Die große Prognose: Was uns das Tech-Jahr 2016 bringen wird

1. Jänner 2016, 17:39
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Spezialisierte Smartphones, mehr Convertibles, Wearable-Experimente und der Start ins VR-Zeitalter

Das Jahr 2015 ist zu Ende und die Welt der Technologie hat einige erwartete Entwicklungen und auch Überraschungen gebracht. Die Prognosen des WebStandard sind weitestgehend eingetroffen, waren in manchen Aspekten aber auch ihrer Zeit voraus.

Grund genug, das Experiment zu wiederholen und wieder einen Blick in die Zukunft zu werfen. Folgende Entwicklungen sehen wir für 2016 voraus.

Hinweis: Es folgt ein sehr ausführlicher Text. Wer eine kurze Zusammenfassung bevorzugt, findet diese am Ende des Artikels unter der Überschrift "TL;DR".

foto: derstandard.at/pichler

Smartphones: Abschied von der Specsheet-Schlacht

Auf einem vor allem im Westen gesättigten Markt wird es für Hersteller immer schwerer, sich zu differenzieren. Daher ist ein Strategiewechsel eine logische Folge. Die üblichen Upgrades – flottere Prozessoren, mehr Speicher, bessere Kameras – wird es freilich auch 2016 geben. Doch reine technische Spezifikationen sind für viele Kunden von wenig Bedeutung.

Mit drei Trends ist zu rechnen: Lifestyle, die weitere Aufwertung der preislichen Mittelklasse und Spezialisierung. Die ersten beiden Entwicklungen zeigen sich schon länger. Technologie als Status-Symbol ist eine Taktik, derer sich Apple schon länger und durchaus erfolgreich bedient. Andere Hersteller setzen mittlerweile auch immer stärker auf Sujets, in der nicht die pure Rechenkraft ihrer Flaggschiffe im Mittelpunkt steht, sondern ihr Design und wie sie sich etwa durch die Möglichkeit, besonders schöne Fotos zu schießen, in den Alltag integrieren. Ob nun ein Snapdragon 810 oder ein Snapdragon 808 den Unterbau bildet, ist für die angesprochene Zielgruppe nicht relevant.

Mehr Highend-Geräte zum Mittelklasse-Preis

Was OnePlus mit dem OnePlus One vergangenes Jahr losgetreten hat, findet mittlerweile auch bei größeren Herstellern Nachahmer. Diese bedienen sich aus marketingtechnischen Gründen dabei allerdings eigener Submarken. Lenovo bietet mit dem ZUK Z1 etwa die Hardware der 2014er-Flaggschiffe zum Mittelklasse-Preis an, Huawei beackert das Feld mit Honor. Im Preissegment unter 200 Euro mischt Motorola schon länger mit der Moto G-Reihe mit, hier buhlen zudem kleinere Hersteller wie Wiko ebenfalls mit tauglichen Geräten um die Gunst der Kunden.

Auch eine Kombination aus leistbarer Mittelklasse mit Fokus auf Design und Lifestyle sieht man immer öfter. Etwa das Huawei P8 lite, LG Zero oder das OnePlus X.

foto: derstandard.at/pichler

Spezialisten gefragt

Aus Asien in den Westen schwappen dürfte außerdem der Trend, Smartphones radikal auf ein Merkmal hin zu spezialisieren. Im Moment liegt hier der Schwerpunkt auf der Akkulaufzeit, eine der größten Schwächen, mit denen moderne Smartphones trotz aller Software-Tricks immer noch zu kämpfen haben. Mittlerweile gibt es eine wachsende Anzahl an Geräten, die sich dem "Schlankheitswahn" entziehen und sich trauen, dicke und schwere Smartphones auf den Markt zu bringen.

