Auf archäologischer Ausgrabung im Sudan

Blog7. Jänner 2016, 05:30
24 Postings

Bioarchäologin Michaela Binder bloggt im STANDARD über kurze "Indiana-Jones-Momente" und den Alltag einer Ausgrabung

"Das ist wie Indiana Jones, oder?" Diese Frage hat vermutlich jeder Archäologe schon unzählige Male gestellt bekommen. Als Antwort erhält der nicht selten enttäuschte Gesprächspartner zumeist entweder ein kurzes "Nein, eher nicht" oder eine lange Ausführung über harten Grabungsalltag, Dreck, schwere körperliche Arbeit, Autobahnbaustellen im Niemandsland bei Temperaturen knapp über dem Gefrierpunkt und prekäre Anstellungsverhältnisse. Dass es kurze "Indiana-Jones-Momente" dann doch durchaus geben kann und wie die Realität drumherum aussieht, darüber werde ich auf diesem Blog berichten.

In den nächsten Wochen werde ich hier von der archäologischen Ausgrabung der antiken Stadt Amara West im nördlichen Sudan schreiben. Diese Siedlung war zwischen 1300 und 1100 v. Chr., der Zeit des späteren Neuen Reichs, die Hauptstadt der vom pharaonischen Reich in Ägypten besetzten Kolonialprovinz Ober-Nubien. Ursprünglich auf einer Insel in einem System von Altarmen des Nils erbaut, diente Amara West als Sitz der Provinzgouverneure und Knotenpunkt für die Verteilung und den Transport des wichtigsten Produkts, das Nubien dem Ägyptischen Reich zu bieten hatte – des in der Region bis heute reichlich vorhandenen Goldes.

Glücksfall für die Forschung

Obwohl die Siedlung im Herzen des nubischen Kernlandes liegt, entspricht die Stadt in Form und Struktur vollständig ägyptischen Vorlagen. Von einer zwei Meter breiten Umfassungsmauer umgeben, lagen im Stadtzentrum enge Wohnhäuser aus Lehmziegeln, Werkstätten, Magazine, die Gouverneursresidenz sowie ein aus Sandstein erbauter Tempel.

Nach dem Ende der ägyptischen Kolonialregierung um etwa 1100 v. Chr. existierte die Stadt vermutlich noch etwa 100 bis 200 Jahre. Durch Klimaveränderungen am Ende des 2. Jahrtausends v. Chr. scheinen die Altarme allmählich trockengefallen zu sein, sodass Landwirtschaft nicht mehr möglich war. In der Stadt finden sich zahlreiche Hinweise auf bauliche Veränderungen, die vor zunehmenden Mengen an Flugsand schützen sollten. Letztendlich schien das Leben jedoch zu unwirtlich geworden zu sein. Die Stadt wurde aufgegeben und rasch vom Sand der sich ausbreitenden Sahara begraben. Seit dieser Zeit ist das linke Nil-Ufer auf einer Länge von etwa 100 Kilometern gänzlich unbewohnt – ein Glücksfall für die Forschung.

Multinationales Forscherteam

Archäologische Ausgrabungen fanden in Amara West erstmals im Winter 1938/39 durch ein britisches Team der Egypt Exploration Society statt. In mehreren Kampagnen, zuletzt 1947 bis 1950, wurden Teile der Stadt sowie mehrere Gräber freigelegt. Erst 2008 begann ein neues, umfassendes Forschungsprojekt der Abteilung Ancient Egypt and Sudan des British Museum in London unter der Leitung von Neal Spencer. Diesem multinationalen Team mit Wissenschaftern aus zwölf Ländern gehöre ich seit 2009 als Leiterin des Teilprojekts in den Friedhöfen von Amara West an.

Das Projekt widmet sich in erster Linie der Erforschung der Lebenswelten der Menschen in diesem Außenposten des Ägyptischen Reiches an der Grenze zwischen zwei unterschiedlichen Kulturen, der ägyptischen und der lokalen nubischen. Als Informationsquellen werden neben der Architektur und der materiellen Kultur insbesondere Pflanzen- und Tierreste untersucht, um ein möglichst vollständiges Bild vom Leben in der antiken Stadt zu bekommen.

Rekonstruktion der Lebensbedingungen

Mein Projektteil dreht sich um die Erforschung der beiden Friedhöfe und der darin bestatteten Bewohner von Amara West. Während der in einem Taleinschnitt nordöstlich der Stadt gelegene Friedhof C den niedrigeren sozialen Schichten als Begräbnisplatz diente, wurden Angehörige der Elite auf einem Plateau nordwestlich bestattet (Friedhof D). Zentrales Interesse meiner Forschung ist neben der Bestattungsweise die Rekonstruktion der Lebensbedingungen der Menschen anhand ihrer Skelette, denn diese bergen zahlreiche Informationen über Gesundheitszustand, Ernährung, Verwandtschaft und körperliche Aktivität. Unter anderem konnten wir dort 2014 das älteste vollständige Skelett mit Anzeichen von metastasierendem Krebs nachweisen.

