Judith Kuckart: Silvester in Stuttgart, Nostalgie in Belgien

4. Jänner 2016, 12:39
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"Dass man durch Belgien muss auf dem Weg zum Glück": Die Autorin schafft ein originell verknüpftes Prosawerk als Roman in elf Episoden

Wien – Der junge Mann kocht Spaghetti. Es ist Silvester in einer Bungalowsiedlung am Rande von Stuttgart. Leonhard wollte nicht mit der Familie nach Belgien, er bleibt allein im Elternhaus. Mit Unspektakulärem an einem besonderen Tag beginnt Judith Kuckarts Roman, dessen Titel Dass man durch Belgien muss auf dem Weg zum Glück zu verstehen gibt, diese Prosa habe durchaus Außergewöhnliches vor.

Das Unerhörte lässt nicht lange auf sich warten. Am Neujahrsmorgen liegt eine Fremde schlafend vor der Treppe. Leonhard steigt zunächst über sie hinweg und dann mit dieser Katharina in eine kurze Geschichte, die erste in einem Reigen von elf Episoden.

Daniel Kehlmann hat 2009 mit Ruhm einen "Roman in neun Geschichten" geschaffen, nun gelingt Kuckart ein Prosanetzwerk, das sich aus scheinbar disparaten Teilen zum feinen Mosaik fügt: interessant verknüpfte Lebensfragmente und ein knapper Ich-Abgang zum offenen Schluss.

Jeder in sich allein

Einzeln vermögen die Kapitel für sich zu stehen; wie jedoch keine Existenz isoliert bleibt, so ergeben sich hier vielfältige Verbindungen. Zugleich gelingt es Kuckart, den Eindruck zu vermitteln, alle Menschen seien in sich allein.

Leonhard holt für die schöne Fremde einen Koffer aus dem Schließfach im Bahnhof und wendet die Leser-Erwartung in Richtung Krimi. Einige rätselhafte Vorgänge werden aber nicht aufgeklärt; erst später erfährt man aus anderer Perspektive, wer diese Katharina ist und wozu ihre Polizeiuniform dient.

"Spätes Glück" nennt der junge Mann zwei alte Nachbarinnen, denen die zweite Geschichte folgt. Leonhards fescher Klavierlehrer Joseph, der sich zu einer Hauptfigur des Romans entwickelt, nimmt die beiden, Emilie und Maria, im Auto zum jährlichen Kuraufenthalt nach Tschechien und in ein merkwürdiges nächtliches Abenteuer mit.

Großartig, wie genau und knapp Kuckart den schleichenden Gedächtnisverlust und die Frage, wen der Tod früher heimsuchen werde, vermittelt. Sie würde, stellt sich Emilie vor, die Steinbank auf Marias Grab decken, "die ich extra für meine Picknicks dort habe aufstellen lassen, und beim Essen dem großen Radiergummi in meinem Kopf lauschen".

Herrlich gefinkelt, wie man dann in der dritten Episode durch einen unauffälligen Satz erfährt, dass womöglich doch Maria ihre Freundin überlebt hat. So ist es nicht der gängigen Erzählmode geschuldet, sondern gehört plausibel zum Konzept, scheinbare Banalitäten am Rande einzufügen, einen vorbeifahrenden Bus, einen hellen Fleck auf dem Asphalt, ein sommersprossiges Mädchen auf dem Spielplatz.

Dadurch gibt die Beschreibung mitunter einen ruckartigen Eindruck: Die zwei Damen haben in Teplice Jahr für Jahr die gleichen Zimmer "und waren des Nachts nur durch eine Tapetentür voneinander getrennt. Wie ging das Leben zu Ende?" Auch die Zusammenhänge, im Großen wie im Kleinen, erscheinen nicht auf derselben Ebene: "Sie legte einen Schlüssel vor sich hin und war schwanger." So lässt Kuckart ihre ungewöhnlichste Figur denken: "Was zählte, was blieb am Ende? Nicht die ungewöhnlichen Ereignisse im Leben, sondern die Zeit, in der nichts geschieht, sagte sie sich, in der jemand einen Gartenschlauch von da nach dort legt."

Reizvolle Prosa

Derart erhält diese Prosa einen eigenen Reiz, der nur von ein paar Unebenheiten gestört wird. Dass eine so sprachmächtige Autorin einen so plumpen Satz veröffentlicht wie "Angst machte sich breit", ist wohl eher einem überlasteten Lektorat anzukreiden. Wie stilbewusst Kuckart vorgeht, zeigen die genau beobachteten Unterschiede im Ausdruck verschiedener Generationen und Schichten sowie die Widerrede gegen eine Modeformel: "Kein Thema", wischt Joseph ein Problem beiseite – "Thema? Welches Thema?, fragte Emilie. Hab ich da etwas nicht mitgekriegt?"

Und so liest man von einem Polizisten, der aus der Spur gerät; von der Frage, was geschieht, wenn die Zeit der Liebe abläuft; von Katharina als Verkäuferin in einer Berliner Bäckerei; von einer "kleinen Tante", einem Brief aus der chinesischen Liebesvergangenheit, einem Motorradunfall, von der Frau des Polizisten, die in London über ihre Existenz nachdenkt. Ihrem Mann sei sie "längst uninteressant geworden. Recht hatte er. Das Wort uninteressant schien extra für sie erfunden worden zu sein."

Judith Kuckarts Mosaik aber ergibt ein schillerndes Bild zu den Themen Zeit, Altern, Liebe, gehalten von Motivketten der Beweglichkeit und der Alltagsabkehr.

Der Reigen von heute bietet unerwartete Sprünge und lässt einiges in Schwebe. Das Prinzip des Romans geht aus den Worten des Klavierlehrers hervor: "Sie gehörten zueinander, ohne je einander anzugehören, und sie blieben auch auf große Entfernungen ineinander verwickelt."

Der Titelsatz kommt an zwei Stellen als Signal der relativierten Nostalgie, im Lichte eines der wundervollen Sprachbilder dieses Romans: "Die Sonne schaute ihnen tief in die Augen, und sie schauten zurück. Auf dem Weg zwischen der Sonne und ihnen lag Belgien." (Klaus Zeyringer, 4.1.2016)

Judith Kuckart, "Dass man durch Belgien muss auf dem Weg zum Glück". Roman. € 20,60 / 219 Seiten. Dumont, Köln 2015

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