Spanien: Gedämpfter Jubel trotz Rekordtourismusjahrs

6. Jänner 2016, 08:00
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Die Gewerkschaft kritisiert, dass der Preisdruck zulasten der Arbeitnehmer geht, und Städte ersticken unter Gästeansturm

Wirtschaftskrise hin, Wirtschaftskrise oder her: Der Spanien-Tourismus war und ist stets ein Garant für Wachstum und ein wertvoller Devisenbringer. Das war auch 2015 so: Knapp 68 Millionen internationale Urlauber gaben laut Prognose des Industrieministeriums in Summe mehr als 45 Milliarden Euro in Spanien aus.

Bereits Ende November war mit 64 Mio. Touristen der Rekord von 2014 eingestellt. Briten, Franzosen und US-Amerikaner zeigen sich mit steigender Tendenz spanienaffin. Die Zahl deutscher Gäste hat hingegen erstmals seit langem stagniert. Aus Russland kamen deutlich weniger Gäste.

Neben der Zahl der Gäste (plus 7,5 Prozent) sind auch die durchschnittlichen Ausgaben gestiegen (plus 3,4 Prozent). Ein Boom, der nicht nur hausgemacht ist. Spanien profitierte auch von Problemen in Konkurrenzländern wie Türkei, Tunesien, Ägypten oder Griechenland. Nicht zuletzt dürften sich auch die besonders milden Temperaturen zum Jahreswechsel positiv auf die Jahresbilanz ausgewirkt haben.

Der Branchenverband Exceltur sieht aber auch Gefahren für Spaniens Tourismus. Viele Entwicklungen gingen zulasten der Qualität. Auch die Gewerkschaften haben wiederholt kritisiert, dass der Preisdruck zulasten der Arbeitnehmer im Hotellerie- und Gastronomiesektor stattfinde. Immer mehr würden nur mehr unter prekäreren Bedingungen beschäftigt. Erst unlängst wurden wieder Streikdrohungen laut.

Lob des Weltwirtschaftsforums

Neben dem großen Kulturangebot wie Museen und dem immensen architektonischen und archäologischen Erbe zehrt Spaniens Tourismus auch vom Lob des Weltwirtschaftsforums. Das WEF hat dem Spanien-Tourismus im vorjährigen Ranking der Wettbewerbsfähigkeit des Touristik-Sektors global die Führungsrolle eingeräumt.

Mittelfristig werde sich das Sparen zulasten der Mitarbeiter auf die Urlauberzufriedenheit niederschlagen, warnen Experten. Immer schwerer zu managen sind aber auch die Massen an Touristen, die es in die Städte und insbesondere nach Barcelona zieht. Die katalanische Kapitale zieht sieben Millionen Gäste im Jahr an, die für rund 18 Millionen Nächtigungen stehen.

Bürgermeisterin Ada Colau von der Podemos-nahen Bürgerliste Barcelona en Comú will nun Schranken setzen. So hat sie die Eröffnung von 40 neuen Hotels im Zentrum Barcelonas per einstweiliger Verfügung gestoppt. "Der Tourismus ist außer Rand und Band", sagte sie. Leidtragende seien Bewohner im Zentrum der Stadt und kleine, mittelständische Unternehmen. Die Immobilienpreise steigen rasant.

Destinationen wie Mallorca kämpfen mit dem Partyinselimage. Allen Verbotsversuchen zum Trotz sorgen Alkoholexzesse immer wieder für Negativschlagzeilen. Und Marbella an der Costa del Sol sorgt sich um den sukzessive verloren gehenden Glamour internationaler Jetsetgäste. (Jan Marot aus Granada, 6.1.2016)

  • Silvesterfeuerwerk im Hafen von Barcelona: Spaniens Tourismus verzeichnete 2015 einen Rekordansturm an Urlaubsgästen.
    foto: afp / paul barrena

    Silvesterfeuerwerk im Hafen von Barcelona: Spaniens Tourismus verzeichnete 2015 einen Rekordansturm an Urlaubsgästen.

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