Drei außergewöhnliche Gräber

In der nächsten Grabungskampagne, die von Anfang Jänner bis Ende Februar stattfinden wird, widmen wir uns der Erforschung von drei besonderen Gräbern im Friedhof D. Diese Anlagen wurden bereits 2013 im Rahmen geomagnetischer Messungen von Mitarbeitern der University of Southampton und der British School in Rome entdeckt. Wie bereits öfters in Amara West entdeckt, sind die drei Gräber oberflächlich durch Lehmziegelbauten gekennzeichnet. Diese bestehen aus einer Grabkapelle über einem senkrechten Grab-Schacht und westlich anschließend einer kleinen Pyramide. Die Bestattungen selbst wurden in Grabkammern am Boden des Schachtes vorgenommen. Damit entsprechen sie der gängigen ägyptischen Bauweise für Elitegräber in der Zeit des Neuen Reichs (circa 1500 bis 1100 v. Chr.).

Außergewöhnlich an diesen Gräbern ist jedoch ihre Größe, da sie mit Pyramiden von bis zu acht Metern Seitenlänge zu den größten dieser Zeit in Nubien gehören. Die Ausgrabungen begannen bereits im Jänner 2015. In allen drei Anlagen gelang es uns während dieser ersten Kampagne von zwei Monaten, die Grabbauten freizulegen und auf den Boden der in Fels gehauenen Grabschächte vorzustoßen. Dabei stießen wir unter anderem im Schacht von Grab G320 auf eine Gruppe von kleinen Fayence-Figuren ("Ushebtis"). Diese symbolisierten im ägyptischen Totenritual den Verstorbenen und wurden oft in größeren Mengen ins Grab mitgegeben. Bedeutend ist, dass sie auch den Namen des Toten trugen. Dadurch können wir erstmals in Amara West den Inhaber des Grabes, "Paser", identifizieren. Von Paser wissen wir, dass er während der Regierungszeit Ramses' III. Provinzgouverneur und damit stellvertretender Herrscher über Ober-Nubien war. Inschriften mit seinem Namen sind auch aus der Siedlung bekannt.

Verlauf der Ausgrabungen im Blog

Wer in den anderen beiden Gräbern bestattet wurde, wissen wir bisher nicht. 2015 mussten die Ausgrabungen mit Erreichen der Schachtsohle gestoppt werden. Die in den brüchigen Fels gehauenen Grabkammern schienen uns zu gefährlich, um ohne Sicherung hineinzugehen. 2016 werden wir daher von einem Team spanischer Ingenieure unterstützt, deren Aufgabe es sein wird, sowohl Schacht als auch Grabkammern mit Stützbauten abzusichern. Das wird uns ermöglichen, in den kommenden acht Wochen nach und nach in die Grabkammern vorzudringen.

In diesem Blog werde ich in den nächsten Wochen vom Verlauf der Ausgrabungen berichten. Dabei möchte ich aber nicht nur Einblicke in die aktuellen Forschungsergebnisse liefern, sondern auch vom alltäglichen Ablauf einer solchen Grabung, vom Leben in einem kleinen nubischen Dorf und allgemein über Land und Leute in einer relativ abgelegenen Region im nördlichen Sudan berichten. (Michaela Binder, 7.1.2016)

Michaela Binder ist Bioarchäologin am Österreichischen Archäologischen Institut der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. Sie erforscht für das British Museum menschliche Überreste aus dem antiken Sudan. Twitter: @mi_binder, Porträt: Die Knochenleserin

Zum Thema

blog.amarawest.britishmuseum.org

Twitter: #amarawest

  • Die Bloggerin: Michaela Binder, die Knochenleserin.
    foto: uni durham

    Die Bloggerin: Michaela Binder, die Knochenleserin.

  • Der Ort der Ausgrabung: Amara West (Google Maps).
    foto: google maps

    Der Ort der Ausgrabung: Amara West (Google Maps).

  • Die antike Siedlung Amara West während der Ausgrabungen 2014.
    foto: british museum

    Die antike Siedlung Amara West während der Ausgrabungen 2014.

  • Nicht ganz Tutenchamun, aber trotzdem immer ein aufregender Moment: die Autorin beim ersten Blick in eine Grabkammer.
    foto: british museum

    Nicht ganz Tutenchamun, aber trotzdem immer ein aufregender Moment: die Autorin beim ersten Blick in eine Grabkammer.

  • Das Pyramidengrab G322, das wir in den kommenden Wochen untersuchen werden.
    foto: british museum

    Das Pyramidengrab G322, das wir in den kommenden Wochen untersuchen werden.

Share if you care.