Besondere Fähigkeit: Engagement für Flüchtlinge

8. Jänner 2016, 09:00
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Unternehmen freuen sich über die soziale Ader von Bewerbern, warnen aber davor, diese vorzutäuschen

Manchmal muss man Entscheidungen einfach treffen, auch wenn sie radikal sind. Ashley Winkler hatte nach neun Wochen Engagement für Flüchtlinge am Wiener Hauptbahnhof im Rahmen von Train of Hope ihren Job gekündigt, um noch mehr Zeit dort verbringen zu können. "Ist es vernünftig? Wahrscheinlich nicht. Ist es richtig? Wahrscheinlich schon", beschrieb sie Anfang November ihren Entschluss.

Winkler ist nur ein Beispiel für tausende Menschen, die in der Freizeit Essen austeilten, sich Urlaubstage für Betreuung in Notquartieren nahmen oder Kurse an der Uni für Übersetzungen sausen ließen.

Lernen für Leben und Beruf

"Viele von uns haben in den letzten Monaten sehr viel dazugelernt", sagt Benjamin Fritz, ebenfalls bei Train of Hope engagiert. Anfangs seien die Freiwilligen teilweise 17 Stunden am Bahnhof gewesen, bis langsam Struktur in die Organisation kam. Fritz hatte für den Einsatz seine Kurse an der Uni reduziert, am Bahnhof hat er anderes gelernt.

"Wir hatten ein riesiges Netzwerk und waren viele Leute. Da musste einiges an Koordination aufgebaut werden." Das könne durchaus auch im späteren Berufsleben hilfreich sein. Nachgedacht habe er noch nicht darüber, ob er das im Lebenslauf vermerkt. "Aber warum eigentlich nicht?"

Engagement kommt gut an

Bei vielen Unternehmen kommt ein solcher Vermerk natürlich gut an. Bereits in den letzten Jahre habe man beobachten können, dass es einen Anstieg bei Bewerbern gibt, die soziales Engagement im Lebenslauf angeben. "Insbesondere bei Bewerbungen von Universitäts- und FH-Absolventen", sagt Johannes Zimmerl, Direktor des Konzernpersonalwesens bei Rewe. Das passt auch dazu, dass die Zahl freiwillig Engagierter laut Freiwilligenbericht in den letzten Jahren gestiegen sei.

Auch sie habe den Eindruck, dass derzeit öfter der Hinweis auf Einsatz für Flüchtlinge in Bewerbungen vermerkt sei, sagt Birgit Payer, HR Businesspartnerin der Erste Bank.

Realitätscheck

Wie gehen Unternehmen mit der Information um? "Grundsätzlich werden in den Gesprächen Fragen gestellt, um zu erfahren, ob diese Tätigkeiten auch wirklich ausgeübt wurden", sagt Payer. Auch bei Rewe würde man auf persönliche Gespräche setzen. Dort ergebe sich meist ein schlüssiges Bild.

Fritz ist nun Teil des Vorstands im neu gegründeten Verein, wo aktuell fleißig an neuen Projekten gearbeitet wird: Deutschkurse, Jobbörsen für Flüchtlinge oder Events – es sei viel im Gespräch. Denn auch das hätten sie am Bahnhof gelernt: hartnäckig zu sein, sich nicht dafür zu genieren, dreimal nachzuhaken bei der Suche nach Unterstützung.

Teamgeist, Selbstorganisation

Auch Payer fallen viele Dinge ein, die man durch freiwilliges Engagement für sich selbst mitnimmt: "Kompetenzen wie Teamgeist, Selbstorganisation, Umgang mit Stress, Selbstmotivation, Über-die-eigenen-Grenzen-Gehen, Achtsamkeit, Empathie, Engagement der Sache wegen, Übernehmen von Verantwortung, Verlässlichkeit, Umsetzungsstärke und vieles mehr."

Das gelte auch unabhängig von der Flüchtlingshilfe, die momentan natürlich bestimmend sei. Diese Fähigkeiten seien nicht nur im Ehrenamt das Um und Auf, sondern auch im Berufsleben. (Lara Hagen, 8.1.2016)

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  • Freiwillige der Initiative "Train of Hope" am Wiener Hauptbahnhof. Dort haben sie nun die Zelte abgebrochen, engagieren sich aber weiter.
    foto: christian lapp

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