Millionen für Energiewende und Klimaschutz

4. Jänner 2016, 07:00
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Die Hinwendung zu erneuerbaren Energien gilt als teuer und mühsam. Den enormen Kosten steht aber ein Nutzen gegenüber

Wien – Im Gegensatz zu Deutschland, wo der Bundestag die Kosten der "Energiewende" klar definiert und beschlossen hat, sind diese Aufwendungen in Österreich schwer zu beziffern. Die Bundesrepublik kalkuliert für den Ausbau von Windkraft- und Solaranlagen samt dazugehörigen Übertragungsleitungen 15 Milliarden Euro pro Jahr oder 0,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP). Hochgerechnet bis 2050 schlägt der Ersatz von fossiler und Nuklear-Energie damit mit rund 550 Milliarden Euro zu Buche.

Diesen enormen Investitionen durch den Ausbau erneuerbarer Energieträger, die vielfach als "verloren", weil kaum zurückverdienbar, kritisiert werden, steht freilich auch ein Nutzen in Form von Minderverbrauch an Brennstoffen gegenüber. Den Break-even setzt Universitätsprofessor Michael Getzner von der TU Wien in 15 Jahren an. Ab 2030 seien die Einsparungen bei Brennstoffen für Deutschland höher als die Kosten der neuen Energieträger, rechnete Getzner beim Energiedialog in der Fachhochschule Technikum in Wien vor. Voraussetzung: Die Primärenergiepreise bleiben bis dahin ungefähr gleich und die Kapitalkosten unberücksichtigt. "Allein durch die Einsparungen bei der Energiekostengewinnung rechnet sich die Energiewende", sagt Getzner, jedenfalls für die nächsten Generationen, wobei niedrigere Sozialkosten noch gar nicht gegengerechnet seien.

Wenn nichts passiert

In Österreich, wo rund die Hälfte des Energiebedarfs aus Wasserkraft generiert und Kohle- und Atomkraftausstieg nicht bzw. nicht in vergleichbaren Ausmaßen stattfinden (müssen), ist diese Rechnung deutlich komplizierter. Eine Auflistung der Gesamtkosten gibt es nicht, Ökonomisch definiert und vorausberechnet wurde bis dato quasi nur das Negativszenario, also jene Kosten, die entstehen, würden in Sachen Klimawandel- und Klimaschutz keine Maßnahmen gesetzt.

foto: dpa
Anfang oder Ende der Energiewende? Fest steht, sie kostet, aber sie bringt auch Vorteile.

Umgelegt auf das bei der Klimakonferenz in Paris fixierte Ziel, die Erderwärmung auf maximal zwei Grad einzudämmen, bedeutet dies für Österreich: Klimaveränderung, thermische Gebäudesanierung und effizienterer Neubau führen bis 2050 zu einer Abnahme der Energienachfrage für Heizen, Kühlen und Warmwasseraufbereitung (mittels Strom, Fernwärme, Erdgas, Heizöl etc.) von 40 Prozent. Zwar steigen die Energieausgaben für Gebäudekühlung bis 2045 um durchschnittlich rund 70 Mio. Euro jährlich, diese Kosten seien aber wesentlich geringer als jene der Energieeinsparung durch verminderten Heizbedarf. Letztere haben die Experten des Projekts Coin unter Leitung von Karl Steininger vom Wegener Center für Klima und Globalen Wandel / Uni Graz ab 2016 (bis 2045) mit durchschnittlich 200 Mio. Euro pro Jahr errechnet. Sie steigen zwischen 2036 und 2065 sogar auf durchschnittlich 390 Millionen Euro.

Spitzenlast belastet

Immer unter der Annahme eines moderaten Klimawandels verlaufen die Prognoseberechnungen bei der Stromerzeugung gegenläufig. Ab 2036 müssen im Schnitt pro Jahr 230 Mio. Euro mehr in Anlagen investiert werden, um Spitzenlasten des Kühlbedarfs abzudecken. Mehr an Sommerhitze verringert die Wasserführung der Flüsse und mit ihr die Wasserkraftproduktion, was Zusatzkosten verursacht, die aber durch saisonale Verschiebung vom Sommer- ins Winterhalbjahr zumindest teilweise abgefedert werden.

Während die verringerte Energienachfrage dank Netto-Einsparungen im Sektor zu positiven Effekten für verfügbare Haushaltseinkommen und Gesamtwirtschaft führen sollen (das BIP erhöht sich im Schnitt um 30 Mio. Euro pro Jahr), bringen die Kosten im Stromsektor negative volkswirtschaftliche Effekten von 170 Millionen Euro pro Jahr (bis 2045) mit sich. Verlierer wären hier laut Berechnungen der Coin-Experten der Handel und die Immobilienbranche, während Bau und E-Wirtschaft profitieren sollten.

Teure Blackouts

Noch nicht berücksichtigt sind bei diesen Berechnungen Kosten und Risiken von "Blackouts", zu denen es aufgrund von Spitzenlasten und Schäden kommen könnte, beispielsweise durch Stürme, die Stromleitungen zerstören.

Um die Vorgaben der Klimastrategie 2020 zu erfüllen und negative Auswirkungen des Klimawandels hintanzuhalten, gibt es freilich nicht nur im Energiesektor Investitionsbedarf, sondern auch in den Bereichen Transport/Verkehr, Gebäude, Industrie und Raumordnung. Allein im Straßennetz verursachen wetterbedingte Schäden wie Überflutungen, Hangrutschungen und Muren jährliche Zusatzkosten von rund 18 Millionen Euro.

Einen Vorgeschmack auf die Kosten bietet eine Aufstellung jener Zusatzinvestitionen, die laut Coin zur Erfüllung der EU-Klimaziele bis 2020 notwendig wären. Die dicksten Fische sind demnach Verkehr, Gebäude, Mobilität, Energieerzeugung und Industrieproduktion. Zur Ertüchtigung des Öffentlichen Verkehrs wären demnach pro Jahr Investitionen im Volumen von 834 Millionen Euro notwendig, 3,2 Milliarden für die thermische Sanierung des Gebäudebestands, 620 Milllionen Euro für Errichtung von mehr Gebäuden gemäß Passivhaus-Standard und an die 670 Millionen Euro für Wärme- und Wassererzeugung mit Solartechnologie (siehe Grafik). (Luise Ungerboeck, 4.1.2016)

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