Irmgard Griss und die großbürgerliche Tradition

Kolumne3. Jänner 2016, 16:00
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Das Schicksal bisheriger Kandidaten ohne Parteibuch für das Amt des Bundespräsidenten

Schon lang vor der Kandidatur Richard Lugners 1998 (knapp zehn Prozent) und dem jetzigen, wesentlich bedeutenderen Antreten von Irmgard Griss gab es Kandidaten ohne "Parteibüchl" für das Amt des Bundespräsidenten – konzentriert im Jahre 1957, als es um die Nachfolge des im Amt verstorbenen Theodor Körner ging.

Im bürgerlichen Lager gab es zwar logische Kandidaten, aber der Staatsvertragskanzler Julius Raab sowie sein Vorgänger Leopold Figl hatten keine Lust, auf ihre Macht zu verzichten. Man warb um "weiße Götter", von denen es einige mit teils internationalem Ansehen gab. Zum Beispiel den Neurochirurgen und "Retter des AKH", Leopold Schönbauer, wie viele Spitzenärzte ein ehemaliger Nationalsozialist. Dann den Unfallchirurgen Lorenz Böhler, früheres Mitglied des Ärztebunds der Nazis und förderndes Mitglied der SS. Böhler stand im Jänner bereits als Kandidat der FPÖ für die Hofburg fest, wurde aber kurz darauf wieder "abgesetzt".

Der Grund: Auf Betreiben Raabs fanden ÖVP und FPÖ einen gemeinsamen Kandidaten, den damals 75-jährigen Chirurgen Wolfgang Denk. Er war ein "lammfrommer Katholik" (Der Spiegel, Nr. 18/1957), gehörte aber zu jenen zwölf Wiener Spitzenärzten, die 1938 in London eine Erklärung publizierten, "man sollte durch die Entfernung des jüdischen Einflusses in der Medizin die Neigung zum Scharlatanismus mindern". Die Wahl gewann der SPÖ-Vizekanzler Adolf Schärf, 100.000 Stimmen vor Denk.

Auch Kurt Steyrer (SPÖ) war Arzt, Präsidentschaftskandidat gegen Kurt Waldheim, den ÖVP-Diplomaten. Aber die uneingeschränkte Attraktivität der "weißen Götter" war vorbei. Ohnehin war es für die SPÖ bis zum Kreisky-Peter-Pakt (Unterstützung einer SPÖ-Alleinregierung durch die FPÖ) ausgeschlossen, mit den Nationalen gemeinsame Sache zu machen. Wolfgang Schüssel gelang dann die Wiederbelebung des stets umstrittenen "Bürgerblocks".

Ein Rest dieser bürgerlichen Politiktradition drückt sich in der Griss-Kandidatur aus. Sie ist Katholikin, fand aber schnell in Martin Bartenstein einen Unterstützer. Der PharmaIndustrielle und Ex-Minister gehört seit je zum nationalen Flügel der ÖVP und war auch ein Verfechter von Schwarz-Blau im Jahr 2000. Griss-Gatte Gunter Griss wiederum, ein Wirtschaftsanwalt, ist Aufsichtsratsmitglied mehrerer großer Unternehmen.

Im Unterschied zum Jahr 1957 benötigt heute eine "unabhängige" Kandidatur also keinen Parteistempel mehr. Griss agiert in einem potenten industriellen Umfeld. Sie rechnet mit einem Wahlkampfbudget von einer Million Euro, weshalb sie auch für eine "obere Grenze" ist. Für den Auftakt dieser Finanzierung sorgte auch gleich eine Unternehmerin. 100.000 Euro zahlte Cattina Leitner, Anwältin, Frau des Andritz-Industriellen Wolfgang Leitner und Mitglied des Soravia-Immobilienimperiums. Wenn Griss als Exponentin des modernen Großbürgertums auch inhaltlich punkten will, muss sie jedoch zulegen. Ihre "Neujahrsansprache" war ziemlich flach. (Gerfried Sperl, 4.1.2016)

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