Zur Sache, Schätzchen

Glosse4. Jänner 2016, 11:56
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Neue Serie: Wörter und ihre Herkunft. Die germanische Wurzel von Streitsachen, Rechtssachen, Dingsda

Wer kennt ihn nicht, den Titelsong von "High Noon" (1952)? "Do Not Forsake Me, Oh My Darlin'" (Verlass mich nicht, mein Liebling), fleht etwa Connie Francis in ihrer Interpretation. Verblüffend ist die Tatsache, dass das neuenglische Verb "forsake" ursprünglich ein Rechtsterminus war (altenglisch for-sacan, "abstreiten, leugnen, entsagen, aufgeben, im Stich lassen") und sich mit neuenglisch sake in "for Heaven's sake" und "for your own sake" zur selben germanischen Wurzel wie neuhochdeutsch Sache stellen lässt (germanisch *sakō- "Streit, Krieg, Prozess, Verfolgung", altenglisch sacu "Streitsache, Ursache, Grund", lateinisch causa).

filmpanorama
Der Trailer zu "High Noon" ("Zwölf Uhr Mittags"): ein paar Takte aus dem Titelsong ab Minute 1:28.

Rechtssachen und Dings da

Ihre Rechtssachen fochten die Germanen ganz sachlich bei einem "Þing" aus (althochdeutsch ding, altenglisch Þing, neuenglisch thing), einer zeitlich festgelegten Zusammenkunft der Streitparteien (vergleiche Widersacher). So eine Gerichtsversammlung konnte mehrere Tage dauern und fand unter freiem Himmel statt. Dort kamen die Germanen dann zur Sache.

Ein Widerhall dieser Gerichtsversammlungen, der "Thingstätten", findet sich noch heute in Ortsnamen wie Dingelstädt* und Dingstede. Im Laufe der Zeit ist die ursprüngliche Bedeutung von Ding mehr und mehr verblasst, bis es letztlich zum Ersatzwort (Dingsda) für Substantiva verkommt, die einem gerade nicht einfallen. Die alte juristische Bedeutung "Übereinkommen" scheint jedoch noch durch in Wörtern wie Bedingung, unbedingt einen Verbrecher dingfest machen, ein gedungener Mörder, sich etwas ausbedingen, das Ausgedinge, sich verdingen.

Tagen und verteidigen

Wir sprechen meist in eigener Sache, wenn wir uns verteidigen. Das Verb kommt von mittelhochdeutsch teidinc, entstanden durch Kontraktion und Verschleifung aus mittelhochdeutsch tage-dinc/tege-dinc, einer an einem bestimmten Tag festgesetzten Gerichtsverhandlung beziehungsweise dem dort stattfindenden Wortwechsel. Das mittelhochdeutsche teidingen bedeutete "gerichtlich verhandeln". Das Verb verliert im Laufe der Zeit das –n– im Wortstamm analog zu den vielen Bildungen vom Wortbildungstyp "be-rein-igen" und gewinnt dafür das Präfix ver-. Heute werden Widersacher verteidigt, und der Termin in Sachen Huber gegen Maier wird vertagt. Und Tagungen dauern manchmal bis in die Nacht. (Sonja Winkler, 4.1.2016)

* Die Dingelstedtgasse im 15. Wiener Gemeindebezirk geht auf einen Eigennamen zurück, den Opern- und Burgtheaterdirektor Franz Freiherr von Dingelstedt (1814–1881).

Sonja Winkler beschäftigt sich seit mehr als 30 Jahren mit der Etymologie von Wörtern. Sie studierte Germanistik und Anglistik im Lehramt in Wien, übte mehr als 20 Jahre eine Lektorentätigkeit am Germanistischen und Anglistischen Institut der Uni Wien aus und war 18 Jahre im Schuldienst. Seit vier Jahren ist sie in Pension.

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