Jetzt braucht es nur noch einen Turm zu Sturm

4. Jänner 2016, 00:00
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Der Kärntner Künstler Niko Sturm hat im 15-Seelen-Ort Zinsdorf einen alten Bauernhof umgebaut.

Der Kärntner Künstler Niko Sturm hat im 15-Seelen-Ort Zinsdorf einen alten Bauernhof umgebaut. Wojciech Czaja hat ihn besucht und erfuhr von Gabelstaplerträumen und von der letzten noch ausstehenden Bauphase.

"Ursprünglich einmal war das eine Landwirtschaft, ein Bauernhof, später auch eine Schmiede. Mir hat das Haus schon als Jugendlichem gefallen. Ich war oft da, denn mein Elternhaus liegt gleich daneben. Eines Tages wurde der Betrieb aufgegeben, und mit der Zeit wurde der Zustand immer desolater. Vor neun Jahren wollte es der Zufall, dass die Immobilie versteigert wurde. Mein Vater hat den Zuschlag bekommen.

foto: ferdinand neumüller
"Genauso wenig wie ich Buntmaler bin, bin ich auch Buntwohner." Niko Sturm in seiner weiß ausgemalten Küche, die er auch als Teststrecke für seine eigenen Bilder nutzt.

Zinsdorf besteht de facto aus fünf Familien und hat 15 Einwohner oder so. Ich konnte mir nicht vorstellen, jemals wieder hierherzuziehen. Raus aus Wien? Raus aus Berlin? Raus aus der Großstadt? Niemals! Doch als ich das Gebäude nach dem Kauf das erste Mal besichtigt habe, war ich von der Atmosphäre restlos begeistert.

In der Küche, wo wir jetzt stehen, waren früher die Duschen und WCs für die Bauern und Hilfskräfte untergebracht. Als Erstes wurde das Haus also einmal in großen Teilen bis auf das alte Gemäuer entkernt. Dann habe ich Gänge und Durchbrüche geschaffen, was aufgrund der Bögen und Gewölbe nicht gerade einfach war. Auch in Sachen Haustechnik, Heizung, Elektro ist alles neu. Insgesamt hat der Umbau vier Jahre gedauert. 90 Prozent, kann man sagen, habe ich mithilfe meiner Familie, insbesondere meines Bruders, umgebaut. Das Wichtigste war für mich, die Aura und Atmosphäre beizubehalten. Das hat mit den eingebauten Fußböden und Materialien zu tun, mit den Möbeln, mit kleinen Details wie Ofen, Lichtschalter und Schinkenaufhängestange.

Alles zusammen hat das Haus 550 Quadratmeter Nutzfläche, wobei die Wohnung rund 140 Quadratmeter misst. Der Rest ist Atelier. Das war auch die größte Baustelle. Ich wollte einen großen, hellen, funktionalen Raum. Da waren einige Eingriffe nötig. Die Raumhöhe beträgt 5,60 Meter, es gibt vier große Fenster nach Norden, eine Galerie und einen Betonboden mit Fußbodenheizung, den man allerdings sogar mit dem Gabelstapler befahren kann. Manche Bilder sind sehr groß, und wer weiß, was die Zukunft bringt ... Ich wollte mich für alle Eventualitäten wappnen.

Ich fühle mich sehr wohl hier, denn hier kann ich gut abschalten und mich wunderbar konzentrieren. In Wien lebe ich mit meiner Familie, Berlin ist eine Art Wahlheimat aus alten Zeiten, aber Zinsdorf ist mein Hauptarbeitsort – weniger Freunde, mehr Ruhe, mehr Inspiration. Je nach Bedarf, je nach Jahreszeit pendle ich zwischen den drei Orten hin und her. Heute kann ich sagen, dass ich ein leidenschaftlicher Landstädter bin.

Ich habe ein paar Werke von befreundeten Künstlern, aber auch schöne Möbelstücke, wie etwa den roten Galaxy Chair von Walter Pichler – ein sehr schöner Entwurf aus dem Jahr 1966. Ich nutze den Wohnbereich aber auch als Teststrecke für meine eigenen Bilder. Das orange Bild hinten neben dem Fenster, ein Stück aus meiner italienischen Serie, hängt hier seit dem Anfang. Wenn ein Bild alt werden kann und nicht fad wird, dann taugt es was, dann hat es für mich Substanz.

Was das Wohnen selbst betrifft: Genauso wenig wie ich ein Buntmaler bin, bin ich auch kein Buntwohner. Natürlich gibt es ein paar farbige Möbelstücke, aber ansonsten lege ich Wert auf unverfälschte Materialfarbe sowie auf weiße Wände. Ich mag bunte Wände nicht, die Leinwände sind ja eh schon farbig. Das schönste Wohnen ist aber draußen vorm Haus. Im Sommer wird der überdachte Bereich zwischen den beiden Trakten zum Outdoor-Wohnzimmer mit Küche, Essplatz, Couch und Traktor. Das ist Wohnen!

Eines Tages möchte ich als Draufgabe noch einen kleinen Turm mit Zimmer, Küche und Bett errichten. Das wäre dann der höchste Punkt von Zinsdorf. Es gibt zwar bereits einen zwölf Meter hohen Getreidesilo, aber mein Turm soll mindestens 13 Meter hoch werden. Das ist dann der Turm zu Sturm." (Wojciech Czaja, 4.1.2016)

Niko Sturm, geboren 1973 in Klagenfurt, besuchte ein slowenisches Gymnasium und studierte Malerei bei Christian Ludwig Attersee an der Universität für angewandte Kunst in Wien. Seit damals lebt er als Maler in Wien, Berlin und Zinsdorf bei Klagenfurt. Er hatte bereits Ausstellungen in Wien, Berlin, Italien, Slowenien und Kirgistan. Zuletzt veröffentlichte er mit Ivo Kocherscheidt auf Basis eines Kooperationsprojekts das Buch New York (Drava-Verlag).

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