Kolumbiens Gärten der Versöhnung

4. Jänner 2016, 09:00
10 Postings

In der einstigen Mörderhochburg Medellín haben Vertriebene Gemüsegärten angelegt, um den Bürgerkrieg zu vergessen

Die "Comuna 8" thront hoch über der Innenstadt von Medellín. Ein zusammengewürfeltes Labyrinth aus Hütten, lose baumelnden Stromkabeln und steilen, engen Gassen, in denen nur Mopeds ohne größere Manöver vorankommen. Eine offene Wunde des ältesten Bürgerkriegs Lateinamerikas.

Seit 30 Jahren schlucken städtische Randviertel wie dieses Vertriebene aus ganz Kolumbien. Auf über sechs Millionen ist ihre Zahl inzwischen angeschwollen. Menschen, deren Lebenstraum jäh von den Gewehrläufen einer der vielen bewaffneten Gruppen beendet wurde. Wenn die linke Guerilla der Revolutionären Streitkräfte Kolumbiens (Farc) und die Regierung im März wie geplant den Friedensvertrag unterzeichnen, wird er sich an Orten wie der "Comuna 8" bewähren müssen.

Flucht vor den Todesschwadronen

Cocorná ist auf den ersten Blick die Antithese zur urbanen Anarchie der "Comuna 8": ein idyllischer Ort mit fruchtbarem Boden, kristallklaren Wasserfällen und üppig bewaldeten Bergen, 80 Kilometer südöstlich von Medellín. Einst war das die Heimat von Yisela Quintero. Sie war damals 24, vor kurzem Mutter geworden und organisierte Projekte für Bäuerinnen. "Im Jahr 2000 wurde ich Zeugin, wie die Guerilla vermeintliche Spitzel exekutierte. Das störte sowohl die Guerilla als auch die Armee, die mich für eine Komplizin der Rebellen hielt." Als die Armee Todesschwadrone auf sie ansetzte, flüchtete sie mit ihrer Tochter in die "Comuna 8" – und kam vom Regen in die Traufe.

Die Armenviertel waren rechtsfreie Zonen, die nicht einmal auf den Stadtplänen verzeichnet waren. Die dort zusammengepferchten Bürger waren unsichtbar für den Staat. In den "Comunas" setzte der Stärkere sein Recht durch. In den 1980er-Jahren war das Pablo Escobar. Er war der Erste, der in den Armen Potenzial entdeckte und sie zu billigen Handlangern seines Kokainimperiums machte.

Escobar zwang seine Rivalen mit Kugeln ebenso in die Knie wie das Establishment. Damals wurden in Medellín jedes Jahr 350 Menschen ermordet. Nach dem Tod Escobars 1993 stritten sich Guerilla und Paramilitärs um die Reste seines Imperiums. Quintero war also erneut mitten in der Gewaltspirale, vor der sie eigentlich geflohen war.

Zurückerobertes Terrain

Manches kann sie heute erzählen, auch wenn sie ab und zu noch instinktiv die Stimme senkt, damit es niemand Falschem zu Ohren kommt. Laut und fröhlich wird Quintero erst, wenn sie das präsentiert, was sie stolz "mein neues Lebensprojekt" nennt: urbane Gemüsegärten, auf verwegenen Terrassen in den Hang geschlagen. Das Terrain wurde ebenso wie das heutige Gemeinschaftshaus – die ehemalige Folterzentrale – von der Gemeinde zurückerobert, nachdem die Paramilitärs 2005 nach Verhandlungen mit der Regierung ihre Waffen niederlegten.

Die Schrebergärten versorgen mittlerweile die 40 daran beteiligten Familien der Siedlung Pinares del Oriente mit Obst und Gemüse. Menschen aus unterschiedlichsten Regionen Kolumbiens, mit ganz verschiedenen Leidensgeschichten. Das Wühlen in der Erde, das Hegen von Pflänzchen ist für sie eine heilsame Rückkehr zu ihren ländlichen Wurzeln. Durch die gemeinsame Arbeit kehrte die Erinnerung zurück und die Mauer des Misstrauens fiel. "Manche haben hier erstmals über ihr Leid sprechen können, und wir haben gemeinsam geweint", erzählt Quintero. Doch die Gefahr ist damit nicht gebannt.

Angebote für die Jugend

Rund 20 Prozent aller Einwohner Medellíns sind Vertriebene, Opfer, aus deren Hilflosigkeit und Misere sich leicht die nächste Generation der Täter rekrutieren lässt. "Wir müssen ihnen attraktivere Angebote machen als die Banden", sagt der ehemalige Bürgermeister Sergio Fajardo. Deshalb wurden in den Armenvierteln Kinderspielplätze gebaut, ein Kultur- und Sportzentrum und eine Bibliothek. Dank solcher Projekte wurde Medellín 2013 vom Urban Land Institute zur "innovativsten Stadt der Welt" gewählt, weil sie eine der "bemerkenswertesten Kehrtwenden aller Zeiten" vollbracht habe.

Der stadtpolitische Schwenk überzeugt Quintero allerdings nicht ganz. "Ja, schön ist es, unser Sportzentrum, aber 13.000 Nachbarn haben bis heute kein Trinkwasser und viele keinen Job", schimpft sie, "die Stadtoberen verkaufen ein Bild von Medellín für Touristen und Investoren. Und wir Opfer laufen Gefahr, wieder an den Rand gedrängt zu werden." Sandra Weiss aus Medellín, 4.1.2016)

Ein Teil der Reisekosten wurde vom Hilfswerk Misereor übernommen.

  • Yisela Quintero ist stolz auf die urbanen Gemüsegärten in der "Comuna 8". Gleichzeitig fordert sie weitere Verbesserungen.
    foto: sandra weiss

    Yisela Quintero ist stolz auf die urbanen Gemüsegärten in der "Comuna 8". Gleichzeitig fordert sie weitere Verbesserungen.

Share if you care.