf Expansionskurs. Ein Beispiel ist etwa der Irak, der bis ins 19. Jahrhundert mehrheitlich sunnitisch war. Heute wird dem Iran bewusste aggressive Mission vorgeworfen.

Für viele Schiiten, vor allem im iranischen Staatsapparat, stellt sich die Sache anders dar – und das erklärt auch, warum iranische Hardliner nach der Hinrichtung des saudischen Ayatollah Nimr Baqir al-Nimr nicht nur gegen Saudi-Arabien protestierten, sondern auch die USA und Israel der Mitschuld bezichtigten: Der Konflikt zwischen Schiiten und Sunniten sei ein vom westlichen Imperialismus und Zionismus lanciertes Komplott, um die islamische Welt zu schwächen, heißt es. Die Familie Saud sei der Inbegriff eines westlichen Marionettenregimes, und es sei in der Macht der USA gewesen, die Exekution Nimrs zu stoppen.

Im Grunde ist diese schiitische Verschwörungstheorie nichts anderes als der Versuch, die jahrhundertelange verletzende Zurückweisung und Kategorisierung als eine Art Muslime zweiter Klasse als böses Werk von außen zu rationalisieren. In Zeiten von Bedrohung und Unruhe – etwa während der Mongolenstürme – wurden Schiiten in mehrheitlich sunnitischen Gesellschaften oft als 5. Kolonne des Feindes dargestellt: Dieses Motiv hat sich bis heute gehalten. Der Konflikt war schon in der Stunde eins seiner Entstehung nach dem Tod des Propheten Mohammed auch ein politischer – es ging ja darum, wer die islamische Gemeinschaft führt -, wurde aber stets auch mit religiösen Argumenten ausgetragen. Dass die Schiiten ihren zwölf historischen Imamen (direkte Nachkommen Mohammeds) besondere spirituelle Fähigkeiten zuschreiben, war und ist speziell für salafistische Sunniten eine Attacke auf den strengen islamischen Monotheismus. Das alles spielte keine so große Rolle, solange die Schia politisch inaktiv war. (Gudrun Harrer, 5.1.2016)

  • Antisaudischer Protest in Teheran.
    foto: apa/afp/atta kenare

    Antisaudischer Protest in Teheran.

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