Versuchte Vereinigung von Fortschritt und Ethik

29. Dezember 2015, 09:00
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Fortpflanzungsmedizin wurde in Österreich neu geregelt und von einer kritischen Debatte begleitet

Es war keine leichte Geburt. Bevor Paaren in Österreich auch via Eizellenspende zu einem Kind verholfen werden durfte, brauchte es erst ein Erkenntnis des Verfassungsgerichtshofs, seit Februar ist das neue Gesetz in Kraft. Wie viele Babys auf diesem Weg entstanden sind, ist nicht bekannt. Zahlen dazu gibt es nicht, sie dürften aber nicht sehr groß sein. Obwohl die Eizellenspende nun erlaubt ist, gibt es wenige Spenderinnen. Sie müssen über 18 und unter 30 Jahre alt sein und dürfen kein Geld für ihre Eizellen bekommen. Der Gesetzgeber hat ein Kommerzialisierungsverbot verankert. Eizellenbanken gibt es in Österreich noch nicht, die Empfängerin muss mit einer Spenderin kommen.

Für Stefan Jirecek, den Leiter des Fertilitätszentrums Döbling, ist das Verbot "erschwerend, aber zu akzeptieren". Die Regelung soll verhindern, dass ein Markt entsteht. Das sei durchaus sinnvoll, sagt Christiane Druml. Andererseits: "Die Spenderin soll nicht im Nachteil sein, wenn alle anderen einen Vorteil erzielen", sagt die Vorsitzende der Bioethikkommission. Eine angemessene Entschädigung, die Abgeltung eines allfälligen Verdienstentgangs und medizinische Betreuung müssten zur Verfügung gestellt werden.

Fertilitätstourismus

Denn die Eizellenspende ist ein operativer Eingriff unter Narkose. Die Spenderin muss sich zuvor einer bis zu zwölf Tage langen Hormontherapie unterziehen. Österreich hat im Vorjahr nach intensiven Debatten das Fortpflanzungsmedizingesetz modernisiert, neben der Eizellenspende ist die künstliche Befruchtung für lesbische Paare und die Präimplantationsdiagnostik erlaubt worden. Die Frage, ob alles, was medizinisch möglich ist, auch ethisch vertretbar ist, hat die Debatte bestimmt.

In einigen Nachbarländern sind die Gesetze lockerer, ein Fertilitätstourismus ist entstanden, von dem mittlerweile auch Österreich profitiert. Die Novelle sollte auch das eindämmen, damit Kinderwunsch nicht wohlhabenden Paaren vorbehalten sei, erklärt Druml.

Eine Entscheidung für eine künstliche Befruchtung werde nicht aus Lifestylegründen getroffen. "Das sind Menschen mit hohem Leidensdruck, die Kinderlosigkeit als stark belastend empfinden." Für sie sei eine künstliche Befruchtung die "Ultima Ratio".

Ähnlich sieht es auch Mediziner Jirecek. Eizellenspenden sind für Frauen, die aus medizinischen Gründen wie einer Krebserkrankung keine Eierstockreserven bilden können.

Ein anderer bis heute strittiger Punkt ist die Präimplantationsdiagnostik. Nach drei Fehlgeburten können Embryonen vor dem Einsetzen in die Gebärmutter auf bestimmte genetische Erkrankungen überprüft werden. Entschieden wird das von Fall zu Fall von einer Kommission, die laut Ministerium Ende Jänner zum ersten Mal entscheiden wird. Jirecek empfindet die drei Fehlversuche als "zynisch", da Fehlgeburten psychisch und physisch stark belastend seien. Doch auch er ist dagegen, alle medizinischen Möglichkeiten auszuschöpfen. "Ein grenzenloses Screening ist nicht sinnvoll", sagt der Arzt, zu schnell sei man bei einer "Selektion".

Druml stimmt dem Mediziner zu. Doch für sie entsteht ein "Wertungswiderspruch", wenn Präimplantationsdiagnostik verboten, aber Pränataldiagnostik erlaubt ist. Das heißt: Wenn während der Schwangerschaft eine Behinderung des Kindes festgestellt wird, ist ein Abbruch auch noch nach dem dritten Monat möglich. Das sei eine "unzumutbare Belastung" für die Frau. (Marie-Theres Egyed, 29.12.2015)

Was rechtlich möglich ist:

  • Samenspende (Insemination) war bereits erlaubt, nun wurde sie auch für lesbische Paare zugänglich gemacht.
  • Künstliche Befruchtung (IVF) durfte bisher nur mit dem Samen des Partners erfolgen. Nun ist es Paaren möglich, den Samen Dritter zu verwenden. Auch lesbische Paare dürfen eine IVF durchführen. Doch hier gilt wie bei der Eizellenspende ein Kommerzialisierungsverbot, Kinderwunschkliniken dürfen nicht nach Spendern suchen oder ihnen etwas zahlen.
  • Eizellenspenden waren bisher verboten. Spenderinnen dürfen maximal 30 Jahre, Empfängerinnen maximal 45 Jahre alt sein.
  • Präimplantationsdiagnostik (PID): Nach drei Fehlgeburten dürfen befruchtete Eizellen auf bestimmte genetische Erkrankungen überprüft werden, bevor sie eingesetzt werden.
  • Die Eizellenspende ist seit Februar in Österreich erlaubt. Spenderinnen gibt es aber noch wenige.
    foto: apa/dpa/hirschberger

    Die Eizellenspende ist seit Februar in Österreich erlaubt. Spenderinnen gibt es aber noch wenige.

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