Peking inszeniert Xis Neujahrsansprache als perfekte Show

1. Jänner 2016, 12:30
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Wie macht man salbungsvolle, aber langweilige Neujahrsansprachen interessant?. Chinas Staatspräsident Xi Jinping hat eine Lösung gefunden. Er lässt seine Landsleute raten, was sich hinter seinen Worten verbirgt.

Die Fernsehkameras zeigten zum Auftakt das majestätische Tiananmen-Tor vor dem Pekinger Kaiserpalast, danach das benachbarte Eingangsportal Xinhuamen. Es führt zum imperialen Nebengarten Zhongnanhai, der seit 1949 als "neue verbotene Stadt" Sitz der Kommunistischen Partei ist. Dort hat Staats- und KP-Chef Xi Jinping sein Büro mit einem wuchtigen Schreibtisch vom Typ: "Hier arbeitet der Boss."

Am Donnerstag richtete sich Xi zum dritten Mal direkt aus dem Büro mit seiner TV-Neujahrsansprache an seine Landsleute. Er versprach trotz langsameren Wachstum die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt innerhalb der nächsten fünf Jahre zur globalen Großmacht aufsteigen zu lassen, mit Reformen nach innen, mehr internationalem Engagement und Seidenstraßenoffensiven nach außen, Das Land werde auch die gröbste Armut überwinden.. "2016 ist das kritische Anfangsjahr dafür."

Millionen Chinesen sahen sich die Fernsehübertragung an, hörten aber nicht zu. Sie hatten nur Augen für das, was auf Xis Schreibtisch liegt, in den Bücherschränken steht und für die aufgestellten Fotos. Die kuriose Neugier, einmal im Jahr ins Büro des absoluten Herrschers blicken zu können, ist ein Ritual geworden. Massenhaft analysierten Blogger tags darauf, was es Neues, oder anderes zu sehen gab.

Inszenierung

Rundumschwenks der Kameras lieferten ihnen das Anschauungsmaterial, um etwa sieben neue unter den 12 Fotos zu erkennen. Auf einem spricht Xi mit erhobener Faust während der Pekinger Militärparade im vergangenen September. Die Identifizierung der Aufnahmen sind nicht dem virtuellen Geschick der Blogger zu verdanken, sondern von der Propaganda gewollt. Webseiten und Agenturen verrieten, wie minutiös die Neujahrsshow inszeniert wurde.

Die Anordnung auf dem geräumigen Arbeitstisch von Xi fällt auch darunter. Dort stehen drei klobige Standtelefone, eines in weiß und zwei in Rot. Richard McGregor, Autor des Standardwerks "Die Partei" nennt die Telefone "rote Maschinen" zur internen Kommunikation und Machtsymbol einer exklusiven Elite. Xi hat gleich zwei davon. Soll damit der Öffentlichkeit signalisiert werden, dass Chinas Führer nach der Serie weltweiter Online-Abhörskandale dem Handy und Mobilfunk misstraut? Oder soll nur nicht gezeigt werden, welche Marken Xi verwendet. Auffallend ist der komplette Verzicht auf Laptops oder Standcomputer in seinem Büro. Nicht mal eine Digitaluhr, oder ein elektronischer Kalender sind zu sehen. Dabei lobt die Nachrichtenagentur Xinhua wieviel an moderner Internetsprache sich in Xis Neujahrsrede verbirgt. So zitiert er den beliebten Bloggerspruch: "Die Welt ist groß und voller Probleme" China dürfe sich daher nicht abseits stellen. Die internationale Gemeinschaft warte auf seine Stimme und seine Lösungspläne, "Unser Freundeskreis (pengyouchuan) wird weiter und weiter wachsen." Auch dieser Ausdruck stammt aus dem WhatsApp ähnlichen chinesischen Wechat.

Überbleibsel

In seinem Büro aber wirkt alles wie aus dem Museum, angefangen beim Lochblattkalender bis zum Bambus-Behälter voller gespitzter Buntstifte. Ordentlich gestapelt liegt ein kleines Häufchen Dokumentenmappen auf dem Tisch. Blogger bemerkten, das es eine dicke Schriftmappe weniger als im letzten Jahr ist und spotten: Offenbar wird hier gearbeitet. Das zeige sich auch an den zwei Büchern auf dem Tisch, über die Richtlinien zum neuen 13. Fünfjahresplan, (die schon im Oktober erschienen) und an einem Band mit Statistiken zur grünen Entwicklung.

Von den "privaten" Fotos im Büro, die auch bei der Neujahrsansprache von Xi im vergangenen Jahr gezeigt wurden, sind nur die fünf Familienaufnahmen geblieben. Darunter sind ein romantisches Foto mit seiner Frau, ein Bild mit seiner Tochter und seine Hingabe für die Eltern. Die neuen Fotos zeigen ihn auf Reisen im Land oder bei einer Rede vor der UN.

Chinas offizielle Webseiten erhielten alle Fotos zum Nachdruck. Auf ihnen ist auch zu erkennen, was Xi in seinem Büro angeblich alles liest. In seinen Bücherschränken stehen neben marxistischen Werke und chinesischer Philosophie auch die klassische Moderne der Literatur mit Lu Xun und Lao She. All das dient wohl nicht nur, den Personenkult um Xi als Volkstribun anzuheizen. Es vermittelt noch eine andere Botschaft: Sein Schreibtisch und sein Büro wirken wie ein Überbleibsel aus der noch guten alten sozialistischen Zeit. (Johnny Erling, 1.1.2016)

  • Artikelbild
    foto: reuters/lan hongguang/
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