"In Österreich musst du alt sein, um gehört zu werden"

Interview4. Jänner 2016, 07:00
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Sascha Ernszt und Herbert Rohrmair-Lewis, Nachwuchskräfte von ÖGB und Wirtschaftskammer, über wacklige Pensionen, träge Arbeitnehmer und profitgierige Firmen

STANDARD: Sie haben beide wohl noch viele Arbeitsjahre vor sich. Werden Sie je eine Pension bekommen, von der Sie leben können?

Ernszt: Ja, ich bin da guter Dinge, obwohl ich sicher noch rund 40 Jahre zu arbeiten habe. Ich falle nicht auf die ganze Angstmache herein und bin mir sicher, dass das Pensionssystem funktioniert.

Rohrmair-Lewis: Ich glaube nicht, dass das System funktioniert, wenn ich an die schlechten Rahmenbedingungen denke. Staatsverschuldung, die Arbeitslosen, flaue Konjunktur: Ohne tiefgreifende Reformen, etwa eine Pensionsautomatik, die das Antrittsalter an die Lebenserwartung koppelt, sind die Pensionen nicht mehr finanzierbar. Kein Wunder, wir arbeiten ja auch immer kürzer: 1971 kam der Österreicher im Leben noch auf 45 Arbeitsjahre, heute sind es im Schnitt nur 38 Jahre.

STANDARD: Gleichzeitig steigt die Lebenserwartung. Die Erwerbstätigen müssen folglich immer mehr Pensionisten erhalten. Ist die Angst da nicht begründet?

Ernszt: Staatsverschuldung und Arbeitslosigkeit machen auch mir Sorgen. Nur sollte die Konsequenz nicht sein, das Pensionssystem zu demontieren, sondern den Leuten wieder Arbeit zu verschaffen. Wir haben über 400.000 Arbeitslose. Es ist Zeit, dass der Staat Geld in die Wirtschaft buttert, um Jobs zu schaffen, wie das nun mit der Wohnbauoffensive versucht wird.

foto: matthias cremer
Hoch hängt Nachwuchsgewerkschafter Sascha Ernszt den Glauben an sichere Pensionen. Jungunternehmervertreter Herbert Rohrmair-Lewis hingegen sieht es mit dem System bergab gehen.

STANDARD: Möglichkeiten und Mittel der einzelnen Staaten sind in der globalen Wirtschaft aber begrenzt. Ökonomen sagen: Seit der Krise muss man sich auf schwaches Wachstum einstellen.

Ernszt: Auch ich glaube nicht an das ewige Wachstum. Wir können ja nicht alle drei Schnitzel am Tag essen, um die Wirtschaft anzukurbeln. Deshalb muss der Wohlstand anders verteilt werden, damit die Arbeitnehmer und die Jungen nicht unter die Räder kommen – etwa mit einer Wertschöpfungsabgabe für Unternehmen, damit die Sozialversicherungsbeiträge von der gesamten Wertschöpfung statt nur von den Löhnen abhängen. Die Unternehmen machen ja immer mehr Profit mit weniger Mensch. Für meine Generation ist es leider normal, prekär beschäftigt zu sein und nicht zu wissen, ob man in der nächsten Woche noch den Job hat. Mit sicheren Arbeitsverhältnissen müssten wir auch um die Pensionen keine Angst haben.

Rohrmair-Lewis: Das klingt alles sehr mitleidig. Mir erzählen Unternehmer etwas ganz anderes: Es wird immer schwieriger, leistungsbereite Kräfte zu finden. Als ich im Beruf anfing, habe ich 50, 60 Stunden pro Woche gearbeitet, um Karriere zu machen – solche Leute kriegst du nicht mehr. Es ist ein Massenphänomen, dass sich die Leute zurückziehen und Leistung scheuen. Teilzeit etwa wurde zum Flächenbrand. Das liegt an der Politik der letzten Jahre, die den Menschen alles abnehmen will, die Sozialstandards ständig weiter hochzieht. Und der Staat und die Länder gehen mit Frühpensionierungswellen bei ÖBB, ORF, Stadt Wien oder den Lehrern mit schlechtem Beispiel voran.

STANDARD: Gerade Wirtschaftsvertreter rufen doch immer nach Beamtenabbau.

Rohrmair-Lewis: Ich persönlich halte so eine Praxis für kurzsichtig. Die Erfahrung älterer Beamter könnte sinnstiftend eingesetzt werden. In mittelständischen Betrieben, wie ich sie vertrete, wachsen die Mitarbeiter mit. Ich kenne keinen Unternehmer, der auf das erworbene Know-how freiwillig verzichtet, indem er ältere Mitarbeiter rausdrängt.

STANDARD: Ich schon. Gerade in schlechten Zeiten versuchen Arbeitgeber doch, ältere Mitarbeiter ehestmöglich in Pension zu schicken.

Rohrmair-Lewis: Ich hatte in meiner Werbeagentur einen Partner, der erst mit 74 in Pension ging. Das liegt vor allem am Willen.