So hat der WebStandard etwa das Innos D6000 näher begutachtet, ein Gerät mit Mittelklasse-Prozessor, passabler, aber nicht überragender Kamera, dafür aber zwei Akkus mit insgesamt 6.000 mAh. Der lokale Konkurrent Oukitel hat mittlerweile eins draufgesetzt und beim K10000 gleich einen Energiespeicher mit 10.000 mAh an Kapazität verbaut. Vorboten, dass man derlei Geräte bald auch in Europa finden könnte, sind beispielsweise das P70, K80 oder S860 von Lenovo – Smartphones verschiedener Preisklassen, Displaygrößen von fünf bis 5,5 Zoll und jeweils einem stolzen 4.000-mAh-Akku.

foto: derstandard.at/wendel

Weniger Tablets, mehr Convertibles

Warfen Branchenriesen wie Samsung die vergangenen Jahre noch munter neue Tabletmodelle auf den Markt, ist 2015 eine deutliche Flaute zu spüren. Der Grund: Wer ein Tablet hat, erneuert es nicht so schnell, wie andere Geräte. Da sie für viele als reine Plattform zum Internetsurfen und Multimediakonsum dienen, ist der Bedarf nach mehr Performance geringer. Besteht man nicht auf extrem hoher Displayauflösung, tun hier selbst 200-Euro-Tablets aus 2013 noch brav ihren Dienst.

Brachte Google 2014 noch das Nexus 9 an den Start, verzichtete der Konzern aus Mountain View heuer auf ein Nexus-Tab. Gerüchteweise könnte auf der Google I/O 2016 ein neues Nexus 7 erscheinen, das Huawei fertigen soll. Die letzte Iteration stammt aus 2013. Apple begnügte sich mit einer wenig spektakulären Neuauflage des iPad Mini.

Stattdessen lieferten beide Konzerne in Form des Pixel C bzw. iPad Pro Convertibles ab, die mit einem etwas größeren Formfaktor und Tastaturdock auch den Aufgabenbereich eines Laptops mit abdecken sollen – zumindest teilweise. Vorreiter in dieser Kategorie ist Microsoft, dessen Beharrlichkeit mit der Surface-Reihe nun langsam Früchte trägt.

Günstigere, bessere 2-in-1-Geräte

Grundsätzlich gilt für alle genannten Geräte, dass sie für ein "echtes" Tablet etwas zu klobig sind und auch in der Verwendung als Laptop das eine oder andere Defizit mitbringt. Doch die 2-in-1-Geräte mausern sich zusehends. Sie werden 2016 immer öfter im Handel zu finden sein – nicht nur in bergigen Preisregionen. Wir rechnen mit deutlich höherem Produktaufkommen im Preisbereich von 400 bis 600 Euro.

Intels neue Atom-Prozessoren und preisgünstige Chips wie der Core-M ermöglichen auch die Umsetzung guter Convertibles für kleinere Budgets. Wenngleich sie nicht mit ihren Core-i-bestückten Geschwistern mithalten können, ist Internetsurfen, Office-Arbeiten und Casual Gaming damit um einiges besser zu bewerkstelligen. Abstriche werden in vielen Fällen immer noch bei der Displayqualität oder Zusatzfeatures wie Stiftunterstützung gemacht werden müssen.

foto: derstandard.at/koller

E-Reader: Gekommen, um zu bleiben

Etwas voreilig schrieben manche Analysten in den vergangenen Monaten den Tod der E-Book-Reader herbei. Und in der Tat wurde auch berichtet, dass im Handel die Nachfrage vielerorts rückläufig ist. Manche Hersteller zogen sich aus dem Bereich auch zurück. Doch mit dem Ableben der Lesegeräte ist auch 2016 nicht zu rechnen.

Viel mehr werden sich die Reader in jener Nische halten, die sie seit eh und je besetzen. Sie sind spezialisiert darauf, ein durch spezielle Displaytechnologie (E-Ink, E-Paper, etc.) besonders augenschonendes, papier-ähnliches Leseerlebnis zu bieten und mit langer Akkulaufzeit und den natürlichen Vorteilen des digitalen Lesens zu vereinen. Das tun sie nach wie vor, allerdings gab es schon länger keinen großen Entwicklungssprung mehr.

