Ich war König der Könige

3. Jänner 2016, 12:00
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"Halleluja! De Heiling Drei Kini san do!" So geht auf Oberösterreichisch der Text des Eröffnungssongs, den wir anstimmten, sobald wir aus dem Auto stiegen. Der große Hund bellte uns an, und ich beschützte "die Michi"

Der Vater setzte uns Kinder in den VW Passat hinein, wenn es schon dumper geworden war, und fuhr dann ein bisschen in der Gegend herum, so, als könnten wir uns dadurch unverdächtig machen. Dabei sangen wir gemeinsam Es hat sich heut' eröffnet das himmlische Tor. Irgendwann blieb er dann stehen, in einer abgelegenen Forststraße, drehte das Licht ab, und im Kofferraum lag die Säge. Wir Kinder folgten ihm in den Wald, durch den Schnee, durch das Dickicht, das hatte etwas von Fargo.

Einen Monat zuvor hatte er sich von irgendeiner großen Tanne da drinnen die Zweige für den Adventkranz geholt, dabei hatte er eine kleinere entdeckt, die ihm als Christbaum tauglich schien: ritsche, ratsche, raus aus dem Wald, rein in den Passat, und nichts wie weg. Hätte uns der Förster dabei ertappt, wäre Weihnachten schon vorher ein Drama geworden. So hoben wir uns das Drama für später auf, für "nach den Feiertagen". Die waren erst vorbei, nachdem die Sternsinger bei der Tür draußen waren. Denen trugen wir den abgeräumten Christbaum hinterher und steckten ihn irgendwo in den Schnee. Dann kam schon der erste Hund und machte den Schnee gelb.

Lagerhausgrün und das Rot roter Wangen

Als der Stimmbruch meine helle Glockenstimme in etwas verwandelte, mit dem man besser nicht singen sollte, tat ich am liebsten genau das. Zu Hause, im Zimmer, hielt ich eine Haarbürste als Mikrofon in der Hand und stellte mir vor, ich wäre Ian Gillan von Deep Purple, der gerade sein Konzert Made in Japan gab; oder ich war Wolfgang Ambros und sang: "I hob mi schon seit zehn Tagn nimmer rasiert und nimmermehr g'waschn ..." Ich hatte Träume von einem wilden Leben und war verwirrt. Der beste Verein, um als Jugendlicher verwirrt zu sein, war die Katholische Jugend. Mit meinen orangefarbenen Hosen, die ich zu dieser Zeit gerne trug, brachte ich etwas Farbe dorthin, denn traditionell dominierten dort Lagerhausgrün und das Rot roter Wangen. Hin und wieder tauchten aber ein paar süße Mädchen dort auf, und die Süßeste von allen war "die Michi".

Ich war Sänger einer Band, die sich Peppermint Petting nannte. Warum? Keine Ahnung. Nach Deep Purple klangen wir jedenfalls nicht, und auch nicht nach Wolfgang Ambros. Aber wir probten in einem Keller, an dessen Wand unser Gitarrist einen pinken Phallus befestigt hatte, den seine Großmutter immer wieder herunterriss. Das war der Rock 'n' Roll!

Irgendwann hatten wir einen Auftritt, einen einzigen, und bei dem sang ich ein einziges Lied: Weihnachtsmann von Blümchen Blau. Es war Sommer, und die Location hieß Pfarrheim. Das Konzert war ein Riesenerfolg, denn "die Michi" war da und applaudierte. Sie hatte mir zuvor einen Pullover gestrickt, und das hatte bis dahin wirklich noch keine für mich getan – außer meine Mutter. Der Pullover war grau.

Ein Jugendführer war auch bei diesem Konzert und lud mich später zum Sternsingen ein. Ich war zunächst skeptisch, aber winterliche Sonntagnachmittage am Land waren das Schlimmste überhaupt für einen heranwachsenden Menschen. Man konnte nicht den ganzen Nachmittag sündigen, und das Plattengeschäft in Linz, der berühmte Meki auf der Landstraße, hatte sonntags geschlossen.

Ich machte den Mohr

Wir trafen uns also am frühen Nachmittag beim Pfarrheim. Wichtig war, dass welche mit Führerschein und Auto kamen, denn die Strecken, die vor uns lagen, konnten wir nicht zu Fuß gehen. Die Autos mussten verlässlich immer wieder anspringen und im Kofferraum Ketten haben, denn damals gab es noch richtige Winter mit Schnee und Tageshöchstwerten in der Region um minus 20 Grad. Eines der Autos hieß Peugeot 304, hatte 65 PS und war für vier Leute zugelassen, es passten aber auch acht hinein.

Würde "die Michi" mitkommen? Es gab noch keine Sternsinger-Facebook-Gruppe, über die man ab- oder zusagen oder sich zumindest dafür "interessieren" konnte. Das Leben war ein Abenteuer, man wusste nie so genau, was einen erwartet. Die Michi kam, und sie freute sich, dass ich ihren Pullover trug. Es lagen drei Kostüme bereit für die Heiligen Könige, rot, grün und blau. Ich war mit 16 einer der Jüngsten, aber auch einer der Größten, also wurde ich gleich König, und weil "die Michi" das Schminken übernahm, machte ich den Mohr. Wir schauten uns dabei tief in die Augen, denn sie stand vor mir, während ich selbst saß, und bemalte mich wie ein Blatt Papier. Es fühlte sich trotzdem gut an. Und als sie mit ihren zarten Fingern die Farbe in meinem Gesicht verteilte, fühlte es sich sogar noch besser an. An künftigen Sonntagnachmittagen hatte ich etwas zu träumen.