STANDARD: Nicht nur: Sobald der Zugang zur Frühpension erschwert wurde, ist die Arbeitslosigkeit der über 50-Jährigen stark gestiegen.

Ernszt: Weil es die Jobs, um bis ins hohe Alter zu arbeiten, eben nicht gibt. Ich kenne schon engagierte Unternehmen, aber oft lernt man: Es ist gang und gäbe, ältere Mitarbeiter abzuservieren. Meiner 56-jährigen Mutter haben sie in einer Firma ins Gesicht gesagt: Du kannst so lange arbeiten, bis die Förderung aus dem 50-plus-Programm ausläuft, dann musst du gehen. Das nützen genügend Firmen aus: Die holen sich dank Steuergeld gratis Leiharbeiter.

Rohrmair-Lewis: So etwas finde ich auch nicht gut.

Ernszt: Selbst in einer so großen Firma wie Siemens, wo ich arbeite, heißt es zu den Älteren: Schau, dass du in Pension kommst. Und dann holen sie die billigeren Jungen rein, die schneller hackeln.

Rohrmair-Lewis: Bei großen Firmen kann ich mir schon vorstellen, dass so etwas vorkommt, das sind andere Dimensionen. Aber in den Klein- und Mittelbetrieben mit weniger als 30 Mitarbeitern – und das sind 95 Prozent aller Unternehmen – gibt es in der Regel Symbiosen zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern.

Ernszt: Seit der Krise hat sich die Denke verändert. Vorher haben Unternehmer mehr Wert auf Mitarbeiter und Know-how gelegt, jetzt ist nur mehr Sparen bei den Personalkosten angesagt.

foto: matthias cremer
"Es ist ein Massenphänomen geworden, dass sich die Leute zurückziehen und Leistung scheuen." Herbert Rohrmair-Lewis

Rohrmair-Lewis: Es mag sein, dass viele Unternehmer nicht mehr so an die Schmerzgrenze gehen wie früher. Die Wertschätzung ist eben so gering, dass sich viele fragen: Warum tue ich mir das an? In den letzten sieben bis zehn Jahren hat die Regierung den Unternehmern nichts Freundschaftliches entgegengebracht, das Einzige, was reflexartig kommt, sind neue Forderungen – vom Mindestlohn bis zur Erbschaftssteuer. Den Arbeitgebern gruselt nur mehr. Nehmen wir die nächste Bombe nach Zielpunkt als Beispiel. Wenn Österreich die höchste Bankensteuer in ganz Europa einhebt, ist es kein Wunder, dass die Eigentümer der Bank Austria irgendwann sagen: Das rechnet sich nicht mehr.

Ernszt: Gerade diesen Fall halte ich für eine Frechheit. Ich krieg für mein Geld am Sparkonto nicht einmal ein Prozent, doch die Eigentümer der Bank Austria wollen sieben Prozent Rendite, darum fliegen die Leute raus. Die Unternehmen wollen immer mehr, mehr, mehr, – und die Arbeitnehmer fressen die Krot. Da werde ich radikal: Man sollte wieder an Verstaatlichung denken, denn der Staat hat als Arbeitgeber größere Verantwortung gezeigt.

STANDARD: Vielen Firmen geht es aber nicht rosig und sie schicken aus der Not Mitarbeiter in die Frühpension. Andere gehen freiwillig, und gerade die Gewerkschaft hat diese Möglichkeit lange verteidigt – etwa die berüchtigte Hacklerpension.

Ernszt: Ich bin es niemandem neidig, der vorzeitig in Pension geht, und werde die Hacklerregelung deshalb nicht schlechtreden. Fakt ist, dass das Pensionsantrittsalter nun steigt. Allerdings stellt sich die Frage: Wie viele Menschen halten überhaupt so lange durch, wie nun verlangt wird? Bei Siemens arbeiten Menschen den ganzen Tag mit dem Arm über dem Kopf – jeder soll einmal ausprobieren, wie lange er es durchhält, eine Maß Bier über den Kopf zu heben. So etwas kannst du nicht ein Leben lang machen.

Rohrmair-Lewis: Unlängst war in der Zeitung ein Bild der ältesten Kellnerin Deutschlands. Die Frau schenkt seit 1945 aus – weil sie Spaß hat daran. Die Österreicher sind ja hoffentlich nicht wehleidiger als andere Völker, die alle länger arbeiten als wir.

STANDARD: Das Problem der Arbeitsunfähigkeit ist anderswo auch nicht unbekannt. Nur landen die Leute dort etwa im Krankenstand statt in Invaliditätspension.

Ernszt: Natürlich werden die Belastungen am Arbeitsmarkt größer. Die Personaldecke in den Betrieben wird immer dünner – ist einer krank, gibt es bereits ein Problem. Da liegt der Ball bei den Unternehmern.

