Saudi-Arabien und Bahrain brechen Beziehungen zum Iran ab

4. Jänner 2016, 20:49
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Nach Protesten gegen Hinrichtung von schiitischem Geistlichem in Riad: Iran wirft Saudi-Arabien Anheizung der Spannungen vor

Nach dem Bruch der diplomatischen Beziehungen in der Nacht zum Montag hat Saudi-Arabien seine Maßnahmen gegen den Iran verschärft. Das sunnitische Königreich kündigte am Nachmittag an, auch alle Handelsbeziehungen und den Flugverkehr mit dem Iran zu beenden. Saudische Bürger dürfen demnach nicht in den Iran reisen. Iranische Pilger seien in Mekka und Medina weiter willkommen, sagte Außenminister Abel al-Jubeir.

Schon zuvor hatten am Montag auch mehrere enge Verbündete die diplomatischen Kontakte mit dem Iran abgebrochen. Am Vormittag folgte Bahrain dem Beispiel Saudi-Arabiens. In Manama regiert eine sunnitische Königsfamilie mit saudischer Unterstützung über eine schiitische Bevölkerungsmehrheit. Später zog auch der Sudan nach, der ebenfalls seinen Botschafter aus Teheran abzog und jenen des Iran binnen 48 Stunden zur Abreise aufforderte. Der Sudan galt bis vor kurzem als iranischer Verbündeter. Die Vereinigten Arabischen Emirate teilten die Herabstufung der Beziehungen zum Iran mit.

Riad nannte als Grund den Angriff von Demonstranten auf die saudische Botschaft, den iranischen Sicherheitskräfte tags zuvor nicht verhinderten. Das Gebäude geriet dabei in Brand, Personal wurde nicht verletzt. Der Iran betonte später, man habe die Angreifer festgenommen – die Sicherheitskräfte hätten deren Ärger über die Exekution des schiitischen Geistlichen Nimr Baqir al-Nimr in Saudi-Arabien aber nicht stoppen können.

Arabische Liga einberufen

Die Arabische Liga wird am Sonntag in einem Dringlichkeitstreffen über den Angriff auf die Botschaft und die "iranische Einmischung in arabische Angelegenheiten" beraten.

Teheran selbst sieht die Schuld für die jüngste Eskalation aber weiterhin bei Riad. Saudi-Arabiens Regierung habe mit der Exekution Nimrs, den viele saudi-arabische Schiiten seit Protesten im Jahr 2011 als Führungsfigur sahen, die Spannungen bewusst angeheizt. Ein Sprecher des Teheraner Außenministeriums sagte am Montag, Saudi-Arabien profitiere davon, wenn sich die Spannungen in der Region weiter erhöhten. Das Land habe nach einem Vorwand gesucht, den Streit anzufachen. Vizeaußenminister Eshaq Jahangiri sagte, Saudi-Arabien werde wegen seiner "hastigen und unlogischen Aktionen" zum Verlierer der aktuellen Krise werden.

Die sunnitische Al-Azhar-Universität in Ägypten stellte sich am Montag hinter Saudi-Arabien. Die Hochschule verlangte Respekt vor "den inneren Entscheidungen des Königreichs".

Die Eskalation beschränkte sich nicht mehr auf Demonstrationen schiitischer Gruppen gegen Saudi-Arabien, wie es sie erneut in Staaten mit größeren schiitischen Bevölkerungsgruppen gab. Aus dem Irak wurde etwa die Ermordung eines sunnitischen Muezzins und eines Imams gemeldet. Außerdem wurden zwei sunnitische Moscheen nahe Hilla, 80 Kilometer von Bagdad entfernt, durch Bombenexplosionen schwer beschädigt. Im Jemen, wo vom Iran unterstützte Huthi-Milizen gegen eine von Riad unterstützte Mili tärkoalition kämpfen, spitzten sich die Auseinandersetzungen zu, in Aden gab es 17 Tote.

Auch in Saudi-Arabien selbst gab es laut Mel dungen einen Toten – offenbar wurde bei Demonstrationen ein Schiit von der Polizei erschossen. Die Spannungen setzen aber auch der Währung des Königreichs zu. Der Rial ist zwar an den Dollar gekoppelt, an den Terminmärkten stürzte sein Kurs aber ab. (mesc, red, 5.1.2016)

Internationale Besorgnis über Eskalation am Golf

Die Hinrichtung des schiitischen Geistlichen Nimr al-Nimr in Saudi-Arabien hat international Sorge über die Entwicklung in der Golfregion ausgelöst. Nach den USA forderten am Montag auch Russland und Frankreich, die Krise umgehend mit diplomatischen Mitteln beizulegen. Die russische Führung erklärte sich zu einer Vermittlerrolle bereit. Das Weiße Haus äußerte sich kritisch sowohl zur "Massenhinrichtung" in Saudi-Arabien als auch zum Sturm auf die saudische Botschaft in Teheran. Die Türkei nahm vorsichtige Distanz von Saudi-Arabien: Man sei gegen die Todesstrafe.

UN-Generalsekretär Ban Ki-moon, der den Abbruch der diplomatischen Beziehungen Riads zu Teheran als "zutiefst besorgniserregend" bezeichnete, schickte am Montag seinen Syrien-Gesandten Staffan de Mistura in die Region, er sollte sowohl Riad als auch Teheran besuchen.

Auch China zeigt sich "hochgradig besorgt", dass der Konflikt sich ausweiten könne. Aus Furcht vor einer weiteren Destabilisierung rief auch die deutsche Bundesregierung die Verantwortlichen zum Dialog auf. In Berlin wird zudem laut über Konsequenzen für die Genehmigung deutscher Rüstungsexporte nach Saudi-Arabien nachgedacht. (red)

Link:

Chronologie der iranisch-saudischen Beziehungen: Tiefe Gräben am Golf

Nachlese

Nach Massenhinrichtung: USA warnen vor Eskalation zwischen Teheran und Riad



  • Die saudische Botschaft in Teheran wurde von Demonstranten in Brand gesteckt.
    foto: reuters/tima/mehdi ghasemi

    Die saudische Botschaft in Teheran wurde von Demonstranten in Brand gesteckt.

  • Saudi-Arabiens Außenminister Adel al-Jubeir sprach am Sonntag bei einer Pressekonferenz in Riad über den Abbruch der diplomatischen Beziehungen zum Iran.
    foto: apa/afp/ahmed farwan

    Saudi-Arabiens Außenminister Adel al-Jubeir sprach am Sonntag bei einer Pressekonferenz in Riad über den Abbruch der diplomatischen Beziehungen zum Iran.

  • Demonstration vor der saudischen Botschaft in Teheran am Sonntag.
    foto: apa/afp/atta kenare

    Demonstration vor der saudischen Botschaft in Teheran am Sonntag.

  • Artikelbild
  • Demonstration vor der saudischen Botschaft in London
    foto: reuters/melville

    Demonstration vor der saudischen Botschaft in London

  • Schiitische Muslime protestieren gegen die Hinrichtung von al-Nimr in Srinagar, Kashmir
    foto: reuters/stringer

    Schiitische Muslime protestieren gegen die Hinrichtung von al-Nimr in Srinagar, Kashmir

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