"Das fahle Pferd": Vom Nihilismus geritten

4. Jänner 2016, 17:18
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Mit Alexander Nitzbergs Neuübertragung von Boris Sawinkows russischem Terroristenroman liegt ein Gründungsdokument des europäischen Nihilismus mustergültig ediert und aufbereitet vor. Ein Werk für alle, die Dostojewskijs Wertekritik teilen

Wien – Man darf sich das Leben eines Sozialrevolutionärs trotz einiger Tagesfreizeit ganz bestimmt nicht stressfrei vorstellen. Russlands Terroristen lebten in den Jahren rund um 1900 im Untergrund. Boris Sawinkow (1879- 1925) gehörte zu den Denkern und Planern unter den Tötungsexperten. Herausgefordert wurde die Zarenmacht. Unter den Händen findiger Ingenieure entstanden Bomben. Diese wurden blickdicht verpackt. Ein besonders verwegener Werfer schleuderte ein solches Paket unter das rollende Fuhrwerk einer hochgestellten Persönlichkeit, wahlweise eines Gouverneurs oder eines Ministers.

Der Terrorist besaß im Wesentlichen zwei Optionen. Das Attentat "glückte", riss den Täter aber mit in den Tod. Überlebte der Werfer, wurde ihm sofort der Prozess gemacht, und er landete ohne Umschweife am Galgen. Das Wort "Bombenhirn" meint daher die Einstellung des Revolutionärs zu seinem Tun. Wer tötet, hat Skrupel. Den Terroristen "George", Held des Romans Das fahle Pferd, bewegt ein anderes, weitaus moderneres Gefühl. Ihm zerfällt die Welt unter den Fingern. In die Isolation des Untergrunds verbannt, erfüllt ihn tiefe Gleichgültigkeit gegenüber seinen Mitmenschen.

Ganz anders sein Kollege Wanja. Der zermartert sich das Hirn, ob das Blut, das er und seinesgleichen vergießen, jemals gesühnt werden kann. Das Wort von "Gottes Liebe" macht die Runde. Die Herren und Damen Revolutionäre verbringen ihre Freizeit häufig genug in Kneipen und Absteigen. Dort debattieren sie ausführlich das grausame Los, das sie sich und anderen bereiten. Und so scheinen Sawinkows Romanfiguren direkt aus einem der dicken Dostojewskij-Bücher herausgeschlüpft zu sein, nur um ein paar wenige Jahre später das Zarenreich in Atem zu halten.

Vor den roten Vorhang

Die Natur ist jetzt schon, noch vor Zündung irgendeines Sprengsatzes, kalt und leichenstarr. Es ist der Zeitpunkt gekommen, den Übersetzer und Autor Alexander Nitzberg vor den blutroten Vorhang zu bitten. Noch ist es unklar, ob man den Desperado Sawinkow tatsächlich für die Literatur reklamieren soll. Sein stark autobiografisch gefärbter Roman erschien 1909. Zur Hand gingen dem nach Frankreich geflohenen Mordtechniker wahre Profis der Schreibkunst. Die Rede ist von den allerdings hart am Rande des Wahnwitzes parkenden Dichtern der damaligen Emigrantenszene.

Sinaida Hippius (1869-1945) und Dmitrij Mereschkowski (1865- 1941) sympathisierten lebhaft mit den Bombenwerfern in der Heimat. Vor allem aber kleideten sie ihr Verlangen nach Umsturz in eine nicht recht nachvollziehbare Frömmigkeit. Nach Gottvater und Sohn sollte nun das Zeitalter des Heiligen Geistes anbrechen. Das Blutvergießen wurde von den Sektierern ausdrücklich begrüßt. Prompt half Hippius eifrig mit, Sawinkows Romandebüt zu redigieren.

Ein kleines Wunderwerk der Wahrnehmungstechnik

Das Ergebnis kann sich nunmehr auf Deutsch sehen lassen. In Nitzbergs lyrischer Übersetzung stößt man auf ein kleines Wunderwerk der Wahrnehmungstechnik. Kaum einer der Tagebucheinträge – und als Tagebuch ist diese Bekenntnisschrift getarnt – umfasst mehr als zwei oder drei Seiten. Fast unmerklich verwandelt sich die Landschaft rund um Moskau in einen Schauplatz der Seele. George, der Terrorist, nimmt die ihn umgebende Welt wie durch dickes Glas wahr. Man spürt, wie die Fähigkeit, Anteil zu nehmen, unter dem Druck des Tötungszwanges erlischt.

Man kann die Gesetze der Welt leugnen. Man kann sich selbst zum Übermenschen ausrufen, die "Herdenmoral" mit Füßen treten. Man kann, frei nach der Offenbarung, das "fahle Pferd" herantänzeln sehen. "Und der daraufsaß, des Name hieß Tod." Nichts und niemand aber wird George von seinem durchdringenden Ekel erlösen. Dieser verleidet ihm zuletzt auch das eigene Mordhandwerk.

Der historische Sawinkow, Sohn eines Staatsanwalts aus Warschau, blieb seinen zweifelhaften Idealen bis zuletzt treu. Als ihn, den Parteigänger Kerenskis, die Bolschewisten zu fassen bekamen, schreckten diese lange vor seiner Liquidierung zurück. Er soll freiwillig aus einem Fenster des Polizeigefängnisses gesprungen sein. Sein sorgfältig edierter Roman, u. a. mit einem Nachwort von Jörg Baberowski versehen, gehört zu den Gründungsdokumenten des europäischen Nihilismus. (Ronald Pohl, 5.1.2016)

Boris Sawinkow, "Das fahle Pferd". Roman eines Terroristen. Aus dem Russischen von Alexander Nitzberg. € 23,70 / 300 Seiten. Berlin: Galiani-Verlag 2015

  • Der Ex-Terrorist Boris Sawinkow, hier als angesehenes Regierungsmitglied im ersten Kabinett von Alexander Kerenski 1917.
    foto: hulton-deutsch-collection / corbis

    Der Ex-Terrorist Boris Sawinkow, hier als angesehenes Regierungsmitglied im ersten Kabinett von Alexander Kerenski 1917.

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