"Ozean": Allein auf dem Meer

4. Jänner 2016, 12:45
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Der Romancier James Hanley ist einer der großen Vergessenen

Es passiert kurz nach Mitternacht. Die SS Aurora, ein englisches Schiff, wird, es ist 1941, mitten im Zweiten Weltkrieg, auf dem Weg von England nach Kanada im Atlantik torpediert. Inmitten des Chaos retten sich sechs Männer in eine Schaluppe, dann fegt eine Maschinengewehrsalve über sie hinweg.

Am Morgen erwachen sie, bis auf einen, den nachts die Kugeln tödlich getroffen haben: Stone, ein 30-jähriger Lehrer aus den Midlands, der 20-jährige Benton aus Somerset, der fast 70-jährige geschwächte Pater Michaels aus Irland und Gaunt, ein wortkarger, misstrauischer Unternehmer, der beim Untergang der Aurora von seiner Frau Kay getrennt wurde.

Gaunt schlug beim Sprung ins Rettungsboot ein Tampen an den Schädel, anfangs ist er noch halb verwirrt. Der Fünfte an Bord ist Joseph Curtain, der einzige Seemann, die einzige Rettung der anderen. Denn nur er weiß, was zu tun ist, sind sie doch ganz allein. Kein anderes Boot ist weit und breit zu sehen. Der Proviant, Zwieback, etwas Wasser, wenig Milch, ist überschaubar. In den Tagen, die kommen werden, geht es um alles. Und die Hoffnung auf Rettung verzehrt sich selbst.

Es ist ein protoexistenzialistisches Kammerstück, das James Hanley erzählt. Und dieser Autor, obschon von Kollegen wie William Faulkner hoch gepriesen, ist selbst in seiner Heimat heute mehr Geheimtipp denn kanonischer Autor – zu Unrecht.

1897 in Liverpool geboren, brach Hanley die Schule mit 13 ab, arbeitete vier Jahre als Laufbursche in einem Buchhaltungskontor, fuhr dann zwei Jahre zur See, kämpfte im Sommer 1918 noch an der Front in Frankreich, schlug sich dann durchs Leben – und schrieb. 1930 erschien sein erster Roman, Drift. Er zog nach Wales, mit Kriegsbeginn nach London, wo er 1985 starb. Insgesamt publizierte er 31 Bücher, zudem war er für die BBC tätig.

Schon in seinen zwei Autobiografien, von denen die eine, fantasievoll angereicherte bereits 1937 erschien – Broken Water -, die andere sechzehn Jahre später (Don Quixote Drowned), taucht Wasser bereits im Titel auf. Dass zuletzt kein Geringerer als der hyperbelesene Polyliterat Alberto Manguel vor 18 Jahren in einer großen englischen Tageszeitung eloquent für die Wiederentdeckung von Hanleys Romanen plädierte, verwundert angesichts Ozean nicht, dass der Herausgeber Nikolaus Hansen auf einen Begleitessay verzichtet hat, hingegen schon.

Diesen Umstand macht allerdings Hanleys sprachliche Virtuosität vergessen – Hansen als Übersetzer gefällt bis auf wenige Holprigkeiten. Denn die Dramatik des Nichts, Kontrolle und Kontrollverlust, Hysterien, Illusionen und charakterliche Schlagseiten angesichts totaler Einsamkeit rhythmisiert er mit kaum merklicher Raffinesse in einer biegsamen Sprache, die ruhig sein kann, dann aber vital wird, Kraft gewinnt, hochpeitscht. (Alexander Kluy, Album, 2.1.2016)

James Hanley, "Ozean". Aus dem Englischen von Nikolaus Hansen. € 23,60 / 256 Seiten. Dörlemann-Verlag, Zürich 2015.

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