Annette Kelm: Dollars, Blumenmuster, Faltenwürfe

5. Jänner 2016, 16:35
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Die Wiener Galerie Meyer Kainer zeigt Arbeiten der Fotokünstlerin

In Interviews bleibt Annette Kelm immer überaus sachlich: "Um eine Annäherung an die Realität und das Sehen" würde es ihr in der Fotografie gehen. Und nein, nicht um malerische Aspekte, den Szenestatus der von ihr Porträtierten oder gar um Politisches.

Was die 40-jährige Künstlerin (geb. 1975 in Stuttgart), die im November den Camera-Austria-Preis der Stadt Graz erhielt, interessiert, ist der Prozess des Herstellens. Im analogen bildnerischen Verfahren geht es ihr hauptsächlich um "Belichtung und Bildwerte".

So hieß auch die Fotostrecke für die Zeitschrift Camera Austria, für die Kelm berühmte Vorbilder wie Christopher Williams oder Morgan Fisher ausgewählt hat. Beide Fotografen reflektieren in konzeptuellen Herangehensweisen die technischen Bedingungen, aber auch die repräsentativen Funktionen des Mediums Fotografie. Annette Kelm ist im Wissen um diese Positionen ebenfalls an einer Versachlichung ihrer Motive (Objekte wie Personen) interessiert.

Betrachtet man ihre überaus präzise arrangierten Stillleben, die derzeit in ihrer Ausstellung Synchro in der Galerie Meyer Kainer in Wien zu sehen sind, kann man jedoch kaum vermeiden, eine Bedeutung hineinzulesen: In einer dreiteiligen, als Triptychon arrangierten Serie von 2015 arbeitet sie mit Ein-Dollar-Noten. Während sie daraus im ersten Bild das falsch geschriebene Wort Monney bildet, sieht es auf den zwei weiteren Fotos so aus, als hätte man versucht, das Geld gleich wieder zusammenzukratzen.

Geldbäumchen

Als wären sie besonders fotogen, tauchen in Kelms Schau überhaupt viele Banknoten auf: In der ebenfalls dreiteiligen Serie Money Tree (2015) fungieren Dollarnoten als Blätter von Dekorpflanzen. One Dollar Right Side / Money Tree One Leaf Right lautet der protokollarische Titel des zweiten Bildes, während das dritte One Dollar Left Side / Money Tree One Leaf Left heißt.

Ähnlich geht Kelm auch in ihrer Serie Home Home Home (2015) vor: Auf allen drei Bildern hat sie das Wort "Home" – in Form eines dreidimensionalen Deko-Buchstabenobjekts – gemeinsam mit Vasen und Pflanzen zu einem Stillleben auf blauem Bürosessel arrangiert. Man denkt an Interior Design und eine moderne Wohnästhetik, für die sich Kelm von der US-Designerin Dorothy Drape inspirieren ließ.

Die Gegenstände oder ihre Anordnung sind aber hier gar nicht maßgeblich. Das Unterscheidungsmerkmal verraten vielmehr die Titel: Home Home Home / Flashlight und Home Home Home / Daylight sind eben mit Blitzlicht oder bei Tageslicht aufgenommen worden.

Bei allem Bemühen um eine Versachlichung des Sehens – auch Licht und Schatten werden von Annette Kelm niemals als dramatisches Mittel eingesetzt – dringt aber auch Humor durch: Dazu gehört das Verwenden der Dollarnoten genauso wie das vor leuchtend gelbem Hintergrund aufgenommene Jeanshemd, auf dem sie eine Tasse mit Stricherlgesicht platziert hat: Es ist ein Selbstporträt der Künstlerin. (Christa Benzer, Album, 5.1.2016)

Bis 14. 1. (bis 6. 1. geschlossen)
Galerie Meyer Kainer
Eschenbachgasse 9, 1010 Wien

  • Versachlichte Motive im unmittelbaren Wortsinn: "Selfportrait" der deutschen Fotografin Annette Kelm aus dem Jahr 2015.
    foto: annette kelm, galerie meyer kainer, wien

    Versachlichte Motive im unmittelbaren Wortsinn: "Selfportrait" der deutschen Fotografin Annette Kelm aus dem Jahr 2015.

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