"Ungeduld des Herzens": Blut aus der Vitrine des Thronfolgers

4. Jänner 2016, 12:43
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Der Brite Simon McBurney hat Stefan Zweigs Roman inszeniert. Dabei kommt auch die lustvolle Veranschaulichung nicht zu kurz

"Mitleid" war es, ein schwammiges, "schwachmütiges", sentimentales Gefühl, das in die Katastrophe geführt hat! Zu dieser Einsicht kommt der ehemalige Kavallerieleutnant Anton Hofmiller in Stefan Zweigs Roman Ungeduld des Herzens (1939). Im Frühjahr 1914 hatte Hofmiller versehentlich bei einem Fest die querschnittsgelähmte und depressive Baronin Edith von Kekesfalva zum Tanz aufgefordert und danach versucht, den Fauxpas wiedergutzumachen, indem er ihr – und wohl auch sich selbst – Heilungschancen, ja sogar Liebe vorschwindelte. Edith hatte ihn jedoch durchschaut und rächte sich, wie sie schon oft angedroht hatte, durch Selbstmord.

An der Berliner Schaubühne soll man versucht haben, dem Briten Simon McBurney den Roman, den kürzlich in einer Dramatisierung von Thomas Jonigk auch das Niederösterreichische Landestheater herausgebracht hat, als zu altmodisch auszureden. Doch McBurney, Regisseur und Schauspieler (unter anderem bei Woody Allen), ließ sich nicht beirren. In einer Glasvitrine wird auf der Bühne (Anna Fleischle) – so wie im Wiener Heeresgeschichtlichen Museum – die durch das Attentat von Sarajevo blutüberströmte Uniform des Thronfolgers Franz Ferdinand und daneben die blaue des Kavallerieleutnants ausgestellt. In sie schlüpft später der Darsteller des jungen Hofmiller.

Die "Welt von gestern" im K.-u.-k.-Garnisonstädtchen zwischen Budapest und Wien ist atmosphärisch liebevoll rekonstruiert: die Landpartie, die Einladung des Leutnants beim Gutsbesitzer, die Wirtshausrunden mit den Kameraden, eine Bahnfahrt, Reitübungen des Militärs, die Ordination des Wiener Arztes, ja auch die Vorgeschichte des neureichen jüdischen Barons Kekesfalva werden stimmungsvoll ausgemalt – allerdings weniger in Bildern, sondern als Konzert von Stimmen.

Gefühle nicht im Griff

McBurney hat nämlich keine Dramatisierung des Romans geliefert, sondern vielmehr Musiktheater, Reflexionen einer erregten Wiener Kaffeehausrunde. Der Vorfall aus der "Welt von gestern" wird dabei ausschließlich aus der Perspektive Anton Hofmillers erinnert, gesplittet auf sieben Schauspieler – sehr präzise instrumentiert, choreografiert und bisweilen durch pathetischen Soundtrack pointiert.

In McBurneys Theaterlabor kommt aber auch die theatralisch-lustvolle Veranschaulichung nicht zu kurz: einprägsam etwa, wenn Vater Kekesfalva (Robert Beyer) selig lächelnd sich über die mögliche Heilung seiner Tochter freut und gleichzeitig bedrohlich die Verantwortung für ihr Glück an den Leutnant weitergibt. Laurenz Laufenberg als junger Hofmiller versucht selbstbewusst und korrekt Konversation in einer ihm fremden Welt zu machen und bekommt doch gleichzeitig seine Gefühle nicht in den Griff. Auch Johannes Flaschberger gibt dem Wiener Arzt und Berater eine rätselhafte Aura. Mit den Methoden von McBurneys englischem Tourneetheater Complicité, mit dem die Schaubühne das Stück koproduziert hat, ist der österreichische Schauspieler souverän vertraut.

Am Ende fließt aus der Vitrine Blut von der Uniform des ermordeten Thronfolgers und werden aktuelle Aufnahmen von Bootsflüchtlingen eingespielt. Gerade weil solche Anspielungen so dezent vorgenommen werden, kann Stefan Zweigs Roman über ein Mitleid, das nur instinktive Abwehr und "Ungeduld des Herzens" ist, wie eine Zeitdiagnose nachwirken, aktuell brennend. (Bernhard Doppler aus Berlin, 2.1.2016)

  • Sieben Darsteller benötigt die Figur des Anton Hofmiller aus Zweigs Roman: Hier steht Laurenz Laufenberg uniformiert im Glaskasten. In Wartestellung: Marie Burchard.
    foto: gianmarco bresadola

    Sieben Darsteller benötigt die Figur des Anton Hofmiller aus Zweigs Roman: Hier steht Laurenz Laufenberg uniformiert im Glaskasten. In Wartestellung: Marie Burchard.

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