Mexiko: Eine Zukunft zum Selberbasteln für Flüchtlinge

4. Jänner 2016, 12:00
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In Mexiko-Stadt hat Historikerin Abril Reza eine Fahrradwerkstatt zur Selbsthilfe entworfen

"Lauf oder stirb!" Auf einmal ist sein Leben dieser eine Satz. Er ist 24 Jahre alt, hatte Pläne. Also läuft er, 1600 Kilometer bis nach Mexiko. Heute, eineinhalb Jahre später, kniet Maycol Aguilar vor einem roten Mountainbike, flickt einen Platten und überprüft sein Werk mit der Luftpumpe. Es klappert, klimpert und klirrt in der Werkstatt im Süden von Mexiko-Stadt.

Maycol Aguilar hat kurz geschorene schwarze Haare und einen drahtigen Körper. In Honduras war er Soldat bei der Marine, traf sich mit Freunden. Das ganz normale Leben eines 26-Jährigen – bis es auf einmal nicht mehr normal war. "Die Drogendealer fingen an, mich zu erpressen, weil ich Soldat war. Die hätten mich entführt, wenn sie mich erwischt hätten", sagt Maycol.

Neuer Plan von Mexiko

Immer mehr Mittelamerikaner fliehen über Mexiko in die USA. Vor gut einem Jahr implementierte die mexikanische Regierung den Plan "Frontera Sur", der die Sicherheit und Menschenrechte der Flüchtlinge garantieren sollte. Im Zuge dessen greifen die mexikanischen Grenzbeamten Schutzsuchende häufig schon an der Grenze zu Guatemala auf, um sie dann abzuschieben. Unterstützung erhält Mexiko dabei von den USA, die die Angelegenheit so nach Süden auslagern.

"Die Gewaltwelle in Mittelamerika zwingt viele Menschen ihr Land zu verlassen", weiß die Historikerin Abril Reza, "das sind keine Wirtschaftsmigranten mehr, sondern Flüchtlinge, die alles aufgeben müssen und nach Norden ziehen." Beinahe zeitgleich mit dem Eintreten des Plans "Frontera Sur" gründete die 31-Jährige das Projekt "Quiquica", eine Fahrradwerkstatt, hinter der sich ein Hilfe-zur-Selbsthilfe-Konzept verbirgt. In der Werkstatt, die sich über Rad-Reparaturen und Spenden finanziert, können Flüchtlinge aus Zentralamerika alles rund ums Fahrrad lernen, arbeiten und sich so in Mexiko ein neues Leben aufbauen.

Mit Würde aufstehen

"Quiquica ist Náhuatl und bedeutet 'der mit Würde aufsteht'", erklärt Reza, "genau dabei wollen wir die Neuankömmlinge unterstützen." Regelmäßig radelt sie zu den Herbergen der Flüchtlinge in der mexikanischen Hauptstadt und lädt sie in die Werkstatt ein.

Bei Maycol Aguilar zeigten die Drohungen der Drogendealer Wirkung. Er kündigte seinen Job, packte seinen Rucksack und zog Richtung Norden ins Ungewisse. Eigentlich wollte er es bis in die USA schaffen, doch auf den traditionellen Routen mache die wachsende Militärpräsenz das Durchkommen fast unmöglich.

"Viele Flüchtlinge weichen auf neue Routen aus", erklärt Abril Reza, doch auf den neuen Wegen gebe es weder Herbergen noch Menschenrechtsorganisationen, die für Essen und Unterschlupf sorgen. "Leichtes Spiel also für das organisierte Verbrechen", sagt Reza. Überfälle, Entführungen und Erpressungen stünden an der Tagesordnung, sagt sie, nicht zu vergessen die korrupten Beamten der Migrationsbehörde.

Schlechte Chancen auf Asyl

Als Maycol Aguilar Mexiko-Stadt erreicht, lernt er Abril Reza kennen und beschließt zu bleiben. Heute ist er einer von tausenden Mittelamerikanern, die in Mexiko Asyl beantragt haben. Doch Statistiken der Migrationsbehörde zufolge wird nur einem Sechstel Zuflucht gewährt. Wird auch Aguilars Antrag abgelehnt, droht ein Schattendasein ohne Arbeit. Ein Zurück gibt es für ihn nicht.

"Wir müssen die Flüchtlinge integrieren", begründet Abril Reza ihr Projekt. Die Schutzsuchenden sollen nicht zur Untätigkeit verdammt sein, während sie auf den Asylbescheid warten.

"Ich konnte mein Leben neu ordnen"

Zusammen mit anderen Flüchtlingen schraubt, flickt und bastelt Aguilar jede Woche in der Fahrradwerkstatt. Von seinem Lohn hat er mittlerweile eine Wohnung gemietet. "Quiquica war meine Starthilfe. Dadruch konnte ich mein Leben neu ordnen."

Mittagspause. Aguilar klickt sich auf Facebook durch seine Fotoalben. Bunt flirren die Erinnerungen über den Bildschirm. Klick. Er in Uniform bei der Marine. Damals war er noch wer, sagt er. Klick. Seine Eltern und Geschwister – er weiß nicht, ob er sie je wiedersehen wird. Klick. Seine Freundin aus El Salvador, die er in einer Herberge kennengelernt hat. Ein Neuanfang. Vielleicht. (Lisa Maria Hagen aus Mexiko-Stadt, 4.1.2016)

  • Maycol Aguilar und Abril Reza gemeinsam bei der Arbeit.
    foto: lisa maria hagen

    Maycol Aguilar und Abril Reza gemeinsam bei der Arbeit.

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