Sterbehilfe: Prinzipien und Barmherzigkeit

Kommentar der anderen4. Jänner 2016, 17:31
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Die Bioethikkommission spricht sich mehrheitlich dafür aus, in genau definierten Fällen die Suizidbeihilfe straffrei zu stellen, das Verbot der Tötung auf Verlangen soll bestehen bleiben. Aus theologischer und ethischer Sicht gibt es Einwände gegen den Vorschlag

Gut, dass DER STANDARD die Sterbehilfedebatte fortführt. Die Gastkommentare von Gian Domenico Borasio (11. Jänner), Alois Schöpf (30. November) sowie zuletzt von Peter Kampits (17. Dezember) ergeben freilich ein einseitiges Bild. Die Bioethikkommission spricht sich zwar mehrheitlich dafür aus, in genau umrissenen Fällen die Suizidbeihilfe durch Angehörige, nahestehende Personen oder Ärzte straffrei zu stellen, während das Verbot der Tötung auf Verlangen bestehen bleiben soll. Der Vorschlag ist im Detail aber keineswegs zu Ende gedacht.

Wie schon der Direktor der Diakonie Österreich, Michael Chalupka, hat auch das Institut für öffentliche Theologie und Ethik in einem Anfang des Jahres veröffentlichten Argumentarium die Position bezogen, Beihilfe zum Suizid solle nicht zum gesellschaftlichen Normalfall werden. Deshalb werden gesetzliche Regelungen abgelehnt, die Ärzten oder Suizidhilfe-Vereinen Beihilfe zur Selbsttötung unter bestimmten Bedingungen erlauben, weil dadurch die Suizidbeihilfe zum Teil der ärztlichen Routine erklärt würde.

Jedoch sollte "über einen größeren Spielraum für Gewissensentscheidungen in der Frage der Beihilfe zum Suizid nachgedacht werden. Zwar kann", wie es in dem erwähnten Argumentarium weiter heißt, "Beihilfe zum Suizid nach evangelischer Überzeugung kein Rechtsanspruch sein, der sich an den Staat oder gar an Dritte richtet; jedoch kann es existenzielle Konfliktfälle geben, in denen Barmherzigkeit gefragt ist.

Deshalb sollte nach juristischen Wegen gesucht werden, wie in einzelnen extremen Fällen der Barmherzigkeit Genüge getan werden kann. Auch wenn die Beihilfe zum Suizid grundsätzlich nicht zum ärztlichen Auftrag gehört, sind doch Fälle denkbar, in denen die Gewissensentscheidung von Ärztinnen und Ärzten respektiert und ihre Mitwirkung an einem Suizid strafrechtlich nicht verfolgt werden sollte." Das gilt meines Erachtens auch für Angehörige, die einen Patienten zum Suizid in die Schweiz begleiten. Diese Position liegt auf der Linie dessen, was die evangelische Kirche in Österreich bereits 1996 zum Thema ausgeführt hat.

Hingegen leistet der deutsche Gesetzesvorschlag, den Borasio, Urban Wiesing, Joachim Taupitz und Ralf J. Jox 2014 unterbreitet haben, der Routinisierung der Suizidbeihilfe Vorschub. Mit deutscher Gründlichkeit schlagen sie vor, das Gesundheitsministerium und die Ärztekammern sollten dann auch für Qualitätskontrolle in der Suizidbeihilfe sorgen. Damit würde die Ausnahme zur Regel.

Deutscher Systemwechsel

Dieser Gesetzesvorschlag impliziert übrigens auch einen fundamentalen Systemwechsel im deutschen Recht. In Deutschland ist die Suizidbeihilfe nämlich weiterhin grundsätzlich straffrei, auch wenn der Bundestag das Verbot der gewerblichen und organisierten Suizidbeihilfe beschlossen hat. Allerdings ist Ärzten in den meisten Bundesländern aufgrund von berufsrechtlichen Bestimmungen die Mitwirkung an der Selbsttötung untersagt.

Eine gesetzliche Regelung ärztlicher Suizidbeihilfe, wie sie Borasio und seine Mitstreiter vorschlagen, würde im Gegenzug die Pönalisierung aller sonstigen Formen der Suizidbeihilfe zur Voraussetzung haben. Die aber wird nicht einmal von den Kirchen gefordert, die Schöpf als Feinde der Humanität attackiert. Die evangelische Kirche in Deutschland hat wiederholt betont, dass es aus christlicher Sicht Grenzfälle gibt, in denen die Gewissensentscheidung des Einzelnen zu respektieren und Barmherzigkeit zu üben ist.

Diakonie und evangelischer Kirche in Österreich geht es nicht um Bevormundung und Entmündigung, sondern um den Schutz der Schwachen. Todkranke und Sterbende gehören zu den Schwächsten.

Borasio oder auch Kampits glauben, die Straffreiheit für Suizidbeihilfe lasse sich auf Schwerstkranke beschränken, ohne das Verbot der Euthanasie infrage zu stellen. Sobald aber die Forderung nach Straffreiheit zu einem Rechtsanspruch auf Beihilfe zur Selbsttötung umgemünzt wird, wie es bereits in der Schweiz oder auch in den Niederlanden zur Diskussion steht, ist die Legalisierung der Tötung auf Verlangen durchaus folgerichtig – und sei es zunächst nur für jene, die physisch nicht in der Lage sind, sich selbst zu töten.

Das Christentum als totalitäre Ideologie zu brandmarken und ihm die "Nobilitierung tausendfacher Menschenrechtsverletzungen im Dienste einer totalitären Weltanschauung" vorzuwerfen, wie Schöpf es in seinem Gastkommentar getan hat, ist eine dümmliche Form der Religionskritik, die der Debatte über eine Kultur des menschenwürdigen Sterbens keinen guten Dienst erweist. Die Behauptung, das Christentum vertrete animistischen Seelenglauben, zeigt nur Schöpfs völlige theologische Unkenntnis. Die Gefahr der Unmenschlichkeit und des Totalitarismus droht heute von ganz anderer Seite. (Ulrich H. J. Körtner, 4.1.2016)

Ulrich H. J. Körtner, geb. 1957, beschäftigt sich seit Jahren mit Medizinethik. Er ist seit 1992 Ordinarius für Systematische Theologie an der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien und Direktor des Instituts für öffentliche Theologie und Ethik der Diakonie.

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