Freiheit für die Bakterienhaufen!

Kommentar der anderen1. Jänner 2016, 16:37
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Was ist der Mensch als ein Sack voller Bakterien? Das Seltsame daran ist, dass wir diese Bakterien im Laufe eines langen Lebens mit aller Macht bekämpfen und am Ende des Lebens mit aller Macht erhalten wollen. Ein Beitrag zur Sterbehilfedebatte

Sehr geehrte Viren, liebe Bakterien! Es ist etwas Schreckliches passiert. Könntet ihr mir, könnt ihr euch selbst bitte helfen? In Deutschland wurde soeben das Sterben verboten. Genauer, das Recht zu sterben, irrtümlich Selbstmord genannt.

Nachdem wir so lange geglaubt haben, Gott persönlich hätte Adam erschaffen, ihm eine Rippe entnommen und Eva daraus gemacht, wissen wir jetzt, dass es ganz anders war. Unser Urvater ist nämlich ein Bakterium und hat überhaupt keine Rippen. Wie und von wem es erschaffen wurde, wissen wir nicht genau. Aber, wie Feyerabend sagt, "anything goes!" Alles ist möglich. Also könnte Gott anstelle von Adam auch das erste Bakterium erschaffen haben. Es war so lange unsterblich, bis es das Geschlecht und die Sünde entdeckte, wozu es allerdings ein zweites Bakterium benötigte.

Ja, und dann lebte es und wurde so lange sterblich, bis es tatsächlich starb. Genau wie wir selbst, da wir ja nicht nur verwandt sind, sondern so gut wie gleich. Bestehen wir doch zu mindestens 90 Prozent aus Bakterien. Aus Viren natürlich auch, aber die bestehen selbst nicht wirklich, weil sie pure Information sind und unleiblich wie Geister. Sie spuken nur in uns beziehungsweise den Bakterien und liefern einander dabei Kämpfe.

Das Schöne am Leben ist natürlich der Tod, und gerade den will euch und uns die Politik jetzt verbieten. Das lassen wir uns ja gefallen, solang wir mehr oder weniger gesund, mehr oder weniger glücklich, nützlich sind. Aber danach wollen wir, wie eine berühmte Bakterienkolonie namens Albert Einstein sagte, gehen. Wörtlich: "Es ist geschmacklos, das Leben künstlich zu verlängern. Ich möchte gehen, wann ich möchte. Ich möchte dies elegant tun." Aus dem Fenster zu springen, sich vor die U-Bahn zu werfen oder nach Schlafmitteln am eigenen Erbrochenen zu ersticken ist leider überhaupt nicht elegant. Aber was bleibt uns Bakterienmenschen anderes übrig?

Unkontrollierter Lebenstrieb

Das Bakterium Adam hat sich so lang und so eifrig vermehrt, dass die Welt allmählich von uns übergeht. Umso mehr, als wir als Opfer der Pharmaindustrie immer älter und unnützer werden. Hat eine Zelle in einem beliebigen Körper keine Aufgabe mehr, demontiert sich selbst. Uns, der Zellkolonie Mensch, ist diese Demontage, also der Freitod, verboten. Von einem unkontrollierten Lebenstrieb befallen, nimmt rund die Hälfte von uns dieses Verbot auch gern an.

Wir brauchen eine neue Ars Moriendi, denn wir haben das Sterben verlernt. Wir kämpfen um unser Leben, weil wir glauben, dass wir nichts anderes haben. Wir klammern uns an den Leib, weil wir glauben, dass wir nichts anderes sind. Ein materialistischer Aberglaube, der jeden Staat in den Bankrott treiben wird. Lebenssucht, die teuerste aller Süchte, wird selten von denen bezahlt, die sie befriedigen.

Wir sagen irrtümlich Ich zu unserem Körper, der – wie die Biologen sagen – weiter nichts als ein Sack voll Bakterien ist. Und bekämpfen diese Bakterien, aus denen wir selbst bestehen, fanatisch mit Antibiotika.