The next big thing

2012 läutete Amazon mit dem Kindle Paperwhite die Ära der E-Reader mit integrierter Hintergrundbeleuchtung ein. Das Feature ermöglicht gesünderes und deutlich komfortableres Lesen und war im Grunde das letzte wirklich zugkräftige Upgrade-Argument für die Zielgruppe.

Seitdem stockten die Hersteller die Software der Geräte mit manchen neuen Features auf, verbesserten die Beleuchtung und erhöhten die Auflösung. Das rechtfertigt für viele eben so wenig einen Neukauf wie etwa die Wasserfestigkeit des Tolino Vision, der damit im Grunde das Spezialpublikum der Badewannenleser bedient.

Der nächste Sprung ist absehbar: Farbbildschirme auf Basis von E-Ink und Co. Werden die Sphäre der E-Reader von Büchern bis hin zu bebilderter Fachliteratur, Comics und Magazinen ausdehnen. Farbige Bildschirme dieser Art gibt es bereits eine Weile, doch weder würde die aktuell erreichbare Farbtiefe ihren Zweck erfüllen, noch sind sie erschwinglich genug. 2016 werden E-Reader also weiter vor sich hin stagnieren und mit inkrementellen Upgrades locken.

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Wearables: Sportliche Experimente

Ab zur nächsten Kategorie: Smartwatches, Fitnesstracker und ähnliche Begleiter, die man mehr oder weniger bequem am eigenen Körper anbringt. In puncto Uhren erscheint die Vorhersage leicht: Leistungsfähigere Smartwatches mit längerer Akkulaufzeit und besserer Software werden den Markt insgesamt wachsen lassen und zeigen, ob der Trend in Richtung Nische oder Massenmarkt geht.

Viel spannender wird es im Sportbereich. Verfolgt man diverse Ankündigungen und wirft einen Blick auf Crowdfunding-Plattformen, dann blüht uns ein Jahr voller Experimente. Von einfachen Allround-Trackern, die durch Schrittzählen, Bewegungs-Remindern und groben Kalorienrechnungen zu gesünderer Lebensweise animieren sollen reicht die Bandbreite künftig bis zu Geräten, die auf bestimmte Sportarten spezialisiert sind.

Beispiele: Der Surftracker Glassy Zone oder das für Läufer und Radfahrer ausgelegte Flyfit. Auch etablierte Hersteller werden abseits ihrer Allrounder hier das Terrain langsam erkunden. Immer mehr Tracker werden dabei (endlich) soweit wassergeschützt sein, dass man ohne Angst mit ihnen Schwimmen gehen kann. Dazu werden fast alle Fitnessgadgets im dreistelligen Preisbereich einen Pulsmesser bieten. Die Akkulaufzeit wird von aktuell wenigen Tagen im Schnitt auf 1-2 Wochen steigen.

foto: der standard

Virtual Reality auf Pioniersuche

Nicht auslassen darf man natürlich die virtuelle Realität. Für diese Technologie wird 2016 das Jahr des Aufbruchs in die Kommerzialisierung. Oculus Rift, HTC Vive und PlayStation VR als große Hoffnungsträger sowie einige weniger bekannte Produkte werden erstmals für Endkunden verfügbar. Mit einem großen Boom ist aber noch nicht zu rechnen, und das hat mehrere Gründe.

Zum Einen ist man technisch noch nicht so weit, wie man für ein wirklich massentaugliches Erlebnis sein müsste. Dieses würde wohl bei VR-Brillen ein kabelloses System mit 4K-Auflösung auf beiden Augen voraussetzen. Dies ist im Moment kaum befriedigend oder gar zu einem akzeptablen Preis umsetzbar. Dazu würde dies auch einen entsprechend teuren PC voraussetzen. Die PlayStation 4 wäre unter diesen Voraussetzungen als Plattform ungeeignet, zumal PlayStation VR schon jetzt Abstriche im Vergleich mit Oculus und Co machen muss.