Rohrmair-Lewis: Mir geht unfassbar auf die Nerven, wie diese Diskussion geführt wird. Wir versuchen, für alles und jeden die Verantwortung zu übernehmen, nivellieren ständig alles nach unten. Klar: Wer nicht mehr fähig ist zu arbeiten, soll auch nicht mehr arbeiten. Aber der Staat sollte den frühen Ruhestand nicht attraktiv machen, sondern die Lust an Arbeit und Leistung befeuern. Ich habe unlängst mit Leuten diskutiert, die noch mit 80 arbeiten.

Ernszt: Das geht am Bau nicht.

Rohrmair-Lewis: Auch dort könnte man ältere Mitarbeiter, die ihre Erfahrung an Junge weitergeben, gut brauchen. Es fehlen Programme, um den Übergang in die Pension fließender zu gestalten. Ältere Leute sollen nicht mit einem Schlag ausscheiden, sondern auf eine Weise im Berufsleben gehalten werden, dass sich auch dann etwas beitragen können, wenn die Leistungsfähigkeit vielleicht abbaut. Das muss finanziell dann auch belohnt werden.

STANDARD: Aber muten Unternehmer Mitarbeitern nicht zu viel zu? In Zeiten von Smartphone und Internet sind viele Arbeitnehmer quasi ständig auf standby.

Rohrmair-Lewis: Das ist vielleicht ein auf bestimmte Branchen beschränktes Wiener Phänomen, österreichweit sehe ich das nicht. Ich glaube, dass viele Leute weit mehr Freizeitstress haben als Druck im Büro.

Ernszt: Das Handy ist das beste Beispiel dafür, was falsch läuft. Wenn die Menschen mit so einem Ding nicht umgehen können, braucht es eben konkrete Vereinbarungen.

Rohrmair-Lewis: Da ist er schon wieder, der unmündige Bürger!

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Die Unternehmer wollen immer mehr, mehr mehr – und die Arbeitnehmer fressen die Krot'. Da werde ich radikal." Sasha Ernszt

Ernszt: Nicht jeder Mensch ist ein Superkämpfertyp mit Unternehmerspirit. Manche wollen auch nur von acht bis 16 Uhr arbeiten und dann etwas vom Leben haben. Aber wer traut sich, nicht abzuheben, wenn der Chef am Sonntag anruft? Da muss ein Betrieb schon auch Verantwortung übernehmen. BMW in Deutschland dreht etwa die Server am Abend einfach ab, auch bei Siemens wird der Zugang in der Nacht gesperrt.

STANDARD: Glauben Sie nicht an die vielen psychisch Kranken, die in der Statistik ausgewiesen sind?

Rohrmaier-Lewis: Man muss nur mit der U-Bahn fahren, um zu merken, dass es mehr psychische Probleme gibt. Aber ich halte den Arbeitsplatz nur für einen kleinen Teil der Ursache. Die Gesellschaft ist wahnsinnig komplex, es wird immer schwieriger, sich trotz Fleiß eine Sicherheit aufzubauen. Das verursacht Ängste. Einem jungen Unternehmer mögen schon einmal die Pferde durchgehen, sodass er Mitarbeiter mitreißt. Aber aus Erfahrung weiß ich: Wer einmal einen Burn-out-Fall in der Firma hatte, tut alles dafür, dass das nicht mehr vorkommt.

STANDARD: Die Regierung verhandelt demnächst über Pensionsreformen, die Seniorenvertreter werden mitreden. Werden auch Sie als Vertreter der Jüngeren gehört?

Rohrmair-Lewis: In der Wirtschaftskammer ja, in der breiten Politiklandschaft gar nicht.

Ernszt: Wenn es wirklich um etwas geht, bekommen wir keine Einladung. In Österreich musst du alt sein und Kontakte haben, um gehört zu werden. Die Pensionistenvertreter sitzen automatisch am Verhandlungstisch. Wir Jungen hingegen müssen mit lustigen T-Shirts demonstrieren, um überhaupt wahrgenommen zu werden. (Gerald John, 4.1.2016)

Zu den Personen:

Sascha Ernszt (27), geboren in Wien, hat eine Lehre als Elektroenergietechniker mit Matura abgeschlossen und arbeitet bei Siemens. Seit 2013 ist er Vorsitzender der Österreichischen Gewerkschaftsjugend (ÖGJ) und sitzt im Vorstand des Gewerkschaftsbundes (ÖGB). Die ÖGJ hat 40.000 Mitglieder unter 19 Jahren, betreut aber auch ältere Studierende, Zivil- und Präsenzdiener.

Herbert Rohrmair-Lewis (39) aus Wien absolvierte seine Lehrjahre bei Agenturen wie Demner, Merlicek und Bergmann oder Ogilvy und Mather und ist heute Inhaber der Werbeagentur Lobster. Seit Jänner 2014 ist der Unternehmer Bundesvorsitzender der Jungen Wirtschaft, die 37.000 Mitglieder hat und sich als Interessenvertretung für etwa 120.000 junge Unternehmer versteht.

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