Will Poulter: "Jede einzelne Kopfdrehung musste abgestimmt sein"

Interview6. Jänner 2016, 09:01
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Der britische Schauspieler über die extremen Drehbedingungen von "The Revenant", über Jugend und Moral – und warum er die Strapazen sofort nochmals auf sich nehmen würde

STANDARD: "The Revenant" wurde unter außergewöhnlichen Bedingungen gedreht: in freier Natur, ohne künstliches Licht. Wie haben Sie das erlebt?

Poulter: Es hat sich angefühlt, als wäre man bei einer aussterbenden Kunstform mit dabei, denn wenige machen das noch so. Für mich als Schauspieler hat es bedeutet, dass man sich seinem Prozess der Rollengestaltung ganz neu stellen musste. Man konnte nicht einfach aufs Set kommen und alle Entscheidungen selbst treffen, ohne die Kamera zu bedenken.

STANDARD: Die Handschrift der unglaublich wendigen Kameras Emmanuel Lubezkis ist unübersehbar. Wie kann man sich diese Interaktion am Set vorstellen?

Poulter: Jede Bewegung, jede Kopfdrehung, jeder Blick musste mit ihr abgestimmt sein. Zugleich gilt es, emotional präsent sein. Äußerst schwierige Sache! Wir mussten alle Szenen choreografieren, mehr, als es sonst üblich ist. Die meiste Zeit des Tages haben wir mit Proben verbracht, damit jede Bewegung innerhalb der Szenen auch im richtigen Moment eingefangen wird und an der richtigen Stelle des Bildes steht. Man musste genau wissen, wo sich die Kamera gerade befindet. Nach vielen Proben sickert das dann in dein Unterbewusstsein, sodass man die Energie auf die emotionale Intensität richten kann.

STANDARD: Dazu kamen die Unwägbarkeiten des Wetters, nicht wahr? Sie mussten mehrmals den Drehort wechseln.

Poulter: Es war klar, dass es mit dem Wetter schwierig wird, ich hatte allerdings keinen Begriff davon, wie kalt es wirklich sein würde. Alejandro sagte uns, das Beste sei, mit dem Wetter zusammenzuarbeiten. Wenn wir dagegen ankämpften, würden wir verlieren. Wir mussten einfach weiterdrehen, egal wie extrem die Bedingungen waren.

STANDARD: Ihre Figur Bridger kämpft mit einem moralischen Dilemma. Kam Ihnen seine innere Zerrissenheit entgegen?

Poulter: Ja, er hat diese Naivität, die einfach zur Jugend gehört. Er hat noch nicht entschieden, wer er wirklich sein will. Deshalb erforscht er sich noch in moralischer Hinsicht – und hat große Loyalität gegenüber Glass, die nur von dessen Sohn übertroffen wird. Er hat eine echte Verbindung zu ihm. Bridger ist wirklich hin- und hergerissen – das wird vor allem in der Szene ersichtlich, in der er gezwungen wird, Glass zurückzulassen. Ich habe seinen Schmerz gut verstanden.

STANDARD: Sind DiCaprio und Hardy für Sie Vorbilder?

Poulter: Ja, es ist ein Traum, der in Erfüllung geht. Ich hatte gehofft, dass das einmal passiert – in zehn, zwanzig Jahren!

STANDARD: Haben Sie sich etwas abgeschaut von den beiden?

Poulter: Ich hab sie eher als Figuren betrachtet, und als solche sind sie sehr verschieden. Die Beziehung zu Fitzgerald (Hardys Figur, Anm.) ist sehr kompliziert. Er versucht ja auch, seine Arme nach mir auszustrecken. In bestimmter Hinsicht kann man diesen skrupellosen Mann ja auch verstehen.

STANDARD: Wie glauben Sie, wird sich "The Revenant" auf Ihre künftige Rollenwahl auswirken?

Poulter: Mir ist recht klar, dass ich eine solche Erfahrung nie wieder machen werde, es sei denn, ich arbeite nochmals mit Alejandro. Es war die herausforderndste Arbeit für uns alle, Cast und Crew eingeschlossen. Würde ich es gern nochmals machen? Ja. Für Alejandro wird es allerdings schwierig werden, sich zu übertreffen. Für mich kann ich sagen, dass ich gerne mehr Filmdramen machen möchte: Kommerziell oder unabhängig, ist da sekundär. (Domink Kamalzadeh, 5.1.2016)

Will Poulter (22) wurde in London geboren und gilt als eines der großen britischen Nachwuchstalente ("Son of Rambow", "The Maze Runner"). 2014 erhielt er den Bafta Rising Star Award.

Das Interview fand auf Einladung des Verleihs in London statt.

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    foto: nina prommer/apa

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