Der junge Kaplan, der uns begleitete, war hochgewachsen wie ich und ebenso verwirrt, obwohl er ein paar Jahre älter war. Er fuhr einen Kadett und wurde später ins Ausseerland hinüber versetzt. Dort zog er den Wirtshaustisch immer öfter dem Altar vor, und als er den eines Abends trotz Sperrstunde nicht mehr verlassen wollte, wurde er suspendiert. Letztlich war er verwirrter als ich.

Den Islam kannten wir höchstens von Karl May

Geprobt haben wir nie, denn drei Strophen Stille Nacht konnte damals jeder. Um das Abendland brauchte sich kein Pfarrer Sorgen zu machen, den Islam kannten wir höchstens aus den Büchern von Karl May. Sobald geklärt war, in welchem Auto "die Michi" sitzen würde, ging es los. Sie saß neben mir, es war verdammt eng im Peugeot, und ich fühlte mich wie der König der Könige. Irgendjemand trug die Kassa bei sich, in der wir das Geld für die Armen sammelten. Am häufigsten gaben die Leute einen Zwanziger, aber damals waren es noch Schilling. Wir fuhren von Haus zu Haus, redeten, lachten und hörten Joy Division auf einer C60er. Was hätten wir sonst tun sollen, niemand hatte ein Handy. Mal ging es auf den Schweizersberg, mal nach Rading, mal in die Gleinkerau. Am liebsten aber fuhren wir nach Oberweng hinauf, denn dort gab es viele große Bauern. Die Straße dorthin war steil und winterlich, aber noch waren die Fahrer nüchtern.

"Halleluja! De Heiling Drei Kini san do!" So geht auf Oberösterreichisch der Text des Eröffnungssongs, den wir anstimmten, sobald wir beim Kerschbacher, der vorm Danschbacher liegt, aus dem Auto stiegen. Der große Hund bellte uns an, ich beschützte "die Michi". Es war ein niedriges, altes, feuchtes Bauernhaus, in dem sehr einfache Leute lebten, die viel Karten spielten und noch mehr Wein tranken. Aus dem Boden in der Stube wuchs Gras, und es roch nicht sehr weihnachtlich.

Die dunkle Seite des Sternsingens

Seltsam eigentlich, dass Ulrich Seidl noch nie etwas über "Die andere Seite des Sternsingens" gedreht hat, über die dunkle nämlich. Kaum jemand, der den Sternsingern nicht die Tür in seine Welt öffnete, aber nicht alle waren auf uns vorbereitet. Manche dachten vielleicht, es kämen die Verwandten, man erwischte sie auf dem falschen Fuß. Viele hingen nach Weihnachten in den Seilen, lümmelten auf ihrem Sofa oder der Ofenbank herum, oder sie kamen gerade vom Klo. Der Saft war raus, die Kraft gewichen, Weihnachten hatte sie alle geschafft. Die Gesichter waren rot vom Schnaps oder käsig von der überhitzten, stickigen Luft, die seit Tagen die gleiche war. Die Kinderaugen glänzten, aber oft, weil die Kinder weinten. Am Dreikönigstag übertrug der ORF das Abschlussspringen der Vierschanzentournee aus Bischofshofen in die Röhrenfernseher hinein, der Ton wurde selten abgedreht, wenn wir sangen, Matti Nykänen gewann die Gesamtwertung vor Jens Weißflog. Ein Säufer vor einem Kommunisten, der beste Österreicher wurde Sechster. Das Jahr '83 fing nicht gut an, und es ging nicht gut weiter.

Bei den Bauern gab es Kletzenbrot, das, muss man sagen, mit Butter beschmiert eine durchaus ansprechende Kost darstellt. Dazu servierten sie Tee, der nichts mit der englischen Version einer "lovely cup of tea" zu tun hat, und Schnaps für jede Altersgruppe. Manche von uns waren am Ende der Reise, wenn irgendwo bei Brettljause und Most der Abschluss gefeiert und das Geld gezählt wurde, so besoffen, dass sie sich in die sauerstoffarme Stube setzten, die Farbe im Gesicht verloren, nicht mehr hochkamen.

Ins Kletzenbrot hinein kommen die namensgebenden Dörrbirnen, dazu Datteln, Rosinen, Aranzini, Zitronat, Feigen und weihnachtliche Gewürze. Es gilt als Fruchtbarkeitssymbol, und wer nach Weihnachten sieben verschiedene davon isst, der wird im nächsten Jahr heiraten.

Ich hatte diesbezüglich so eine Idee in diesen Tagen. Aber "die Michi" strickte ihre Pullover bald darauf in Vorarlberg, wohin sie wegen eines anderen gezogen war. Ich stand wieder in meinem Zimmer und sang Wolfgang Ambros: "Zwickt's mi, i maan i tram." (Manfred Rebhandl, Album, 3.1.2016)

Manfred Rebhandl, geboren 1966, lebt als Autor in Wien. Er schreibt Krimis, Drehbücher, Theaterstücke und Reportagen u. a. für den STANDARD.

  • Kaum jemand, der den Sternsingern nicht die Tür in seine Welt öffnete, aber nicht alle waren auf uns vorbereitet.
    foto: dpa

    Kaum jemand, der den Sternsingern nicht die Tür in seine Welt öffnete, aber nicht alle waren auf uns vorbereitet.

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