Wir sind eine große, frei bewegliche Zellkolonie. Sie trägt Hüte und Regenschirme, heiratet, vermehrt sich, schreibt Gedichte und Steuererklärungen und stirbt. Aber das will sie nicht! Zellkolonien, soweit menschlich, wollen unter allen Umständen leben. Da wir unsere biologische Existenz für die einzige halten, haben wir das Leben für heilig erklärt. Soweit es uns betrifft, verteidigen wir es mit äußerster Grausamkeit. Was soll daran heilig sein?

Der medizinische Fortschritt gestattet kaum ein natürliches Ende. Das Resultat ist persönliches wie familiäres Elend und Menschen, die sich selbst überlebt haben, in Altersheimen, Spitälern und häuslicher Langzeitpflege.

Als der hippokratische Eid formuliert wurde, war die Medizin noch nicht in der Lage, die natürlichen Ablaufdaten zu missachten. Das Züchten lebender Leichen kann kaum ihre Aufgabe sein. Der hippokratische Eid entspricht nicht mehr den sittlichen Geboten und gehört endlich verändert. Nicht nur ein Recht auf Leben! Wir haben auch ein Recht auf den Tod. Jeder, dessen leibliche Existenz unzumutbar wird, soll es für sich selbst einfordern dürfen.

Um die Ausreden der Politiker auf die mögliche Erbgier der Verwandtschaft zu entsorgen, sollte jeder in seine E-Card speichern dürfen: "Wenn ich ein bleibender Pflegefall werde, möchte ich entweder einer bleiben – oder nicht. In diesem Fall erwarte ich liebevolle Hilfe von einer aufgeklärten, humanen Medizin." Was tun wir stattdessen? Wir bedrohen aufgeklärte, humane Mediziner für ihre liebevolle Hilfe mit Gefängnisstrafen. Das ist, bitte, eine Dummheit und ein Skandal! Erst bekämpfen wir die Bakterien mit allen Mitteln, dann hindern wir sie mit allen Mitteln daran, zu sterben.

Wunderschöne Bakterien

"Erkenne dich selbst!" bedeutet auch, die Bakterien zu erkennen. Sie sind wunderschön. Ich habe sie, total vergrößert, gesehen und war überrascht. Ich habe auch gesehen, was sie in unseren Körpern treiben. Das war die zweite Überraschung. Krieg, Krieg, Krieg! Es geht genauso zu wie auf ihrem makrokosmischen Spiegelbild, der Welt. Wie sollte es auch anders sein? Wir sind die Gefangenen dieses biologischen Regimes der Grausamkeit. Ich bin jetzt fünfundachtzig und bekomme, wie die meisten alten Leute, allmählich einen Gefängniskoller. Also sammeln wir untaugliche Mittel, um uns zu befreien. Pistolen, Zyankalikapseln, Insulin. Aber wir kennen uns da nicht aus und haben oft zwei linke Hände. Wahrscheinlich landen wir dann statt auf dem Friedhof im Rollwagerl. Also bitte, bitte, bitte Morphium, wenn das Leben sich selbst überlebt!

In der Alchimie der Verwesung entsteht Leben. Wer Tod verhütet, treibt Leben ab. Jesus, Revolutionär, Erleuchteter, Liebender – er wäre barmherziger als Kirche und Politik. "Mein Reich ist nicht von dieser Welt", sagte er und meinte vielleicht dasselbe wie der französische Dichter Arthur Rimbaud: "Ich IST ein Anderer." Ist dieser Andere die Seele? Wir wissen es nicht. "Im Feld der Materie", sagt der Dalai Lama, "kennen wir Raumteilchen, im Feld des Bewusstseins reines Licht." (Lotte Ingrisch, 1.1.2016)

Lotte Ingrisch (85) ist Schriftstellerin. Sie beschäftigt sich seit den 1970er-Jahren mit Sterbe- und Jenseitsforschung.

  • Die Bakterien (im Bild der Tuberkulose-Erreger) und das "Erkenne dich selbst".
    foto: dpa

    Die Bakterien (im Bild der Tuberkulose-Erreger) und das "Erkenne dich selbst".

  • Lotte Ingrisch: Das Leben wird für heilig erklärt.
    foto: apa/herbert pfarrhofer

    Lotte Ingrisch: Das Leben wird für heilig erklärt.

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