2015: Das Jahr, in dem Microsoft plötzlich wieder cool wurde

Analyse30. Dezember 2015, 09:05
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In seinen ersten zwei Jahren als CEO verpasste Satya Nadella dem IT-Dinosaurier ein neues Image

Rückblick in die frühen 2010er-Jahre: Microsoft war jene Firma, die allein aufgrund ihres Erbes als überlebensfähig galt. Millionen Rechner, vor allem in Büros, waren auf das Betriebssystem Windows samt der Office Suite angewiesen. In anderen Bereichen der IT-Branche hinkte der Konzern massiv hinterher: Microsoft hatte das Internet verpasst, mobile Datenträger verpasst und soziale Netzwerke ebenso. An die verkorksten Reaktionen erinnern düster Namen wie Kin, Zune oder die Suchmaschine Bing (die in den vergangenen Jahren massiv verbessert wurde). Für viel Geld wurden Panikkäufe getätigt, etwa Nokia oder Skype erworben.

Echtzeit-Übersetzungen und Macbook-Konkurrenten

Zurück in die Zukunft: Heute hat Microsoft mit der "Augmented Reality"-Brille Hololens eine der spektakulärsten Erfindungen im Ärmel. Windows 10 ist für viele Nutzer als kostenloses Upgrade verfügbar und wird rasant verbreitet. Office und andere Programme sind plötzlich auf iPad, iPhone und Android-Smartphones verfügbar. Der Skype Translator entzückte Tech-Journalisten mit Simultanübersetzungen in sechs verschiedene Sprachen. Und mit dem Surface Laptop legte Microsoft zuletzt sogar eine ernsthafte Konkurrenz zu Apples Macbook-Reihe vor.

Aktienkurs steigt

Der Hype um Microsoft bemisst sich auch in ökonomischen Werten: Der Aktienkurs des IT-Konzerns stieg im vergangenen Jahr um sage und schreibe 18 Prozent. Ein exzellenter Wert für ein alteingesessenes Unternehmen, das mit der Gratis-Veröffentlichung von Windows 10 ein großes Risiko eingegangen war. Analysten goutieren offenbar, dass der neue CEO Satya Nadella Microsoft mit aller Kraft umkrempeln will.

Unternehmen umgekrempelt

Wobei Nadella gar nicht mehr so "neu" ist: Seit Februar 2014 lenkt er die Geschicke des Tech-Giganten, der vom "Time Magazine" in einem neuen Porträt als "richtiger Nerd" beschrieben wird. So gerät Nadella immer noch ins Schwärmen, wenn er von Experimenten Anfang der 1990er-Jahre erzählt. Damals versuchte Microsoft, einen "interaktiven Fernseher" zu bauen, an dessen Entwicklung Nadella entscheidend beteiligt war. Man sieht: Nadella kommt aus dem Entwickler-Bereich und ist kein klassischer Manager wie Vorgänger Steve Ballmer.

Steve-Jobs-Vergleiche

Nadellas Charisma geht sogar so weit, dass ihn "Time" mit Apple-Gründer Steve Jobs vergleicht. Er besitze eine "Rastlosigkeit", eine "stete Form von Energie", so das US-Magazin. Nadella denkt, dass sich Änderungen durch das ganze Unternehmen ziehen müssen. Es habe keinen Sinn, losgelöste Abteilungen für Innovationen zu schaffen – wie es Microsoft etwa bei der Xbox probiert hatte. Vielmehr muss jeder Teil der Struktur stets an neuen Entwicklungen mitarbeiten. Diese Komplexität zu managen sei zwar eine riesige Herausforderung, für einen Hegemon wie Microsoft aber die einzige Möglichkeit, um relevant und innovativ zu bleiben, glaubt Nadella.

One Love

Unter ihm wurden sämtliche "Extrawürste" eingestampft: Es gibt mittlerweile nur mehr ein Marketingteam, das für ganz Microsoft zuständig ist. Ebenso nur eine Business-Development-Abteilung und so weiter. Das führt dazu, dass beispielsweise bei der virtuellen Assistentin "Cortana" dutzende Abteilungen mitarbeiten. Apropos Cortana: Zwei der wichtigsten Asse in Microsofts Ärmel wurden noch gar nicht erwähnt. In der IT-Szene gilt Microsoft als Vorreiter, was künstliche Intelligenz und Cloud-Services betrifft.

Cloud und AI als Geheimwaffen

Nadella, der letztere Abteilung vor seiner Beförderung zum CEO geleitet hatte, investierte sofort noch mehr Ressourcen in die Cloud. Microsoft will hier zum Dienstleiter für fast alle Unternehmen der Welt werden – ähnlich, wie Büros in den vergangenen Jahrzehnten mit Windows dominiert wurden. Künstliche Intelligenz gilt ebenso als ein Bereich, der zwar in der Berichterstattung vernachlässigt wird, aber riesige Auswirkungen auf das Leben der Nutzer haben wird. Scheint also, als ob Microsoft nicht so schnell wieder "uncool" werden dürfte. (fsc, 30.12.2015)

  • "Hololens" beeindruckte Techjournalisten und Mitbewerber.
    foto: ap

    "Hololens" beeindruckte Techjournalisten und Mitbewerber.

  • CEO Satya Nadella bringt Microsoft auf Vordermann.
    foto: ap

    CEO Satya Nadella bringt Microsoft auf Vordermann.

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