Das Team der verdorbenen Fußballer

2. Jänner 2016, 12:10
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EM-Gastgeber Frankreich hat ein Imageproblem. Teamchef Didier Deschamps ist aber überzeugt, dass Les Bleus am 10. Juni beim Eröffnungsspiel gegen Rumänien Zuneigung widerfährt

Paris – Die sportliche Leistungsstärke der französischen Fußballnationalmannschaft ist möglicherweise noch das geringste Problem. Da sich die Équipe Tricolore als Gastgeber nicht für die EM qualifizieren musste, fehlt der wettkampfmäßige Vergleich mit anderen Topnationen. Das Image ist jedenfalls ausbaufähig. Die achtjährige Sperre für Idol Michel Platini, der sich als Präsident des europäischen Verbandes (Uefa) ein Denkmal setzen wollte und jetzt nicht einmal die zehn EM-Stadien betreten darf, ist nur die Spitze des Eisberges. Das Ansehen des französischen Kicks ist seit dem legendären Kopfstoß von Zinédine Zidane im Berliner WM-Finale 2006 gegen Italien rasant in den Keller gerauscht.

Die blauen Flecken für Les Bleus sind inzwischen so zahlreich, dass Sponsoren in die Verträge Sicherheitsnetze einbauen lassen: Unterschreiten regelmäßig vorgeschriebene Überprüfungen der Popularitätswerte bestimmte Grenzen, muss Frankreichs Verband FFF Geld zurückzahlen. Tiefpunkt war zuletzt die "Sexvideo-Affäre": Der mit den Erpressern von Mathieu Valbuena befreundete Karim Benzema riet seinem Teamkollegen tatsächlich, das geforderte "Schweigegeld" von 150.000 Euro zu zahlen, und fiel dafür beim Verband und Nationaltrainer Didier Deschamps in Ungnade.

Schlimme Erwachsene

Stand Neujahr findet die EM ohne den Topstürmer von Real Madrid statt. Der Volksmund nennt die Spieler aufgrund ständiger Verletzungen ihrer Vorbildfunktion und der Fair-Play-Werte "die Verdorbenen". Galt 2008 nach dem EM-Aus die Empörung noch der unverständlichen Millionenzahlung an den ungeliebten Coach Raymond Domenech, zogen danach die lange verehrten Stars den Unmut auf sich.

Kratzte auf dem Weg zur WM-Endrunde 2010 schon das freche Handtor von Stürmerstar Thierry Henry gegen Irland an der Unantastbarkeit der Idole, setzte die Mannschaft später in Südafrika durch ihren Trainingsboykott allem die Krone auf. Den Sitzstreik im Teambus wertete die heimische Öffentlichkeit als Beleidigung Frankreichs, erstmals musste der FFF seine Sponsoren für den entstandenen Imageverlust finanziell mit mehreren Millionen Euro entschädigen. Einer der Rädelsführer beim "Fiasko von Knysna", wie der Aufstand am Kap genannt wurde, war Franck Ribéry. Später wurde der Spieler von Bayern München durch eine private Affäre auffällig, er hat mittlerweile seinen Rücktritt aus der Équipe Tricolore erklärt.

Ominöse Quotenregelung

2012 musste Yann M'Villa mit damals schon 22 Länderspielen in den Beinen für die U21 ein Quali-Spiel zur EM 2013 bestreiten. Der Nachwuchsstar und drei Mitspieler, darunter Antoine Griezmann, ließen sich nachts aus Le Havre nach Paris in eine Disco chauffieren. Frankreich scheiterte an Norwegen. Auf Verbandsebene hatte ein Jahr zuvor eine vom damaligen Trainer Laurent Blanc geforderte "Quotenregelung" hohe Wellen geschlagen. Eine der Presse zugespielte Audiodatei von einer Verbandssitzung enthüllte, dass der Weltmeister von 1998 angesichts einer hoher Migrantenrate die Förderung von Talenten mit doppelter Staatsbürgerschaft einschränken und damit eine vermeintliche Verschwendung von Know-how verhindern wollte.

Am 10. Juni wird die EM in Paris gegen Rumänien eröffnet. Deschamps sagt: "Wir sind bereit. Die Fans werden helfen." (sid, red, 2.1.2016)

  • Didier Deschamps, als Aktiver Weltmeister 1998 und Europameister 2000, bastelt intensiv an einer funktionierenden Mannschaft. Der 47-Jährige ist seit 2012 Teamchef, das Verhalten einiger Stars macht ihm Sorgen. Frankreich trifft in der Gruppe A auf Rumänien, die Schweiz und Albanien.
    foto: reuters/browne

    Didier Deschamps, als Aktiver Weltmeister 1998 und Europameister 2000, bastelt intensiv an einer funktionierenden Mannschaft. Der 47-Jährige ist seit 2012 Teamchef, das Verhalten einiger Stars macht ihm Sorgen. Frankreich trifft in der Gruppe A auf Rumänien, die Schweiz und Albanien.

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