Was den Universitäten in Österreich fehlt

Kommentar der anderen28. Dezember 2015, 17:19
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Den Universitäten mangelt es nicht an Problemen: weder an den Schnittstellen zur Regierung noch im eigenen Bereich. Finanzielle Ressourcen sind gering, die Kooperation untereinander ist schwierig. Das wirkt sich auf den Standort Österreich insgesamt aus

Sonja Hammerschmid, Rektorin der Veterinärmedizinischen Universität, wurde zur neuen Vorsitzenden der Universitätenkonferenz gewählt. Sie löst damit Heinrich Schmidinger von der Uni Salzburg ab, der die Universitäten nach innen und außen zu steuern trachtete, engagiert, feinsinnig, höchst integer und diplomatisch. All das trifft auch auf Frau Hammerschmid zu, die als gewiefte Verhandlerin gilt, gut vernetzt mit den hoffentlich reformorientierten heimischen Entscheidungsträgern aller Couleurs. Und auch als Kämpferin, wenn es sein muss. Gut so, denn nur mit leiser Zurückhaltung ist für die ohnehin nicht unter Überbeachtung leidenden heimischen Unis offenbar kein Staat zu machen.

Der "Baustelle österreichische Universität" mangelt es nicht an Problemen: weder an der Schnittstelle zur Regierung noch nach innen. Einerseits hängen unsere ach so vollrechtsfähigen Unis fast zur Gänze am dünnen finanziellen Gängelband des Staates, der sie auch bezüglich dringender Reformen schon lange im Regen stehen lässt; andererseits tun sie sich mit der Lösung interner Probleme und mit der Kooperation untereinander notorisch schwer.

Die Unis sind mehr als nur zentrale Säule der heimischen Innovationskette. Ihre Verfasstheit wirkt sich unweigerlich, gravierend und vielfältig auf Gesellschaft und Standortqualität aus. Gerade weil Unis und Gesellschaft in enger Feedback-Beziehung stehen, sind ihre aktuellen Probleme letztlich auch Abbild der Verfasstheit von Staat und Gesellschaft. So leiden die zentralen Funktionsbereiche der Unis, die Lehre und die Grundlagenforschung, und die Heranbildung der neuen besten Köpfe unter gravierenden finanziellen und strukturellen Schwächen. Auch die Arbeits- und Funktionsteilung mit den Fachhochschulen bleibt unklar, und in der Kooperation mit der Wirtschaft gibt es noch sehr viel Luft nach oben.

Positiv ist zu werten, dass der Bundesregierung die Lage bewusst zu sein scheint. Anlässlich ihrer Europatagung 2015 gab der regierungsnahe ERA Council Forum Austria sieben Empfehlungen zur Verbesserung der Lage in Österreich ab, die alle auch mit den Universitäten zu tun haben. Man stellt fest, dass Österreich keine Chance hätte, zur Gruppe der Innovation-Leader aufzurücken, solange das bestehende österreichische Forschungs-, Technologie- und Innovationssystem (FTI) nicht infrage gestellt wird und die politische Ambition sich in Rhetorik erschöpfe. Das betrifft natürlich auch und vor allem die Unis.

Der Council hegt "keinen Zweifel daran, dass insbesondere das Wissenschaftssystem in Österreich im Vergleich zu den führenden Ländern unterfinanziert ist. Dies auszugleichen, müsste im Einklang mit grundlegenden Reformen in Angriff genommen werden". Diese Unterfinanzierung ist vor allem ein Ergebnis einer geradezu zynischen Politik, welche am freien Zugang zu den Unis festhält, dann aber nicht die Mittel bereitstellt, damit dort auch optimal gearbeitet werden kann.

Daher empfiehlt der ERA-Council als dritte Empfehlung auch die Einführung der Studienplatzfinanzierung. Vernünftige Formen der Zugangsbeschränkung (nicht das gegenwärtige Flickwerk von Bereichsregelungen) werden unvermeidlich sein.

Peinlich unterfinanziert

Geradezu peinlich unterfinanziert ist auch der FWF (Austrian Science Fund), die einzige heimische Institution, die in nennenswertem Ausmaß Topgrundlagenforschung nach internationalen Maßstäben fördert. Pro Jahr stehen 200 Millionen Euro zur Verfügung, gebraucht würde etwa das Doppelte. Zur Illustration: der für die angewandte Forschung zuständigen FFG stehen 600 Millionen Euro p. a. zur Verfügung, was auch in Ordnung ist.

Nicht in Ordnung dagegen ist das Aushungern der Grundlagenforschung, die seit der Regierung Schüssel durchaus im Aufwind war. Von den FWF-Mitteln gehen etwa 80 Prozent direkt an die Exzellenzbereiche der Unis, 90 Prozent davon wiederum in die Förderung der Topnachwuchsforscher. Die Finanzmisere des FWF führte zu einem Stillstand bei den Overheads an die Institutionen, zu einer Einschränkung bei der Förderung der Forschungsnetzwerke und zur auch die Unis beschädigenden Einstellung der so wichtigen Doktoratskollegs. All das fällt den Unis massiv und direkt auf den Kopf und muss für Österreich als Wissenschafts- und Wirtschaftsstandort als latente Katastrophe gewertet werden.

