"Letztes Jahr in Marienbad": Die Kunst lange anhaltender Ausstrahlung

4. Jänner 2016, 12:21
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"Ein Film als Kunstwerk": Die Ausstellung zeigt die Bedeutung der von Alain Resnais' Film mitgeprägten Nouvelle-Vague-Ästhetik für die bildende Kunst

Bisweilen ist es ein Vorteil, wenn Regisseure nicht auf ihre Drehbuchautoren hören. Alain Robbe-Grillet hätte es lieber gesehen, wenn Letztes Jahr in Marienbad im Kasino von Vichy und der Pariser Metro gedreht worden wäre. Alain Resnais jedoch zog die prächtigen Schlossanlagen von Nymphenburg und Schleißheim vor. Hätte ihr Film die gleiche Ausstrahlung gehabt, wenn er dem ursprünglichen Plan gefolgt wäre?

Es ist kaum vorstellbar. Ohne den Prunk seiner barocken Schauplätze hätte sich der Film gewiss nicht im kollektiven Gedächtnis eingebrannt. Ohne den Anblick einer Gartenlandschaft, in der nur die Figuren Schatten werfen, und das Labyrinth eines mondänen Hotels würde der Blick von Delphine Seyrig nicht so traumverloren wirken und Giorgio Albertazzis Beschwörung einer gemeinsamen Vergangenheit nicht so verzweifelt wehmütig. Gerade das historische Ambiente lässt den Bruch mit den Traditionen, den dieses Meisterwerk der filmischen Avantgarde vollzieht, um so epochaler erscheinen.

Traum und Erinnerung

Zweifellos hätte er nicht jene einzigartige Ausstrahlung gewonnen, die die Kunsthalle Bremen nun in der bildenden Kunst, Fotografie und Mode (nicht jedoch im Kino) bezeugt. Die Ausstellung eröffnet einen faszinierenden Echoraum. Sie blendet zurück in die Phase der filmischen Moderne Anfang der 1960er-Jahre, als die Fusion von Kino und Nouveau Roman die Linearität des Erzählens aufkündigte und dem Publikum Rätsel aufgab.

Raum und Zeit wurden in diesem Film, dessen Form gleichsam seinen Inhalt vorausahnt, unversehens zu mentalen Kategorien, in denen die Wirklichkeit überlagert wird von Traum oder Erinnerung. Die Schau würdigt ihn als einzigartiges kulturelles Ereignis.

Dass der Film für jedwede Phantasmen und Hypothesen offenzustehen scheint, birgt indes das Risiko der Beliebigkeit. Wer sich künstlerisch mit der Befragung der Wirklichkeit und dem Rätsel der Identität beschäftigt, hat Resnais und Robbe-Grillet praktisch immer auf seiner Seite. Die "Filmstills" von Cindy Sherman sind in dieser Hinsicht ein stets zuverlässiger Passepartout.

Die Kuratoren Eva Fischer-Hausdorf und Christoph Grunenberg versammeln große Namen: Jeff Koons, Gerhard Richter und andere stehen beispielhaft, aber nicht durchweg bezwingend für die Spuren, die Marienbad hinterlassen hat. Schlüssig zeigt die Schau auch Resnais' Inspirationsquellen auf. Eugène Atgets streng geometrische Ansichten der Gartenanlagen von Versailles und Saint-Cloud sind ebenso unabweislich wie die statuarische Erotik der Gemälde des belgischen Surrealisten Paul Delvaux, in denen sich die kühle, gleichwohl gesteigerte Sinnlichkeit der Tableaus des Geworfenseins ankündigt, die Kameramann Sacha Vierny für Resnais komponierte.

Verblüffende Einflusslinien

Der Einfluss des Films auf nachfolgende Generationen ist verblüffend. Einige Künstler reagieren unmittelbar auf den Film, zitieren ihn direkt wie etwa Marie Harnett, die einzelne Einstellungen in Miniaturzeichnungen aufgreift, oder Kota Ezawa, der die mondänen Posen des Figurenensembles in die Disziplin des Animationsfilms übersetzt.

Laurent Fiévets Videoinstallation stellt Filmszenen auf den Kopf und reduziert ihre Folge entsprechend den geheimnisvollen Regeln des Nim-Spiels, bei dem sich die männlichen Hauptfiguren des Films miteinander messen (und in dessen Reglement der Besucher eingangs eingeweiht wird, sodass er es mit den großformatigen Streichhölzern des Kollektivs FORT nachspielen kann).

Fiévets Arbeit verweist auf den zweifachen Impuls, dem einige der von Resnais inspirierten Künstler folgen: Sie versuchen der Vieldeutigkeit des Films beizukommen, indem sie seine Struktur und Thematik neu interpretieren. Patrick Faigenbaums Fotoserie tritt Resnais' Erbe sowohl in der Distanz des Blicks wie auch in der rigiden Komposition an. Richard Avedons Tableaus des venezianischen Volpi-Balles von 1991 wäre hier eine Ergänzung gewesen.

Zu den wenigen Lücken des faszinierenden Panoramas, das die Kuratoren entfalten, gehört die Skulptur. Es ist erstaunlich, dass ein Film, der sich derart hingebungsvoll am Anblick von Statuen, Säulen, Lüstern und Stuck berauscht, nicht deutlichere Spuren in der Bildhauerei hinterlassen hat. (Gerhard Midding aus Bremen, 4.1.2016)

Bis 13. März, Kunsthalle Bremen

  • Beschwörung einer gemeinsamen Vergangenheit: Giorgio Albertazzi und Delphine Seyrig treffen sich in Alain Resnais' Film "Letztes Jahr in Marienbad" (Drehbuch: Alain Robbe-Grillet) im Schlosspark.
    foto: friedrich/interfoto/picturedesk.com

    Beschwörung einer gemeinsamen Vergangenheit: Giorgio Albertazzi und Delphine Seyrig treffen sich in Alain Resnais' Film "Letztes Jahr in Marienbad" (Drehbuch: Alain Robbe-Grillet) im Schlosspark.

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