Hoher Preis, zuwenig Games

Auch so wird die Preishürde wohl etwas höher werden, als ursprünglich erwartet. Erst letzten Mai schätzte Oculus-CEO Brendan Iribe, dass ein VR-tauglicher Rechner nebst Brille wohl um die 1.500 Dollar kosten werde.

Und dann benötigen auch die Spielehersteller noch Zeit fürs Warm-up. Zwar sind einige interessante Virtual Reality-Games angekündigt, die ganz großen Blockbuster zeichnen sich aber noch nicht ab. Selbst wenn man optimistisch davon ausgeht, dass fleißige Modder ihre Lieblingsgames für die Erkundung "durch die Brille" umbauen, wird die erste Generation an VR-Devices nur für Early Adopter spannend sein.

Der Weg zum Massenprodukt ist noch ein paar Jahre weit. Dafür werden wir 2016 einige spannende Einsatzmöglichkeiten abseits der Gaming-Sphäre kennen lernen, zumal Oculus-Besitzer Facebook in der Technologie die Zukunft der Kommunikation erkennen will.

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TL;DR – die Kurzfassung

Bei Smartphones rückt die Spezifikations-Schlacht stärker in den Hintergrund, Hersteller werden den Lifestyle-Aspekt stärker betonen. Der Trend zu Highend-Geräten zum Mittelklasse-Preis wird sich verstärken, Mittelklasse-Smartphones werden ebenfalls billiger. Und es wird mehr spezialisierte Handys geben, etwa mit deutlich größeren Akkus und auch zu Lasten des Designs.

Convertibles werden zu Lasten von Tablets Marktanteile gewinnen. Aktuelle Prozessorgenerationen ermöglichen dabei auch die Umsetzung von 2-in-1-Geräten im Preisbereich von 400 bis 600 Euro, die alle Ansprüche von Multimedia und Office bis Casual Gaming hinsichtlich ihrer Performance bedienen können.

Das Geschäft mit E-Readern wird weiter in seiner Nische stagnieren, weil nicht mit großen Innovationen zu rechnen und somit für die meisten Nutzer kein Grund für ein Upgrade besteht. Der nächste große Sprung in der Nachfrage ist mit guten Farbdisplays auf Basis von E-Ink und ähnlichen Technologien zu erwarten. Diese werden aber 2016 weder marktreif, noch leistbar sein.

Bei Smartwatches ist mit solider Weiterentwicklung bei Hard- und Software zu rechnen. Im Bereich der Fitnesstracker steht ein Jahr der Experimente bevor – etwa mit Geräten, die auf bestimmte Sportarten zugeschnitten sind. Viel mehr Geräte werden wasserdicht gebaut werden und über Pulsmesser verfügen, dazu steigt die durchschnittliche Akkulaufzeit auf 1-2 Wochen an.

2016 erscheinen auch lang erwartete Virtual Reality-Systeme, der große Ansturm wird aber ausbleiben. Die erste Generation wird aufgrund ihrer technischen Grenzen, relativ hohen Anschaffungskosten und einem überschaubaren Spielesortiment vor allem für Early Adopter interessant sein.

Und was erwarten Sie?

Es gäbe freilich noch viele Trends zu besprechen. Auch das Geschäft mit Fernsehern oder vielen anderen Technikprodukten wird nicht stillstehen. Das Internet der Dinge – von intelligenten Lautsprechern wie Amazon Echo über vernetzte Beleuchtung oder smarte Kaffeemaschinen – wird seine Präsenz im Alltag ausweiten. Und neben mehr Komfort auch Fragen zu Sicherheit und Privatsphäre aufwerfen.

Welche Technik-Trends erwarten Sie im neuen Jahr? Wie werden sich die elektronischen Begleiter in unserem Leben verändern? Welche Geräte werden obsolet, welche nehmen an Bedeutung zu? Beweisen Sie ihre Fertigkeiten als IT-Orakel im Forum! (Georg Pichler, 1.1.2016)

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