Der ERA-Council empfiehlt ferner, "die berufsorientierte akademische Ausbildung bedeutend mehr als heute in die Hände der Fachhochschulen zu legen", um damit die Interessensvielfalt an den Unis zu begrenzen und natürlich auch dringend nötige Mittel für die eigentlichen akademischen Aufgaben der Universitäten freizuschaufeln.

Falscher Bolognaprozess

Leider haben die Unis gerade den sogenannten Bolognaprozess in die falsche Kehle bekommen. Die Vereinheitlichung der Studiengänge sollte zu einer erhöhten Durchlässigkeit für Studierende in Europa führen. Erreicht wurde das Gegenteil, nicht zuletzt, weil die Unis den Bologna-Rahmen zum Anlass für einen nahezu selbstzerstörerischen Bürokratisierungs- und Verschulungsschub nahmen, besonders im Zusammenhang mit dem Bakkalaureat.

Die akademischen Alleinstellungsmerkmale der Unis werden damit immer unklarer. Gleichzeitig bemühen sich die Fachhochschulen in verständlichem, aber fehlgeleitetem Ehrgeiz um die Einführung von Doktoratsstudiengängen und rittern darum, kleine Vollunis zu werden.

Weitere Empfehlungen des ERA-Councils betreffen eine Bündelung der Kräfte im FTI-Bereich und eine Sanierung einschlägiger Schwächen der heimischen Wirtschaft unter noch stärkerer Nutzung vor allem des europäischen Forschungsraums. In Österreich fließt wahrlich nicht wenig Steuergeld in den Bereich Forschung und Entwicklung (je nach Rechnung um die fünf Milliarden p. a.), aber es werden viel zu viele Schrebergärten gehegt, und es wird immer noch viel zu wenig von privat und von der Wirtschaft selbst investiert. Kann es sein, dass die 600 Millionen des FFG den privaten Wissenschaftsmarkt eher behindern, als ihn zu stimulieren? Trotz aller Bemühungen zeigen Wirtschaftsvertreter immer noch ein profundes Misstrauen der Grundlagenforschung und den Unis gegenüber. Und auch bei Letzteren gibt es noch deutlich Luft nach oben, die Wirtschaft als wichtigen Partner zu sehen.

Zu den inneren Problemen der Unis zählen neben der überbordenden Bürokratisierung auch die schleppende Profilbildung und ihre konservative Ausrichtung auf den klassischen Fächerkanon. Damit reagieren sie nur mit großer Verzögerung auf die rasanten gesellschaftlichen und globalen Entwicklungen, ihre Zukunftsorientierung überzeugt im Großen nicht, trotz gelegentlichem Aktionismus.

So liegt die Welt im Multitrauma. Der Klimawandel zwingt uns bislang undenkbare Zukunftsszenarien auf, die großen politisch und klimatisch bedingten Wanderbewegungen haben gerade erst begonnen, und niemand weiß, ob in den kommenden Jahrzehnten die Integration gelingen wird oder ob fortschreitende Disintegration zu Bürgerkriegen zwischen den Habenichtsen und den Besitzenden, zwischen Ethnien und Religionen mitten in Europa führen wird. Niemand weiß, ob je wieder Friede sein wird oder ob der "Krieg gegen den Terror" nicht schon Teil jenes latent-chronischen "Dritten Weltkriegs" ist, von dem Papst Franziskus immer wieder zu sprechen geruht. Aber auch im Kleinen schlafen die meisten Unis tief und fest.

Größere Herausforderungen

Die Unis stehen zweifellos vor größeren Herausforderungen denn je. Von allen Seiten wird an ihnen gezerrt, wird immer mehr "Effizienz" verlangt. Nicht einfach zu erfüllen, denn ein möglichst vollständiger Fächerkanon (was immer das heute auch sein mag) definiert nun einmal die Volluniversität. Allerdings stellt sich schon lange die Frage, ob im kleinen Österreich wirklich an allen Unis alle Fächer vertreten sein müssen. Die Biologie im klassischen Sinne etwa an vier Unis, an zwei davon eher schlecht als recht, was kritische Masse betrifft. Beispiele wie diese gibt es viele, wie auch unverständliche Beispiele in die Gegenrichtung.

Die Themen werden Frau Hammerschmid – hoffentlich in enger Kooperation mit den Reformkräften im Lande – nicht ausgehen, und es ist ihr – durchaus aus profundem Egoismus – viel Erfolg zu wünschen. Vor übertriebenen Erwartungen sei allerdings gewarnt, denn die Universitätenkonferenz wie auch ihre Vorsitzende verfügen über keinerlei offizielle Machtbefugnisse. (Kurt Kotrschal, 28.12.2015)

Kurt Kotrschal (62) ist Verhaltensbiologe, Professor an der Universität Wien und Direktor der Konrad-Lorenz-Forschungsstelle. Er ist Kuratoriumsmitglied des FWF.

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