Project Tango: Google und Lenovo bauen "sehendes" Smartphone

8. Jänner 2016, 09:28
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Ideenwettbewerb für Entwickler ausgerufen – 3D-Erkennungstechnologie steht am Scheideweg

Anfang 2014 hat Google eines seiner Technikprojekte aus der Abteilung für fortgeschrittene Technologien (ATAP) vorgestellt. Unter dem Namen "Project Tango" präsentierte man ein mit Sensoren gespicktes Smartphone, das in der Lage war, seine Umgebung in Echtzeit und in 3D zu erfassen – praktisch eine weit fortgeschrittene, aber kompaktere Version von Microsofts Kinect. In den folgenden Monaten ging die Entwicklung flott weiter. Mitte des Jahres folgte ein Tablet als Entwicklerplattform. Im Februar letzten Jahres wurde Tango schließlich "flügge" und übersiedelte von ATAP direkt unter das Dach von Google.

Seitdem ist es still geworden. Der Launch eines kommerziellen Gerätes mit der Technologie, den man sich auf der Google I/O 2014 noch für 2015 vorgenommen hatte, ist nicht erfolgt.

foto: google
Ein Ausschnitt aus einer frühen Demosntration von Project Tango.

Anderthalb Jahre nach der Vorstellung hat der IT-Riese aber nun einen Partner für das erste kommerzielle Gerät, das mit der 3D-Erfassung ausgestattet wird. Der chinesische Hersteller Lenovo, der einst Motorola von Google übernommen hatte, arbeitet an einem Smartphone. Auch der US-Chiphersteller Qualcomm beteiligt sich an der Umsetzung.

Mehr Informationen über das Gerät finden sich allerdings weder in den Stellungnahmen der beiden Unternehmen, noch auf Lenovos eigener Website zum Projekt.

Öffentliche Sinnsuche

Tango steht an einem Scheideweg, berichtete kürzlich der Guardian. Google hat dereinst nicht zum ersten Mal eine Entwicklung publik gemacht, deren Marktstart damals noch in weiter Ferne lag, heißt es dort. Während bei selbstfahrenden Autos, Internet-Ballons und ähnlichen Dingen aber ohnehin öffentliche Tests bevorstanden, verhält es sich hier anders. Google hat Tango enthüllt, weil man sich offenbar selber nicht darüber im Klaren war, was sich alles damit anfangen lässt.

Daher wollte man baldmöglichst die Entwicklercommunity involvieren. Zwar gab man Vorschläge, wie etwa Spiele, die die echte Welt miteinbeziehen oder Indoor-Navigation für Blinde und Sehbehinderte, grundsätzlich hatten die Interessenten aber freie Hand, sich selbst Anwendungen zu finden.

Ähnlich handhabt man es nun auch mit dem angekündigten Smartphone-Projekt. Entwickler sollen Apps erfinden und beim "Tango App Incubator" einreichen. Für vielversprechende Ansätze stellt man die Finanzierung der Entwicklung und die Vorinstallation am Gerät in Aussicht. Bis Mitte Februar haben Entwickler Zeit, sich anzumelden.

foto: lenovo

Bewährte Methode

Der Zugang, etwas zu bauen und die Möglichkeiten danach auf Basis der Verwendung genauer zu erörtern, ist in der Techindustrie nicht neu, argumentiert man beim Guardian und nennt das erste iPhone als Beispiel. Dass sich farbige, kapazitive Touchscreens und einfache Gesten wie "Pinch-to-Zoom" schnell durchsetzten, erscheint wenig erstaunlich.

Unklar war aber zu dem Zeitpunkt, welche Bedeutung der Beschleunigungssensor in Zukunft haben würde. Dieser ermöglicht es dem Gerät, seine eigene, relative Ausrichtung zu ermitteln. Am iPhone diente er zu Beginn lediglich dazu, beim drehen des Telefons in die Seitenlage den Bildschirminhalt neu auszurichten. Eine Funktion, die sich auch mit einem Onscreen-Button hätte umsetzen lassen.

2008 debütierte neben dem iPhone 3G der App Store und Entwickler hatten erstmals die Möglichkeit, selbst Gebrauch vom Accelerometer zu machen. Heute findet sich der Sensor in jedem Smartphone und zahlreiche Anwendungen und Spiele verlassen sich auf seine Daten.

guardian science and tech

Beeindruckend

Seit vergangenem August können auch Entwickler außerhalb der USA Tango-Devkits erwerben. Und nach einem Testlauf mit Tango zeigte sich Guardian-Redakteur Alex Hern beeindruckt von den Möglichkeiten der Technologie. Sie eröffnet einerseits die Möglichkeiten, spektakuläre Spiele zu erschaffen und das Wohnzimmer etwa zu einem prähistorischen Spielfeld zu transformieren, gleichzeitig hat sie aber auch das Potenzial für einfache "Killer-Apps", wie das Vermessen des Abstands zweier Punkte im Raum.

Ein Logistikunternehmen soll bereits Software entwickelt haben, die derlei Funktionen fortgeschritten Einsetzen. So sei es möglich, ein Tango-Gerät auf Frachtgut zu richten und sich anschließend anzusehen, wie sich dieses am besten in einem Transportcontainer anordnen lässt.

Abwarten

Bei Google und seinen Partnern denkt man derweil laut darüber nach, die Erfindung nicht nur für Smartphones und Tablets umzusetzen, sondern auch Drohnen damit zu bestücken. Das ist allerdings noch Zukunftsmusik. In den nächsten Monaten wartet eine Akzeptanzprüfung auf das Technikprojekt.

Es wird sich entscheiden, ob Project Tango einen festen Platz auf Smartphones und Tablets für Privatanwender und Businessuser finden wird. Google hat die Vorarbeit geleistet, der Ball liegt bei den Herstellern. Lenovo hat nun den Anstoß gewagt, die Entwicklung dürfte richtungsweisend werden. (gpi, 08.01.2015)

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